Politische Kunst : Trägt es zur Sichtbarkeit von Belarus bei, wenn es sich aus einem weissen in einen weiss-rot-weissen Fleck verwandelt?

Nr. 33 -

Gerade in komplexen Zeiten brauchen wir die Möglichkeiten von Kunst und Literatur – allerdings dürfen diese nicht auf einen nationalen Kontext reduziert werden. Ein Plädoyer.

  • «Mit einem Bajonett wird die Menschheit nicht geheilt.»
  • «Uns vereint alles, was am höchsten ist und für den Menschen am wichtigsten: das Bewusstsein und die Idee der Hoffnung.»
  • «Ein freier Mensch handelt nie verlogen.»
  • «Die Grundlage des Humanismus ist Respekt vor dem Menschen.»

In Belarus sind derzeit 627 Personen als politische Gefangene anerkannt. Die Gefangenen sitzen ihre Strafen unter unmenschlichen Bedingungen ab. Niemand in meinem belarusischen Freundeskreis ist davor geschützt. Jeden Tag lese ich von Schliessungen von NGOs und Massenmedien. Die Zukunft bleibt ungewiss. Diese Situation prägt meinen Blick auf die Welt, aber trotzdem – oder gerade deswegen – wird es in diesem Text um die Kunst gehen, um die Kunst vor dem Hintergrund dessen, was uns allen gerade passiert, und zwar nicht nur uns in Belarus, sondern uns in Europa, uns in dieser Zivilisation: nämlich der Zusammenbruch von gewohnten Systemen und Strukturen.

Perfekt im Nischendasein

Die Pandemie offenbart mit beispielloser Wucht, dass die Systeme, in deren Nischen wir uns zurechtzufinden glaubten, nicht funktionieren. In Belarus waren wir im Nischendasein perfekt eingeübt. Unsere parallelen Welten kreuzten sich in ihren Bestrebungen und Konflikten selten. Der belarusische Aktionskünstler Michail Gulin, der seit vielen Jahren die Grenzen dieser Nischengesellschaften auslotet, befindet, dass gerade die jahrelange Koexistenz von ungelösten Konflikten das System speiste, das jetzt uns alle zerfrisst. Man könnte einwenden, in einem autokratischen Regime sei das nicht anders zu erwarten, aber Hand aufs Herz, ist es in anderen Ländern, in der Schweiz beispielsweise, wirklich anders? Werden nicht auch hier gerade Fragen verhandelt, die eigentlich haarsträubend sind und jahrelang schlecht oder recht verdeckt gehalten wurden: Wer gehört zu «uns» und wer bleibt aussen vor? Was hat Vorrang: Gesundheit oder Wohlstand? Vertrauen wir der Wissenschaft? Geht es uns etwas an, was ausserhalb der Landesgrenze passiert? Zum Beispiel in diesem fernen Belarus, das man in besseren Zeiten in zweieinhalb Stunden erreichen konnte, vorausgesetzt, man war willig, ins Flugzeug zu steigen, um in dieses Land zu gelangen, von dem nicht mal der Name bis vor kurzem richtig geläufig war. Und wenn es der Name des Landes in die westliche Presse schaffte, dann selten allein, sondern mindestens mit einem der folgenden zwei Etiketten versehen: «der weisse Fleck auf der europäischen Landkarte» und/oder «die letzte Diktatur Europas». So war das nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in der Kulturvermittlung, in privaten Gesprächen und wenn man für Kulturgelder Anträge im Ausland stellte. Was auch immer man machte, man war im Ausland zu oft eine «aus der letzten Diktatur Europas» beziehungsweise «vom weissen Fleck».

Als Kulturvermittlerin und Übersetzerin bewege ich mich seit fast zwei Jahrzehnten zwischen den deutschsprachigen und den belarusischen Kulturräumen und träumte davon, dass diese Räume füreinander so präsent, ja durchlässig werden würden, wie sie es für mich sind. Wie froh war ich, als die Bilder aus Belarus endlich auf den ersten Seiten der internationalen Presse erschienen. Ich schrieb damals auf Facebook: «Unser Point of no Return ist die Sichtbarkeit, im Aus- wie im Inland.» Endlich war das Interesse an dem Land da! Oder vielleicht war das doch vor allem das Interesse an den spektakulären – sprich medientauglichen – Bildern der Massenproteste?

