Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

«Für viele sind diese Leute keine Menschen»

In Tschechien stirbt Ende Juni ein Rom während eines Polizeieinsatzes – nicht zum ersten Mal. Aber anders als früher ist der Widerstand diesmal deutlich grösser.

Von Jan JirátMail an AutorIn

Ein lauter Protest – doch die Mehrheitsgesellschaft schweigt: Demonstration in Teplice aus Anlass der Ermordung von Stanislav Thomas bei einem Polizeieinsatz. Foto: Ondrej Hajek, Imago

Fünf Minuten und dreissig Sekunden. So lange kniet ein Polizist am 19. Juni 2021 auf dem Hals von Stanislav Tomas. Zeitweise sitzen zwei weitere Polizisten auf dem 46-jährigen Rom. Nach vier Minuten verstummt Tomas und bleibt regungslos liegen. Der darauffolgende Rettungsdienst kommt zu spät, Stanislav Tomas lebt nicht mehr.

Eine Zeugin hat den tödlichen Polizeieinsatz in der nordböhmischen Stadt Teplice, eine gute Autostunde nördlich von Prag, mit dem Handy gefilmt. Sie stellte die Aufnahme in die sozialen Medien, zwei Tage später landete diese auf der Plattform romea.cz und gelangte von dort in die nationale und später auch die internationale Presse. Die Aufnahme fand nicht zuletzt Beachtung, weil sie Erinnerungen an George Floyd weckt. Der Afroamerikaner wurde im Mai 2020 in den USA von einem weissen Polizisten ermordet, der minutenlang auf seinem Hals kniete. Doch der Tod von Tomas weist vor allem Parallelen zu einem anderen Fall aus Tschechien auf, jenem von Miroslav Demeter.

«Mein Bruder könnte noch leben»

Demeter starb im Oktober 2016 nach einem Tumult in einer Pizzeria in der Kleinstadt Zatec, nur fünfzig Kilometer von Teplice entfernt. Die Ermittlungsbehörden stellten keinerlei Straftaten im Zusammenhang mit dem Tod des 27-jährigen Demeter fest, obwohl ein Überwachungsvideo festgehalten hatte, wie er von Widersachern – im Beisein eines Polizisten – mehrfach heftig geschlagen wurde. Stattdessen unterstellten die Ermittlungsbehörden dem Rom psychische Probleme und Drogenmissbrauch.

Denselben Vorwurf bringt die Polizei nun auch gegen Tomas vor. Die Autopsie habe keinen Zusammenhang zwischen dessen Tod und der «Operation vor der Festnahme des Tatverdächtigen» ergeben, sagt die lokale Polizeibehörde. Ursache des Todesfalls sei vielmehr sein Konsum von Drogen «der Amphetamin-Familie» gewesen. Der populistische Premierminister und Milliardär Andrej Babis von der Ano-Partei und Innenminister Jan Hamacek – ein Sozialdemokrat – stellten sich umgehend hinter die Polizei.

Jozef Miker, ein international angesehener Romaaktivist der tschechischen NGO Konexe, widerspricht gegenüber der WOZ dieser Darstellung: «Mir sagten die Einheimischen, mit denen ich sprach, dass Tomas sauber war und nur Medikamente gegen seine Rückenschmerzen nahm.» Auch das unabhängige Onlineportal A2larm.cz konnte mit mehreren Verwandten und Bekannten von Tomas sprechen: Er sei in letzter Zeit zuverlässig gewesen, habe keine Drogen genommen und einen neuen Job in Aussicht gehabt. Seine Schwester Simona Tomasova sagte: «Die Polizei fragte mich, ob er aggressiv gewesen sei, ob es Probleme mit ihm gegeben habe. Sie wollen ihn für seinen eigenen Tod verantwortlich machen. Aber ich werde das nicht zulassen, sie haben einen Mann getötet, er könnte noch am Leben sein!»

Strafanzeige gegen Polizei

Eine weitere Parallele zum Todesfall von Miroslav Demeter ist das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft. «Ich muss das so drastisch formulieren: Für viele Menschen in diesem Land sind Leute wie Stanislav Tomas keine Menschen», sagt Jozef Miker. Der Rassismus gegenüber Roma und Romnija habe eine lange Tradition in Tschechien. «Es gibt hier komplett unfähige Leute, die politisch Karriere gemacht haben, ganz einfach, weil sie gegen die Roma-Community gehetzt haben», sagt Miker. Tatsächlich beginnt der Antiziganismus schon beim höchsten Amtsträger, dem vulgären Präsidenten Milos Zeman: Er bezeichnet die knapp 300 000 Menschen umfassende Roma-Community öffentlich als «nicht anpassungsfähig» und verwendet damit bewusst ein Wort aus der Nazizeit. Die Diskriminierung von Roma und Romnija ist in Tschechien – insbesondere im Wohnungs- und Bildungsbereich – noch immer notorisch, wie ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International festhält.

Es gibt aber auch einen Unterschied zu 2016: Der Widerstand gegen die Polizei ist deutlich grösser. Ende Juni kamen in Teplice rund 500 Roma und Romnija zu einem Gedenkmarsch unter dem Motto «Roma lives matter» zusammen. Sie fordern eine unabhängige Aufklärung des Todesfalls. Auch in Prag fand letzte Woche eine Demonstration statt. Gegenüber romea.cz sagte ein Demonstrant aus dem anarchistischen Umfeld: «Wir sind Gadje [Nicht-Roma] aus Prag, und wir wollen, dass die Roma in Teplice wissen, dass ihr Leben genauso wichtig ist wie das von jedem anderen.»

Proteste gegen das Vorgehen der tschechischen Polizei sowie Gedenkveranstaltungen gab es auch in rund einem Dutzend anderer europäischer Länder. Der Europarat forderte eine dringende, gründliche und unabhängige Ermittlung, Amnesty International beschuldigte die tschechische Polizei, einen Gesetzesverstoss begangen zu haben, und das European Roma Rights Centre organisierte einen Anwalt für die Familie von Stanislav Tomas, um Strafanzeige gegen die Polizei zu erstatten.

Für Romaaktivist Miker ist diese internationale Unterstützung wichtig: «Sie bringt uns Stanislav Tomas nicht zurück, aber der Aufklärungsdruck und die Öffentlichkeit helfen hoffentlich, künftig einen weiteren solchen Fall zu verhindern.»

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