Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Die Formel stirbt nie

Der letzte Restposten aus dem Kalten Krieg: Der britische Geheimagent James Bond hält sich hartnäckig – weil er als hocheffiziente Maschine nicht nur die Welt rettet, sondern auch die Kassen. Und jetzt? Darf er endlich abtreten?

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Im Bond-Universum hat das Böse stets einen starken Akzent und eine physische Deformation: Rami Malek als Bösewicht Lyutsifer Safin. Foto: Christopher Raphael, DANJAQ, LLC and MGM

«James Bond lebt in einer albtraumhaften Welt, wo die Gesetze mit vorgehaltener Waffe geschrieben werden, wo Nötigung und Vergewaltigung als ehrenwert gelten und Mord ein lustiges Kunststück ist. Sein Job ist es, die Interessen der Besitzenden zu beschützen. James Bond darf nicht sterben, weil er denen ein Vorbild ist, die nach Vietnam und an andere Orte der Welt zum Töten geschickt werden.» So zerpflückte 1965 die sowjetische Zeitung «Prawda» Bond als westliches Propagandawerkzeug. Über die Ideologiekritik mag man heute schmunzeln – oder auch nicht. Was sich als Wahrheit gehalten hat: James Bond stirbt nicht.

«No Time to Die» ist denn auch der Titel der neusten Auflage, deren weltweiter Kinostart wegen der Coronapandemie seit April 2020 mehrfach verschoben wurde, trotz längst angelaufener Werbekampagne. Und genauso wie die Bösewichte immer wieder aufs Neue nachwachsen, nachdem Bond sie erledigt hat, wächst auch Bond selber immer wieder nach. Seit 1962 gabs ihn in Gestalt von sechs verschiedenen Schauspielern, aktuell wird er zum fünften und letzten Mal von Daniel Craig verkörpert. Dessen Nachfolge: vorläufig offen.

Verführung und Gefahr

Viel wurde in den letzten Jahren darüber diskutiert, dass nach Craigs Rücktritt nun endlich ein Schwarzer Bond fällig wäre. Oder ein weiblicher Bond. Und sicher darf man trotz vehement angemahnter Zurückhaltung, was die Preisgabe entscheidender Plotelemente angeht, so viel verraten: In «No Time to Die» wird die 007-Position ohne grosses Zeremoniell von einer Schwarzen Geheimagentin eingenommen. Denn Bond ist zum Auftakt des Spektakels wieder einmal in der Frühpension. Er sitzt in einem neiderregenden Haus am Wasser, segelt, fischt grosse Fische, trinkt Bourbon, schaut mit seinen blauen Augen aufs blaue Meer von Jamaica hinaus.

Doch natürlich wird er bald in einen neuen Fall hineingezogen. Der US-Geheimdienst, aber auch der britische MI6 sind auf der Jagd nach einem russischen Wissenschaftler mit dickem Akzent – als wolle man uns wieder einmal in Erinnerung rufen, dass Bond ein Relikt aus dem Kalten Krieg ist. Dieser Wissenschaftler hat im Auftrag der «Guten» eine perfide Biowaffe entwickelt, um die sich jetzt die «Bösen» dieser Welt zanken. Mehr als einmal werden wir in nachdenklichen Monologen auch noch explizit darauf hingewiesen, dass diese Sache mit den Guten und Bösen arg kompliziert geworden sei. Nur, war sie das nicht schon immer, zumindest ausserhalb des Bond-Universums?

Was man ebenfalls verraten darf: Dass nun zwischenzeitlich eine – grossartige! – Schwarze Agentin (Lashana Lynch) die Marke 007 trägt, ändert leider nicht viel an der Sache. Denn wie der italienische Kulturanalytiker Umberto Eco bereits 1965, also ein Jahr nach dem Tod von Bond-Erfinder Ian Fleming und nach dem Welterfolg der ersten Bond-Filme mit Sean Connery, scharfsinnig bemerkt hat: Die Bond-Abenteuer bestehen fast ausschliesslich aus Formeln und Gegensätzen. Die Plots gehorchen einem einfachen Regelwerk – einem Set an «Spielsituationen», sagt Eco –, und auch die Figuren sind nicht viel mehr als simple Funktionen: der Instinkt- und Improvisationsheld Bond, den Eco mit Fleming eine «wunderbare Maschine» nennt; die Frauen, die Verführung, aber auch Gefahr verkörpern; die Bösewichte, die fast alle eine physische Deformation und einen Akzent haben wie in einer Comicwelt; Bonds Vorgesetzter M als strenger und tadelnder Repräsentant des Staats, der aber gleichzeitig komplett abhängig ist von seinem Superagenten; der Gadget-Meister Q mit seinen Spezialuhren, Überwachungsgeräten, bewaffneten Autos und Flugzeugen, die sich blitzschnell zum U-Boot zusammenfalten.