Der Aufstand war tatsächlich ästhetisch ausgesprochen anziehend und in Kombination mit der entschiedenen Friedfertigkeit faszinierend: die schlagfertigen kreativen Plakate, die stilvolle visuelle Gestaltung der Aktionen, die Präsenz der belarusischen Sprache und der belarusischsprachigen Kulturszene – und das alles gegen die Gewalt gerichtet. Es war das Gegenteil der erstarrten, sowjetisch anmutenden Ästhetik der «offiziellen» Kultur. Eine Zeit lang war ich fasziniert vom eigenen Land. Nach und nach mischte sich aber mein Unbehagen in die Faszination: Mich ängstigen so viele in gleichen Farben angezogene Menschen, mich ängstigen die Wiederholungsschleifen aus denselben Worten und denselben Bildern. Bald kamen Fragen auf: ob die Protestkunst womöglich eher dekorativ als tiefgreifend ist; ob sie nicht eher das Bekannte immer aufs Neue veranschaulicht, statt neue Inhalte zu schaffen. In Belarus wird zurzeit die Kunst, die sich nicht direkt und eindeutig mit dem Protest beschäftigt, übersehen. Die Kunst, so scheint es, muss bestätigen und unterstützen. Es scheint in einer Krisensituation zu viel verlangt, dass Kunst auch noch reflektieren, hinterfragen, das schwer Greifbare zugänglich machen soll. Doch ist es nicht gerade das, was man von der Kunst erwarten sollte?

Die Künstlerin Antonina Slobodtschikowa ist mit ihren gezeichneten Protestsymbolen bekannt geworden. Mich haben aber vor allem ihre anderen aktuellen Werke beschäftigt, zum Beispiel die Grafiken mit der kleinen Maus, deren zierliche Gestalt die Künstlerin aus einer Kinderzeichnung ihrer Tochter übernommen hat. Sie bewegt sich mit ihrem angespannt geraden Rücken durch die schwarze Welt der Bildfläche, begleitet von Statements wie «Wenn ich an deiner Stelle wäre, hätte ich ihn geschlagen. Wenn du an meiner Stelle wärest, hättest du geweint» oder «Ein freier Mensch handelt nie verlogen». Diese Maus verkörpert für mich das schwer greifbare Gefühl der eigenen Verletzbarkeit in Krisenzeiten. Ihre Protestsymbole lässt die Künstlerin für die Ausstellung «Every Day. Art. Solidarity. Resistance» in Kiew aus Wachs anfertigen, anschmelzen und in einem schwarzen Kubus platzieren, der die Masse eines Gefangenentransporters hat. «Requiem for a Dream» heisst die Installation. Internationale Aufmerksamkeit gewinnt sie nicht.

Ein wunderbares Schlafmittel

Googelt man Ausstellungen belarusischer Kunst im Ausland, stösst man kaum auf solche Werke, viel öfter wird plakative politische Kunst vorwiegend in Weiss-Rot-Weiss gezeigt. Bei den Solidaritätsaktionen werden meistens die gleichen Lieder gesungen und die gleichen Farben getragen. Trägt das tatsächlich zu der Sichtbarkeit von Belarus bei, wenn es sich von einem weissen in einen weiss-rot-weissen Fleck verwandelt? Ist die Gesellschaft, die gerade so erschüttert wird, in diesen Bildern tatsächlich präsent? Stellen Sie sich vor, als Schweizer Kunst wäre im Ausland vor allem jene sichtbar, die ein weisses Kreuz auf rotem Hintergrund zeigt. Traurig, oder?

Die Tatsache, dass in der Gesellschaft, zu der wir uns zugehörig fühlen, Menschen wegen ihrer Überzeugungen gefoltert und ermordet werden, ist eine Last, die wir in Belarus zu tragen haben. Werden die glorifizierenden Bilder der Ermordeten und Verstorbenen dieser Tatsache gerecht? Was machen solche Bilder sichtbar – oder verdecken sie vielleicht vielmehr den Schrecken, der sonst nicht auszuhalten wäre? Ist diese Einheitlichkeit und Eindeutigkeit wohltuend, weil man sich so unzweifelhaft auf der Seite des Guten wähnen kann, ohne sich mit den unbequemen Fragen auseinanderzusetzen? Man kann das «Erwachen» des Landes besingen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was man denn vor dem Erwachen gemacht hat, ob man womöglich mit dem eigenen Tun das System unterstützt hat.

Ideologische Kunst, vor allem wenn sie «gute» Ideen vermittelt, ist ein wunderbares Schlafmittel und vertreibt störende Fragen oft, indem sie diese als gelöst oder lösbar tarnt. In Westeuropa beobachte ich nicht selten ähnliche Tendenzen: Kunst ist entweder dekorative, «schöne», aber bedeutungsleere Kunst oder «sozial relevante» Kunst, die eine Auseinandersetzung mit den allgemein als sozial relevant anerkannten Fragen illustriert und deren zufriedene ZuschauerInnen das Gefühl bekommen, sie hätten sich damit auseinandergesetzt und könnten mit reinem Gewissen in einen ruhigen Schlaf entlassen werden. Dabei soll diese Kunst in der Regel verständlich und berechenbar sein und darf die Erwartungen des Publikums nicht enttäuschen. Hat man das Gefühl, genau zu wissen und die Kontrolle zu behalten, wenn man mit seinen Fragen nicht in der Schwebe gelassen wird? Wovor fliehen wir denn, wenn wir uns in dekorativer oder ideologischer Kunst, die sich immer öfter der eindimensionalen Sprache des Aktivismus bedient, verlieren? Vielleicht vor der Wirklichkeit, die ja immer ambivalent war, jetzt aber, die Grenzen der gewohnten Strukturen verlassend, mit ihrer Ambivalenz so unerträglich unter die Haut geht.

Gerade deswegen sind wir aber auf die Möglichkeit der Kunst und der Literatur angewiesen, Bedeutungen zu entdecken und zu schaffen, indem sie neue Verknüpfungen zwischen den Dingen herstellen und das Gewohnte entfremden, indem sie neue Terrains des Menschseins und des In-der-Welt-Seins erkunden. Dieses Potenzial der Kunst vor Augen, stellt sich die Frage: Ist es überhaupt sinnvoll, Kunst und Literatur in nationalen oder thematischen Grenzen zu denken? Das System der Antragstellung für internationale Fördergelder zwingt uns belarusische Kunstschaffende dazu. Doch muss das sein? Sicher, es ist wichtig, dass dank dieser Gelder überhaupt Räume für Kunst und Kultur geschaffen werden können. Wie jede andere Kunst braucht auch die belarusische Kunst den internationalen Austausch, um nicht an der eigenen Situation zu ersticken. Doch die Kunst, die internationale Fördergelder bekommt, ist stets solche, die sich um das Bekannte dreht, die Förderung findet unter den Stichwörtern «Diktatur», «Revolution» oder «Solidarität» statt.

Doch ist nicht viel mehr in Sachen Solidarität getan, wenn man nicht wiederholt die Protestplakate aus Belarus zeigt, die im deutschsprachigen Raum leicht exotisch wirken, sondern wenn ein belarusischer Regisseur in Zürich, Hannover oder Wien inszeniert? Und zwar nicht ein Stück über die belarusische «Revolution» oder «Diktatur»! Wenn ich an Solidarität denke, denke ich nicht an Aktionen und Petitionen, ich denke an gemeinsame Auseinandersetzung mit einem Thema, einer Frage, einem Gegenstand. Bei einem Gespräch machte mich der Autor Lukas Bärfuss, dessen Bücher ich übersetze, darauf aufmerksam, dass wir – ich im belarusischen Dorf, er in Zürich – auf denselben Mond schauen. Ist das nicht ein schönes Bild für die Solidarität – die Verbundenheit im gemeinsamen Anschauen des Mondes oder was auch immer anstelle des Mondes treten kann?

