Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Freiheit im Korsett

Wie ist das, wenn einem die halbe Welt beim Erwachsenwerden zuschaut? Billie Eilish denkt auf ihrem neuen Album «Happier than Ever» über ihre Rolle in der Welt nach – und ist immer noch beängstigend gut darin, sich selbst in den herrschenden Machtstrukturen zu inszenieren.

Von Alice Galizia

Mal verletzlich und unsicher, mal wunderbar überheblich: Billie Eilish weiss, wie mächtig sie mittlerweile geworden ist. Foto: Universal Music

Schon wieder ein Rekord: Das Bild, das eine wasserstoffblonde Billie Eilish in einem rosafarbenen Korsett auf dem Cover der britischen «Vogue» zeigt, erreicht auf Instagram innerhalb von sechs Minuten eine Million Likes – schneller als jeder Instagram-Post zuvor. Dass Billie Eilish sich so klassisch sexy zeigte, schlug ein wie eine Bombe.

Gut kalkuliert von Eilish, deren Markenzeichen bis dahin weite Kleider waren, die ihren Körper fast verschluckten und die in der Öffentlichkeit bislang einmal im Tanktop gesichtet worden war. Die Paparazzibilder davon, die im Frühling 2020 auftauchten, lösten eine Flut an Kommentaren aus – wie gut oder schlecht oder fett Eilish aussehe, wie enttäuschend oder erfreulich das sei. Eilish veröffentlichte darauf einen dreieinhalbminütigen «short film» auf Youtube: «Provozieren dich meine Schultern, meine Brust?», fragt sie in «Not My Responsibility». Ein karg instrumentiertes, schleppendes Stück, und Eilish, die mit leiser Stimme fragt: «Ist der Körper, mit dem ich geboren bin, nicht das, was du wolltest?»; und zum Schluss: «Könnte es sein, dass ich für deine Meinung über mich nicht verantwortlich bin?» Natürlich profitiert Eilish von dem enormen Interesse an ihrem Körper, an jedem Schritt, den sie tut. Ziemlich beeindruckend aber auch, wie sie es schafft, diese Aufmerksamkeit gezielt zu provozieren – und gleichzeitig glaubwürdig anzuklagen.

Es wird schon gut

Der Text von «Not My Responsibility» könnte in seiner Wut und Direktheit auch von einer Band kommen, die im «Riot Grrrl»-Punk daheim ist, geschrien statt gehaucht. Das Stück liegt nun genau in der Mitte des neuen Albums, «Happier than Ever», das Eilish wie schon ihr Debüt «When We All Fall Asleep, Where Do We Go?» (2019) zusammen mit ihrem Bruder, dem Produzenten Finneas O’Connell, aufgenommen hat. «Happier than Ever» ist musikalisch weniger düster als der Vorgänger – gespickt mit einigen Balladen, in denen deutlich wird, wie sehr sich Eilishs Singstimme in den letzten zwei Jahren entwickelt hat. Nachdenklicher ist Eilish geworden – älter, wie sie selber im Opener sagt. «Getting Older» erzählt vom langsamen Heilungsprozess einer psychisch Versehrten, und Eilish, die immer offen mit ihrer Depression und ihrer gefühlten Einsamkeit umgegangen ist, sagt hier immerhin: «Sollte jemand fragen, ich verspreche, es wird schon gut mit mir.»

Das eigentliche Thema dieses Albums aber ist die Auseinandersetzung einer jungen Frau mit ihrer Rolle in der Welt und deren Machtstrukturen. «Your Power» etwa, eine mit akustischer Gitarre begleitete Ballade, klagt Männer an, die ihren Status dazu missbrauchen, um Minderjährige zu verführen. In «NDA» lässt Eilish eine Affäre eine Vereinbarung unterschreiben, niemandem davon zu erzählen; «Oxytocin» erzählt von einer toxischen Beziehung, «Male Fantasy» aus der Perspektive eines jungen Mannes, der seine Exfreundin nur noch hassen will. Sehr verletzlich ist das oft und offen unsicher, dafür gibt es, wie etwa in «Therefore I Am», das mit seinem unterkühlten Beat am ehesten den älteren Stücken gleicht, auch wunderbar überhebliche Zeilen wie diese: «You think that you’re the man / I think therefore I am». Eilish weiss schon, wie mächtig sie selber mittlerweile geworden ist.

