Nr. 46/2021 vom 18.11.2021

«Während der Trennung ist es am gefährlichsten»

Gewalt in Beziehungen ist in der Schweiz weitverbreitet: Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie. Pia Allemann von der Beratungsstelle BIF ordnet die Zahlen ein.

Von Natalia Widla (Interview) 
und Christina Baeriswyl (Illustration)

WOZ: Pia Allemann, laut einer neuen Studie haben 42 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer in der Schweiz partnerschaftliche Gewalt erlebt. Haben Sie diese Zahlen überrascht?
Pia Allemann: Im ersten Augenblick ja, denn in unseren Beratungen gehen wir davon aus, dass jede vierte bis fünfte Frau physische häusliche Gewalt erlebt. Doch wenn man die ganze psychische Gewalt, die Abwertungen, Beleidigungen und Druckversuche mitberücksichtigt, sind diese Zahlen leider nicht überraschend.

Gemäss der Studie ist jede zweite befragte Person der Ansicht, dass alles, was zu Hause passiert, Privatsache sei und somit nicht in der gesellschaftlichen Verantwortung liege.
Tatsächlich ist diese Einstellung typisch schweizerisch: die scharfe Trennung von privat und öffentlich, wonach die Familie die Politik nichts angeht, gepaart mit allgemeinem Misstrauen gegenüber staatlichen Massnahmen, die dieses vermeintlich Private zu tangieren versuchen. Ähnlich verhält es sich ja mit dem bis heute inexistenten Verbot körperlicher Züchtigung der eigenen Kinder. Ein solches scheiterte immer wieder an dem Selbstverständnis, dass der Staat kein Recht hat, hinter die Gardinen zu schauen.

Die genannten Prozentzahlen von Betroffenen stehen im Widerspruch zu den nur fünfzehn Prozent der Befragten, die angaben, bereits einmal Gewalt an der Partnerin oder dem Partner ausgeübt zu haben.
Viele Täter:innen leugnen, dass sie Gewalt ausüben. Es gibt also sicher auch einen Anteil von Menschen, die in der Studie nicht zugaben, Gewalt auszuüben, obwohl sie Täter:innen sind.

Pia Allemann Foto: Sabine Wunderlin

Ist den Täter:innen also nicht bewusst, dass sie Täter:innen sind?
Ja, davon ist auszugehen. Das hat zum Teil auch mit dem sogenannten Gewaltkreislauf zu tun. Nach einer Eskalation beharren die Täter darauf, dass sie angebracht gehandelt haben, und sagen Sachen wie: «Du hättest halt dieses oder jenes nicht sagen sollen» oder «Du hättest mich halt nicht provozieren sollen». Indem die Schuld dem Gewaltopfer zugeschoben wird, empfindet man die eigene Tätlichkeit als entschuldbar und legitim.

Gut jede fünfte befragte Person gab als Risikofaktor eine gewisse Mitschuld des Opfers als Grund für Gewalt an, etwa durch aufreizende Kleidung. Wie kann so etwas trotz Jahren der Aufklärungsarbeit sein?
Ich war im ersten Moment schockiert von dieser hohen Zahl. Dann habe ich mich aber daran erinnert, wie die Kommentare unter Artikeln oder Social-Media-Beiträgen aussehen, wenn irgendwo über Gewalt an Frauen berichtet wird. Hier scheint ja jedes Mal aufs Neue dieses Bild durch, wonach eine berechnende Frau einen armen, triebgesteuerten Mann bestrafen oder vorführen will. Ich denke, wenn zwanzig Prozent der Befragten angeben, dass Frauen eine Mitschuld an der ihnen zugefügten Gewalt haben, haben wir als Gesellschaft schlichtweg versagt und noch einiges zu tun. Ich sehe hier unter anderem die Schulen klar in der Verantwortung, an den stereotypischen Rollenbildern zu arbeiten.

Personen aus tieferen Einkommensklassen sind signifikant häufiger Opfer wie auch Täter:innen. Was sind die Gründe dafür?
Menschen mit kleineren Einkommen leben tendenziell in beengteren Verhältnissen, sind oft prekär angestellt. Während der Coronakrise litten diese Menschen zudem eher unter Lohnausfällen. Das generiert massiv mehr Stress und kann folglich auch zu partnerschaftlicher Gewalt führen. Auf der Opferseite stehen tendenziell gut situierten Betroffenen andere Möglichkeiten offen, der Situation zu entkommen, bevor sie eskaliert. Dann geht man eben in ein Ferienhaus, um Distanz zu schaffen, und nicht in ein Frauenhaus, oder man hat einen Familienanwalt, den man beiziehen kann.

Aus anderen Studien ist bekannt, dass gerade verheiratete Ausländer:innen unverhältnismässig oft von häuslicher Gewalt betroffen sind, und das besonders dann, wenn das Aufenthaltsrecht an die Ehe geknüpft ist. Die Staatspolitische Kommission des Nationalrats hat kürzlich eine Initiative hierzu eingereicht: Ehe- und Aufenthaltsrecht sollen entkoppelt werden. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Es ist tatsächlich so, dass Personen mit B-Aufenthaltsstatus aus Drittstaaten gefährdet sind, bei einer Trennung die Schweiz verlassen zu müssen. Entsprechend unterstützen wir diese Entkoppelungsbestrebungen und fordern, dass diese Frauen auch nach der Trennung mehr Zeit bekommen, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Die aktuelle Gesetzesfassung sollte schon heute Rücksicht auf Gewaltopfer nehmen. Migrant:innen können aus «wichtigen persönlichen Gründen», namentlich häuslicher Gewalt, weiterhin in der Schweiz verbleiben – auch wenn sie nicht die nötigen drei Jahre verheiratet waren, aber die häusliche Gewalt in der «geforderten, nötigen Intensität» glaubhaft machen können. Doch auch nach der Trennung geraten diese Frauen relativ bald wieder in die Mühlen des Migrationsamts, etwa wenn sie nach der Trennung Sozialhilfe bezogen haben.

Was wäre nötig, um das zu verhindern?
Auch wenn eine Frau nach der Auflösung einer missbräuchlichen Ehe im Land bleiben darf, muss sie Zeit für wirtschaftliche Integration bekommen, damit eine wirtschaftliche Unabhängigkeit überhaupt etabliert werden kann. Viele Frauen, die unter dem Familiennachzug hier sind, wurden massiv isoliert, hatten nicht die Möglichkeit, die Sprache zu lernen oder arbeiten zu gehen. Sie brauchen einfach Zeit, um sich zu erholen und Perspektiven aufzubauen.

Werden diese sozioökonomischen Abhängigkeiten in der Präventionsarbeit denn genügend berücksichtigt?
Es gibt extrem viele verschiedene Gründe, warum jemand eine Trennung hinausschiebt oder nicht vollziehen kann, aber die finanzielle Abhängigkeit ist sicher ein wichtiger Grund. Und mittlerweile auferlegt man Müttern ja, dass sie relativ schnell ein Einkommen generieren müssen. Andere Gründe, warum Frauen zögern, sich zu trennen, sind die Kinder: Sie wollen ihnen den Vater nicht wegnehmen. Frauen, die bereits als Kind von Gewalt betroffen waren oder Gewalt miterlebt haben, zeigen oft eine starke psychische Abhängigkeit. Auch wenn sie sozioökonomisch unabhängig sind, ist die Trennung ein langer Prozess, weil sie von Grund auf schon sehr vulnerabel sind. Zudem ist oft eine riesige Angst vor dem Alleinsein da.

Die Zuneigung zum gewalttätigen Partner spielt also weniger eine Rolle als die eigene Absicherung?
Was auch nicht vergessen werden darf: Bei häuslicher Gewalt gibt es nach einer Eskalation oft Versöhnungsprozesse, die von der Dynamik her ähnlich sind wie die erste Verliebtheitsphase in einer Beziehung. Das macht die Trennung viel schwieriger, weil immer wieder Zyklen von intensivem Verlieben, Versöhnen und Eskalation durchlaufen werden und die psychische Abhängigkeit dadurch wächst. Und ein letzter wichtiger Grund: Bei einer Trennung hört die Gewalt nicht automatisch auf. Die statistisch gefährlichste Zeit ist tatsächlich die Trennung – und zwar sowohl in Bezug auf Gewalt wie auch auf Femizide. Beratungsangebote und politische Lösungen müssen das berücksichtigen.

Pia Allemann (54) ist Kogeschäftsführerin der Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (BIF) in Zürich. Bei der zitierten Studie handelt es sich um eine im Auftrag der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) durch das Meinungsforschungsinstitut Sotomo im Herbst 2021 durchgeführte, repräsentative Studie mit schweizweit über 3500 befragten Personen.

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