Unter dem Motto «Hinschauen!» veranstalteten Berner Kulturschaffende im Herbst 2020 auf Initiative des Künstlers Valerian Maly eine Solidaritätswoche mit belarusischen Kulturschaffenden. Da fing unser gemeinsames Einüben in der Praxis des «œil extérieur» an – ein Begriff aus dem Theaterbereich: der aufmerksam hinschauende Blick von aussen, der helfen soll zu verstehen, wie sich die Aufführung entwickelt. Ein aufmerksamer Blick fängt vieles auf; so wurde diese Woche sehr vielschichtig, sie machte die Fäden sichtbar, die die Kulturräume von Belarus und der Schweiz bereits verbinden, und neue kamen dazu. In der Berner Altstadt entstand ein «L’œil extérieur»-Perimeter: Die Buchhandlung Zytglogge richtete ihr Schaufenster mit belarusischer Literatur und den Ausgaben von «pARTisan» – der ersten belarusischen unabhängigen Kunstzeitschrift – ein. Im Kunstraum AFF-Space waren Arbeiten von Artur Klinau, Antonina Slobodtschikowa und Michail Gulin zu sehen, die sich mit dem öffentlichen Raum in Belarus durch ebenso subtile wie von Hütern der Ordnung als subversiv wahrgenommene künstlerisch-architektonische Interventionen auseinandersetzen. Zusammen mit der Kuratorin Seraina Renz und Valerian Maly kuratierte ich die Ausstellung und erlebte, wie wichtig der Blick von aussen für die Rezeption der Werke ist: Das für mich Selbstverständliche wurde hinterfragt, das Gewöhnliche rückte ins neue Licht. Auch für die beteiligten KünstlerInnen war es neu, zu sehen, wie ihre Werke miteinander korrespondieren.

Im Schlachthaus-Theater buken Klara Schilliger und Valerian Maly «Zoyas Brot» – nach einem Rezept der belarusischen Schauspielerin Zoya Belachvostik, die zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Sommer 2020 das Janka-Kupala-Theater aus Protest verlassen hatte. Dazu luden sie mehrere Schweizer AutorInnen sowie die Slawistin Nina Weller, Mitbegründerin von «Stimmen aus Belarus», an die Feuerstelle ein. Die meisten dieser Schweizer AutorInnen kennen Belarus, haben dort Freunde, Bekannte und Kolleginnen. An diesem Abend entstand ein bewegendes Bild – nicht nur von Belarus, sondern vor allem von den vielen menschlichen Verbindungen über Grenzen hinweg.

Ambivalenz statt Ideologie

Ich wünsche mir mehr solche Projekte, die nicht nur darauf zielen, über Belarus zu berichten, sondern auch darauf, in einem gegenseitigen Austausch die KünstlerInnen in gemeinsame Prozesse und Diskurse einzubeziehen. Denn es gibt genug Fragestellungen, die uns alle betreffen, unabhängig vom Herkunftsland. Zum Beispiel die Notwendigkeiten, neue Diskursräume zu entwickeln, die die Widersprüchlichkeiten der Welt nicht gleich glatt bügeln und mit einfachen Antworten dekorieren. Wie gefährlich die einfachen Antworten sein können, weiss man als Belarusin nur zu gut. Das System von Lukaschenko ist nicht vom Himmel gefallen, es ist vor allem aus der Sehnsucht nach einfachen Antworten und Konfliktlosigkeit entstanden. Eine nicht nur belarusische beziehungsweise postsowjetische Sehnsucht, nicht wahr? Konkretheit und Ambivalenz statt Ideologie; Orientierung nach gemeinsamen Fragen statt nach nationaler Zugehörigkeit; Forschungshaltung statt belehrende beziehungsweise moralisierende Haltung – solche Ansätze in der Kunst würden der heutigen Herausforderung eher gerecht werden.

Iryna Herasimovich Foto: Nikita Fedosik

Seit Wochen lese ich die Bücher von James Baldwin – eins nach dem anderen. Dank ihm lerne ich viel über den belarusischen Protest und über mich selbst: Wie essenziell es ist, in Würde leben zu können. Wie gefährlich es ist, sich selbst zu belügen. Wie schmerzhaft es ist, die eigene Nacktheit zu erblicken, die ausserhalb von Funktionalität und festen Strukturen unübersehbar wird. Ich lerne auch, wie wertvoll diese schmerzhafte Nacktheit ist, denn sie ist die Wahrheit über uns Menschen. Und in dieser Wahrheit, in der Scham und im Entsetzen über die eigene Nacktheit kommen wir einander näher als in jeder Ideologie – vorausgesetzt, wir fliehen nicht davor in die Sterilität der unbeweglichen Begriffe.