Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Männerüberschuss – und eine Lösung

Ruth Wysseier über ein schreckliches soziales Experiment

Von Ruth Wysseier

Wird es ein Bub oder ein Mädchen? Es ist fatal, wenn es bei dieser Frage nicht darum geht, ob die Oma rosa oder blaue Jäckchen häkeln soll, sondern ob der weibliche Embryo abgetrieben wird, weil die werdenden Eltern einen Jungen möchten.

Bis 2030 werden fast fünf Millionen Mädchen weniger zur Welt kommen, als zu erwarten wäre. Zu diesem Schluss kam vor kurzem eine Studie über pränatale Geschlechtsselektion, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. In Teilen Südosteuropas, aber auch in Indien und China nehmen Abtreibungen aufgrund des Geschlechts zu. Grund sei «eine kulturell geprägte Präferenz für männlichen Nachwuchs».

Was bedeutet das, «kulturell geprägte Präferenz»? Faktisch entscheiden werdende Eltern, dass das Leben bei ihnen einem Mädchen nicht zumutbar ist – respektive dass für sie als Familie eine Tochter nicht zumutbar ist. Vorgeburtliche Geschlechtsselektion ist ein todsicheres Rezept für Mädchendiskriminierung; ein finales Urteil über den Wert der Frau.

Was wird in solch ungleich zusammengesetzten Gesellschaften passieren? Antisoziales Verhalten und Gewaltbereitschaft könnten zunehmen, befürchten die ForscherInnen und fordern deshalb Informationskampagnen.

Ganz spontan fallen mir dazu eher zynische Vorschläge ein: Man könnte auf Plakatwänden informieren, dass sich die überzähligen jungen Männer im Kampf um die raren jungen Frauen gegenseitig den Kopf einschlagen werden, bis das Verhältnis wieder stimmt. Oder dass fürsorgliche Regierungen bis anhin befreundeter Länder einander den Krieg erklären und so aus den jungen Männern tote Soldaten machen werden. Oder dass es zu massenhaften Geschlechtsumwandlungen und Vielmännerei kommen wird.

In Bahrana, einem kleinen Dorf in der Nähe von Neu-Delhi, soll diese Entwicklung schon weit fortgeschritten sein, lese ich im «Spiegel». Dort liege bei den Kindern unter sechs Jahren der Geschlechterquotient bei weniger als 400 Mädchen auf 1000 Jungen, wie die letzte Volkszählung ergab. Nur sehr arme Leute bekommen noch Mädchen, weil sie es sich nicht leisten können, ÄrztInnen zu bestechen, damit diese illegalerweise per Ultraschall das Geschlecht des Fötus ermitteln und ihn abtreiben, falls er weiblich ist. Denn wenn eine Familie eine Tochter – oder gar mehrere – bekommt, ist sie ruiniert, weil die Tradition verlangt, dass sie den Eltern des Bräutigams eine gigantische Mitgift zahlt. Zudem müssen die verheirateten Frauen für die Schwiegereltern arbeiten und können die eigenen Eltern nicht unterstützen.

Aber wie lange wird sich dieser Brauch noch halten können? Wird bei einer solchen künstlichen Verknappung der Wert der Mädchen nicht unweigerlich so lange steigen, bis die Mitgiftforderung absurd wird? Für einmal hoffe ich auf die Logik des Marktes, die möglicherweise die Macht der Tradition schneller brechen wird als alle Aufklärungskampagnen.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee – und glückliche Tante dreier Mädchen.

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