Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Der Regen

Ruedi Widmer über Grönland und den geistigen Permafrost in Bern

Von Ruedi Widmer

Der erste Regenfall im grönländischen Hochland hat nur identische Reaktionen ausgelöst. Von den politisch zurzeit ausgebremsten Klimabesorgten bis hin zur von den Medien lange mit geilem Blick beäugten Klimawandelleugnerfraktion war unisono dasselbe zu hören, freilich in divergierender Absicht: Das darf doch nicht wahr sein.

Die gut geölte Propagandamaschinerie der internetbasierten Klimawandelleugnung reagierte prompt mit dem immer gleichen Argument, Grönland heisse eigentlich «Grünland», und das bedeute, dass es dort einst grün war. Dabei war das grüne Grönland selber ein Propagandaname: Der Seefahrer und Wikinger Erik der Rote, der die Insel als Erster ansteuerte und dort eine Siedlung gründete, erfand diesen Namen, um weitere Siedler anzulocken. Diese aber versuchten sich teilweise vergeblich im Ackerbau, der nur im kleinen Rahmen erfolgreich war. Bis auf einige moosige grüne Streifen an der Küste gabs nicht sehr viel Grün in Grönland. Der Eisschild ist 400 000 bis 800 000 Jahre alt. Davor hat es wärmere Zeiten gegeben.

Doch die eigentlich technikaffinen Klimawandelleugner aus der Erdöl- und Atomlobby wollen in ihrer Verzweiflung davon nichts wissen; sie ignorieren die Geschichte, die Physik und die Realität und erfinden selber irgendetwas. Das ist interessant, denn genau mit dieser wissenschaftsfeindlichen, der Rationalität abgewandten Haltung wären ja gerade der Verbrennungsmotor und die Nutzung des Erdöls und der Kernspaltung gar nicht zustande gekommen. Hätte es schon früher solche Ignoranten gegeben (und zweifellos muss es sie gegeben haben, z. B. die Herrgotteriche in den Kirchen und deren Gläubige), hätten wir das Problem des Klimawandels heute nicht. Das führt zu zwei Schlüssen: Nur die Aufgeschlossenen können die Menschheit retten. Die Ignoranten aber hätten nur die Natur gerettet.

So auch bei Corona. Wäre man nach den SkeptikerInnen gegangen und hätte rein gar nichts gegen die Pandemie unternommen (aber immerhin Lösungsmittel getrunken), wäre nachweislich ein erheblicher Teil der Schweizer Bevölkerung in den letzten zwei Jahren verstorben. Die Wirtschaft wäre mausetot, ein Heer von Arbeits- und Tatenlosen irrte durch unsere Städte. Die Versorgung mit Lebensmitteln wäre zusammengebrochen. Gewalt und Menschenfresserei beherrschten das Strassenbild. Die Zivilgesellschaft existierte nicht mehr.

Ein Geschenk für das Klima und die Natur. Der CO2-Ausstoss hätte sich rasant verringert, abgesehen von jenem der brennenden Siedlungen und des Rauchs der Gewehre.

Letztlich wäre die Menschheit, hätten stets die alternativlos bewahrenden Kräfte die Oberhand gehabt, eine sich selbst durch Seuchen regelmässig dezimierende Tierart geblieben, die aus heutiger Sicht im Einklang mit der Natur gelebt hätte, vergleichbar mit Insekten oder Schnecken. Der natürliche Hirnfortschritt wäre mit Kirchenbesuchen regelmässig unterbunden worden, eine Medizin zum Überleben wäre nie in Griffweite gekommen.

Und das ist auch gerade das Problem, das ich ein bisschen, bei aller grundsätzlichen Sympathie, umgekehrt mit den Rändern der Klimabewegung habe. Den «Einklang mit der Natur» durch den reinen Verzicht zu erreichen, scheint mir eine relativ neue Erfindung zu sein, der ebenso etwas Religiöses und sogar Antihumanistisches anhaftet. Der Fortschritt der kollektiven Intelligenz hingegen eine alte, die der Natur des Menschen entspricht. Beides bringt man nur zusammen, wenn man den Fortschritt nicht verhindert, sondern ihn in die richtigen Bahnen lenkt. Das kann weder der Einzelne noch der «Markt» machen, sondern das ist die Herkulesaufgabe der Politik. Hoffentlich versagt sie nicht wieder so wie bei der Pandemie und dem Anschmiegen an die Mittelalterfraktion der Covid-LeugnerInnen. Blickt man ins aktuelle Bern, ereilt einen angesichts des geistigen Permafrosts das nackte Grauen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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