Flucht in alte Bunker

Wer Ecos Abhandlung heute liest, merkt schnell, dass sich erstaunlich wenig geändert hat. Das Bond-Universum krankt an einem Strukturproblem. Auch 2021 regiert hier eine selbstverständliche britische Supremacy, die man nicht anders als rassistisch nennen kann: Alle «Guten» sprechen ein makelloses britisches Upperclass-Englisch, alle «anderen» haben einen starken Akzent – und klar als «fremd» markierte Namen. In «No Time to Die» sind das nochmals Christoph Waltz als einäugiger Ernst Stavro Blofeld und neu Rami Malek als narbengesichtiger Lyutsifer Safin. Wie auch Léa Seydoux als Bonds grosse Liebe machen sie das sehr gut im beschränkten Spielraum dieser mythologisch fixierten Welt, bevölkert von Figuren mit unverrückbaren Eigenschaften.

Ab den 1990er Jahren hatten sich die Filme mit Pierce Brosnan als Bond ja immer weiter in Richtung Selbstparodie bewegt, worauf das Unternehmen 2006 mit Daniel Craig sanft renoviert und nochmals neu gestartet wurde. Allerdings geschah dies mit einem sehr werktreuen Rückgriff auf Ian Flemings ersten Bond-Roman «Casino Royale» (1953), man blieb also mit voller Absicht drin im alten Formelkäfig. Trotzdem liefert Craig allein schon durch sein Schauspiel etwas mehr Psychologie und etwas weniger Schablone. Das Interessanteste an «No Time to Die» ist denn auch die opulente Eröffnungssequenz, in der Bond als verletzlicher und verliebter Mensch auftritt, der nach einer Explosion verstört wirkt und nicht mehr töten mag. Bevor er doch wieder zur gut geölten Maschine wird: angezählt vielleicht, aber zäh; ein frei laufendes, mordendes kleines Gewaltmonopol im Dienst Ihrer Majestät.

Der internationale Terrorismus hat nun definitiv den Kalten Krieg abgelöst, dessen reale Drohkulisse in den älteren Bond-Filmen stets ironisch gebrochen wurde, was sicher viel zu ihrem Erfolg beigetragen hat. Heute blickt M (Ralph Fiennes) nur noch düster unter seiner Halbglatze hervor, die Lage scheint zu ernst, um Witze zu machen. Früher, so lamentiert er, habe man dem Feind noch in die Augen blicken können. Heute schwebe er unfassbar irgendwo im Äther herum, man wisse nicht mal mehr, was dieser Feind überhaupt wolle. Dagegen klang Judi Denchs M in «Casino Royale» (2006) direkt fröhlich mit ihrem Seufzer: «Christ, I miss the Cold War!» Das war allerdings, bevor sie in «Skyfall» (2012) selbst zur Gejagten wurde, bevor das MI6-Hauptquartier in die Luft flog und man das Büro in Churchills Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg neu aufbaute. Wird das nationale Selbstverständnis angeschossen, flüchtet es sich in eine Idee alter Grösse. Besser kann man das Phänomen Bond kaum zusammenfassen. Auch er ist ein solcher alter Bunker.

Köder für den Zeitgeist

In «No Time to Die» (Regie: Cary Joji Fukunaga) bleibt die verregnete Homebase London unbeschadet, und der Umgang mit allen Ländern ausserhalb Grossbritanniens ist so oberflächlich wie eh und je. Sie dienen als hübsche Ferienkulissen, vor allem aber als malerische Unterlagen für wilde Verfolgungsjagden, Zweikämpfe und Explosionen – alles wie gehabt. Nach zwei Stunden hängt man ermattet im Sessel und ist nicht mehr so sicher, ob sich das Unternehmen Bond nicht doch totgelaufen hat, entgegen aller Beschwörung im Titel, trotz Schwarzer Geheimdienstagentin und schönem Titelsong von Billie Eilish als Köder für die jüngere Generation und den Zeitgeist.

Time to die also? Eigentlich schon. Aber wie hiess es nochmals im Verriss der «Prawda»? Bonds Job sei es, «die Interessen der Besitzenden zu beschützen». Das ist auch ganz konkret zu verstehen: Flemings «wunderbare Maschine» ist nicht zuletzt ein fantastischer Geldautomat. Was für viele ein lieb gewonnenes Kinoritual geworden ist, spült Milliarden in die Kassen der «besitzenden» Produzent:innen und Stars. Jedes Bond-Abenteuer spielt ein Zigfaches seiner Kosten ein, unter den 25 erfolgreichsten Kinofilmen der Geschichte finden sich in der Schweiz nicht weniger als acht Bond-Filme. Solange das Publikum diesen lukrativen Pakt nicht aufkündet, wird die Bond-Sache weitergehen. Da kümmert es wenig, dass er als fiktionale Figur längst aufgebraucht ist.

Jetzt im Kino.

Korrigendum vom 1. Oktober 2021: In der Printversion sowie in der ursprünglichen Onlineversion steht, dass der Ausdruck «wunderbare Maschine» von Umberto Eco stammt. Richtig ist, dass Eco den Ausdruck von Bond-Erfinder Ian Fleming übernimmt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch