Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

«Ich bin eine glühende Antifaschistin»

Unterwegs auf Kuba: Die 92-jährige Sängerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano ist zurzeit mit der Hip-Hop-Band Microphone Mafia auf Tournee – mit einer Mission. Eine Begegnung.

Von Andreas Knobloch, Havanna

«Wir wollen unsere Idee an die Jugend weitertragen»: Esther Bejarano bei einem Auftritt mit Microphone Mafia und ihrem Sohn Joram. Foto: Peter Trykar

Sie ist nur 1,50 Meter gross und strahlt eine beeindruckende Würde und Grazie auf der Bühne des Palacio de la Rumba in Havannas Stadtteil Centro Habana aus: die 92-jährige deutsch-jüdische Musikerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano. Dort, wo in der Regel Paare zu Salsarhythmen herumwirbeln, gibt es an diesem Abend eine Mischung aus verschiedensten musikalischen Einflüssen: italienische Arbeiterlieder, jüdische Volkslieder, griechische Widerstandslieder und türkische Gedichte. Bejaranos Mitstreiter Kutlu Yurtseven und Rosario Pennino, genannt Rossi, rappen über die daruntergelegten Beats, Esther Bejarano singt mit noch immer kraftvoller Stimme; dazwischen liest sie aus ihrem Buch. Begleitet werden sie von Esther Bejaranos Sohn Joram am Bass.

Gibts hier noch Sozialismus?

Das zahlreich erschienene Publikum reagiert etwas verhalten auf die eher ungewöhnliche Combo, was daran liegt, dass die vorgetragenen Textstellen stets übersetzt werden müssen. Das hemmt den Fluss, und auch die Liedtexte erschliessen sich nur Fremdsprachenkundigen – davon gibt es auf Kuba nicht allzu viele. So bleibt die Botschaft etwas auf der Strecke. «Wir wollen unsere Idee an die Jugend weitertragen: zusammen gegen den Faschismus zu kämpfen», hatte Esther Bejarano vor dem Konzert gesagt.

Vor acht Jahren hatte ihr Yurtseven von der Hip-Hop-Band Microphone Mafia eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Mic Mafia waren kurz vor dem Mauerfall von Teenagern in Köln-Flittard gegründet worden und wurden europaweit bekannt als Rap-Formation gegen Rassismus und rechte Gewalt. Seither sind Microphone Mafia, Esther und Joram Bejarano bei unzähligen politischen Veranstaltungen und Festivals aufgetreten. Die daraus entstandene Freundschaft führte sie nun nach Kuba, wo sie auf Einladung des staatlichen kubanischen Musikinstituts vom 6. bis zum 14. Januar unterwegs waren.

«Ich wollte schon immer mal nach Kuba», sagt Esther Bejarano. Sie wolle die Menschen kennenlernen und sich überzeugen, dass es immer noch Sozialismus gebe. Neben Konzerten in Havanna, Santa Clara und Camagüey gab es unter anderem Treffen mit kubanischen KünstlerInnen und der kleinen jüdischen Gemeinde in Havanna.

«Ich bin eine glühende Antifaschistin und werde mein ganzes Leben dafür kämpfen, dass es nie wieder Faschismus gibt», verkündet Esther Bejarano. Sie wolle die Jugend ansprechen, so die vitale 92-Jährige, denn es sei wichtig, dass diese erfährt, was damals geschehen ist. Mit damals meint sie den deutschen Nationalsozialismus, den sie selbst in all seinem unvorstellbaren Horror erlebte.

Als Kind jüdischer Eltern 1924 in Saarlouis geboren, war Esther Bejarano ab 1941 im Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree interniert. Am 20. April 1943 wurde sie mit allen anderen Insassen des Arbeitslagers und mehr als tausend weiteren Menschen ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort überlebte sie nur, weil es ihr gelang, als Akkordeonspielerin in das «Mädchenorchester» aufgenommen zu werden. Später wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt; während eines Todesmarsches gelang ihr die Flucht.

Zurück ins Land der Täter

Ihre Eltern und ihre Schwester dagegen wurden von den Nazis ermordet. Eine Erfahrung, die Esther Bejarano heute gegen die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik einstehen lässt. «Die Flüchtlingspolitik ist eine Katastrophe, Grenzen werden geschlossen – das ist ein Unding», sagt sie. «Ich habe selbst erlebt, wie schlimm das ist, wenn man vom Tode Bedrohte nicht aufnimmt. Meine Schwester Ruth wollte damals in die Schweiz flüchten, wurde aber aus der Schweiz nach Deutschland zurückgeschickt und damit in den Tod.»

Nach Kriegsende wanderte Esther Bejarano nach Israel aus. Sie studierte klassischen Gesang, lernte in einem Chor ihren zukünftigen Mann kennen, und das Paar bekam zwei Kinder. «Unsere Idee war es, das Land gemeinsam mit den Palästinensern aufzubauen», sagt sie. «Aber es gab eine andere, schlimme Politik.» Sie ertrage es nicht, dass ein anderes Volk diskriminiert werde. Da ihr Mann wegen Kriegsdienstverweigerung vor der Wahl zwischen Gefängnis oder Flucht stand, blieb ihr keine andere Wahl, als Israel zu verlassen. 1960 kehrte Esther Bejarano mit ihrem Mann und den Kindern nach Deutschland zurück. «Es ist mir schwergefallen, nach Deutschland zurückzugehen», sagt sie. «Denn Deutschland war und ist das Land der Täter.» Geholfen habe ihr, dass sie viele Menschen kennengelernt habe, die Widerstandskämpfer waren: «Das hat es mir ermöglicht, mich wieder einigermassen heimisch zu fühlen.»

Seit Ende der siebziger Jahre tritt Esther Bejarano als Zeitzeugin vor Schulklassen auf. Immer wieder erhalte sie Briefe von SchülerInnen, die sich bedankten, da sie zuvor von der Geschichte wenig wussten. Gemeinsam mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der achtziger Jahre die Gruppe Coincidence mit jüdischen und antifaschistischen Liedern. 2009 ergab sich dann die Zusammenarbeit mit Microphone Mafia. Kutlu und Rossi habe sie «eingeenkelt», erklärt Esther Bejarano mit einem verschmitzten Lächeln. Und macht darauf aufmerksam, dass nicht nur drei Generationen auf der Bühne stünden, sondern auch drei Religionen: «Juden, Christen und Muslime – und wir harmonieren wunderbar zusammen.»

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