Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Immer schön im Takt bleiben

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Mittlerweile existiert wohl kein Wissenschaftszweig mehr, der durch die rasanten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) nicht mit grundlegenden Fragen im eigenen Forschungsbereich konfrontiert wurde. Wobei man öffentlich selbstredend lieber von bahnbrechenden Fortschritten berichtet und über künftige Chancen spekuliert. Und dabei stets versichert, KI werde den Menschen nicht ersetzen, sondern – wähle: a) ihm helfen, b) ihn schützen, c) ihn besser machen. Im Fall der Medizin verspricht KI, Krankheiten früher zu erkennen und wo nicht zu verhindern, so immerhin besser zu behandeln. Kurzum: «Menschenleben zu retten».

Das stellt zumindest die Technische Uni Dresden in Aussicht. Einem Forschungsteam aus dem Bereich der Optoelektronik ist es nämlich «erstmals gelungen, eine bio-kompatible implantierbare KI-Plattform zu entwickeln» – einen Chip also, der sich in den menschlichen Körper einpflanzen lässt. Das Ding ist höllenkompliziert zu verstehen, ein Blick in die Formellandschaft der Studie dürfte auch FachärztInnen ratlos zurücklassen. Der Biochip jedenfalls setzt sich aus organischen, elektrochemischen Transistoren zusammen, die ein künstliches neuronales Netzwerk bilden, dessen Algorithmus nicht mal mehr trainiert werden muss, um optimal zu funktionieren. Was im vorliegenden Fall bedeutet: Die KI im Biochip kann in Echtzeit und mit einer Zuverlässigkeit von fast neunzig Prozent verschiedene Formen von Herzrhythmusstörungen erkennen und von gesunden Herzschlägen unterscheiden. Strom verbraucht er dabei sogar noch weniger als ein Herzschrittmacher.

Was so manches MedizinerInnenherz vor Freude hupfen lässt, dürfte bei politisch links schlagenden Herzen für Aussetzer sorgen. Denn das Konzept dahinter ist klar: Prävention durch Überwachung. Künftig womöglich nicht mehr nur mit KI-Kameras im öffentlichen (oder privaten) Raum, sondern im menschlichen Innenraum. Auf dass keiner aus seinem Herz eine Mördergrube machen kann.

Wie heisst es doch so schön: «Die KI – dein Freund und Helfer».

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