Was heisst es also, heute eine junge Frau in dieser Welt zu sein? Es ist Eilishs Talent und Mitgrund für ihren Erfolg, dass sie sich weniger als gejagten Popstar inszeniert als eben als normalen Teenager, der zwar mittlerweile reich und berühmt ist, aber doch mit den üblichen Problemen zu kämpfen hat. Was will ich und wohin, wem kann ich vertrauen? Wie verändert sich mein Körper, bin ich damit zufrieden, gefalle ich anderen? Und wie sich Eilish mit diesen Fragen befasst, von den daraus entstehenden Konflikten singt, das ist so überzeugend und so nah, dass ziemlich viele, vor allem sehr junge, Menschen sich von ihr verstanden fühlen. Man könnte auch sagen: Billie Eilish und ihr Bruder wissen, wie man gute Popsongs macht – Songs, die spezifisch genug geschrieben sind, um sich von der Masse abzuheben, die jedoch gleichzeitig Gefühle wie Verliebtsein, Enttäuschung oder Unsicherheit so allgemein beschreiben, dass sich die unterschiedlichsten Leute damit identifizieren können.

Kleidung als Schutz

Aber es ist ja nicht einfach ihr gutes Songwriting, das Eilish so erfolgreich macht. Vielmehr scheint sie sehr genau zu verstehen, wie sie sich selber inszenieren kann – inklusive Film über ihr Leben zwischen sechzehn und achtzehn («The World’s a Little Blurry», 2021) und Bildband («Billie Eilish by Billie Eilish», 2021), in dem sie Kindheits- und Jugendfotos von sich auf über 300 Seiten versammelt.

Zu dieser Selbstinszenierung gehörte die weite Kleidung, die Eilish auch deswegen trug, um ungefragte Kommentare über ihren Körper auf ein Minimum zu reduzieren, wie sie einmal in einem Interview sagte. Sie von einem Tag auf den anderen aufzugeben, musste also gut durchdacht sein. Nun ist erstens das Bild auf dem «Vogue»-Cover einfach sehr gut, auch weil es scheinbar nebenbei sowohl Marilyn Monroe zitiert (Haare, Blick) als auch Madonna (das legendäre Gaultier-Bustier von der «Blond Ambition»-Tour 1990, die von Papst Johannes Paul II. als «eine der satanistischsten Shows der Menschheitsgeschichte» bezeichnet wurde). Zweitens spricht Eilish mit der «Vogue» ausführlich über die Mühe mit dem eigenen Körper, über die Anstrengung, gerade als Frau dauernd von irgendjemandem bewertet zu werden. Sie habe sich für dieses Outfit entschieden, weil sie Lust darauf gehabt habe und weil das verdammt noch mal niemanden etwas angehe. Jenen, die sie wegen der sexy Fotos nachher inkonsequent schimpften, lieferte sie damit schon mal eine vorsorgliche Antwort. Wobei die Wahl des Korsetts ja auch deswegen interessant ist, weil es eine bestimmte Art eines von den meisten als schön empfundenen Frauenkörpers formt, aber eigentlich verdeckt, wie der Mensch darunter tatsächlich aussieht. Es macht Körper gleichförmig, ganz ähnlich, wie es auch Baggy Pants tun.

Nicht so recht zufrieden

Man kann sich natürlich wiederum ärgern über diese Perspektive, die kaum über einen individualistischen Feelgood-Feminismus hinausgeht, und man kann Eilish vorwerfen, dass es für sie als weisse, junge, reiche, nicht körperlich oder geistig behinderte und sowieso einem gängigen Schönheitsideal entsprechende Frau sehr viel leichter ist, mal einfach das zu machen, was sie will. Trotzdem ist ihre Vorbildfunktion auch diesbezüglich nicht zu unterschätzen. Schliesslich kann es doch erleichternd sein zu erfahren, dass auch ein Weltstar wie Eilish mit ihrem Körper hadert und sich mit Schönheitsidealen und starren Rollenbildern herumschlagen muss. Viel interessanter ist es sowieso zu beobachten, wie sich Eilish aus dem engen Radius einer konstant in der Öffentlichkeit Stehenden doch immer wieder Freiheiten herausholt – und das bis jetzt noch ohne je einen Fehler zu machen. Als auf Tiktok ein Video erschien, in dem sie als Dreizehnjährige beim Mitsingen eines Songs von Tyler, the Creator einen rassistischen Begriff für AsiatInnen äussert, entschuldigte sie sich so glaubwürdig und in aller Form, dass am Ende sogar jene besänftigt waren, die das Video ursprünglich anklagend hochgeladen hatten.

Mit der ständigen öffentlichen Aufmerksamkeit hat sie auch zu kämpfen, davon erzählt das neue Album. Vielleicht ist es das, was Eilish so anschlussfähig macht: dass sie in dieser Welt nie so richtig glücklich sein kann. «Happier than Ever», das heisst hier ja bloss, mit den schlechten Tagen etwas besser umgehen zu können.

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