Nr. 28/2021 vom 15.07.2021

Die unermüdliche Antifaschistin

Von Sebastian Friedrich

Esther Bejarano war eine moralische Instanz: eine der letzten noch lebenden Holocaust-Überlebenden, die sich auch politisch einmischte. Etwa vor ein paar Monaten, als sie am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in den ARD-«Tagesthemen» vor alten und neuen Nazis warnte und forderte, dass der Tag der Befreiung, der 8.  Mai, zum Feiertag erklärt werden solle.

Bejarano wurde 1924 als Esther Loewy im Saarland geboren. Mit der Naziherrschaft begann für die Jüdin eine Leidenszeit. 1941 kam sie in ein Zwangsarbeitslager, 1943 dann nach Auschwitz, wo sie mit Glück Teil des Mädchenorchesters wurde. Später wurde sie ins KZ Ravensbrück deportiert: Dort musste sie als Zwangsarbeiterin für Siemens arbeiten. Bejarano entfloh einem Todesmarsch und war dabei, als sich sowjetische und US-Soldaten in die Arme fielen. Ihre Eltern und ihre Schwester Ruth waren von den Nazis ermordet worden. Sie hatte überlebt.

Nach Kriegsende ging sie nach Israel. Dort lernte sie ihren Mann Nissim kennen, mit dem sie bis zu seinem Tod 1999 zusammenlebte. Weil ihr Mann nicht in den Krieg ziehen wollte, weil Bejarano gesundheitliche Probleme hatte und weil das Paar den Umgang des israelischen Staates mit den PalästinenserInnen ablehnte, siedelten Esther und Nissim mit ihren beiden Kindern 1960 nach Hamburg über. Ende der Siebziger traf sie dort an einem NPD-Stand erneut auf Nazis, doch noch mehr als über diese empörte sie sich über die Polizei, die gegen die GegendemonstrantInnen vorging. Seitdem engagierte sie sich bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), beim Auschwitz-Komitee und immer wieder auf Demos gegen Rechts. Die Jugend versuchte sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia zu erreichen, mit der sie seit 2008 unzählige Konzerte in Schulen, Gemeindezentren und Clubs spielte.

Bejaranos Tod sei ein grosser Verlust, sagt der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Aussenminister Heiko Maas würdigt sie als «wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus». Dass Bejarano auch viele Jahre Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei war, gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 auf die Strasse ging und sich auch von Wasserwerfern nicht einschüchtern liess, wurde bei den offiziellen Würdigungen lieber ausgespart.

Mit ihrem Mut, ihren Erzählungen, ihren Liedern hat Esther Bejarano viele Köpfe und Herzen erreicht. Am 10. Juli ist sie – kämpferisch bis zuletzt – mit 96 Jahren in Hamburg gestorben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch