Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Es geschah mitten in Paris

Vor sechzig Jahren wurden in der französischen Hauptstadt über hundert Algerier von Polizeikräften ermordet. Die Erinnerung an das Massaker wurde jahrzehntelang unterdrückt – zumindest im einen Teil der Gesellschaft.

Von Thomas Schmid

An den Ufern der Seine lagen angeschwemmte Leichen, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. In den Wäldern am Stadtrand entdeckten Spaziergänger:innen aufgeknüpfte Menschen. Und im Sportpalast waren 6600 Männer der entfesselten Wut einer Polizei ausgesetzt, die gnadenlos mit Knüppeln und Gewehrkolben auf ihre Opfer eindrosch. Wie viele Menschen vor sechzig Jahren, am 17. Oktober 1961, in Paris erschlagen, erdrosselt oder erschossen wurden, ist bis heute umstritten. Es dürften zwischen 100 und 200 gewesen sein. Allein im Polizeipräsidium kamen mindestens sieben, vielleicht auch Dutzende ums Leben. Die Täter waren Franzosen, die Opfer Algerier.

Charles de Gaulle, damals französischer Staatspräsident, erwähnt das Massaker in seiner 1505 Seiten dicken Autobiografie mit keinem einzigen Wort. Und auch die Präsidenten, die auf ihn folgten, schwiegen beharrlich. Erst der Sozialist François Hollande nannte 2012 die Geschehnisse vom 17. Oktober 1961 in einer knappen Pressemitteilung eine «Tragödie». Deutlich weiter ging am vergangenen Samstag Emmanuel Macron. Er sprach von «unentschuldbaren Verbrechen» – und lavierte damit geschickt zwischen den Forderungen aus Algerien, dessen Machthaber auf einer offiziellen Entschuldigung beharren, und den Vorwürfen aus dem rechtsextremen Lager von Marine Le Pen, das ihn immer wieder des Kniefalls vor Algerien bezichtigt.

Am Seineufer legte Macron einen Kranz nieder und sprach mit Angehörigen der Opfer. Mehr als um die Aussöhnung mit Algerien geht es ihm allerdings um die Aussöhnung der französischen Gesellschaft: Sieben Millionen Französ:innen sind algerischer Herkunft, haben in Algerien im Krieg gekämpft oder wurden aus Algerien vertrieben, sind Kinder oder Kindeskinder von Soldaten oder Vertriebenen. Die meisten von ihnen sind stimmberechtigt. Im kommenden Jahr will Macron wiedergewählt werden.

Ein rechtsextremer Polizeichef

Etwa 400 000 Algerier:innen lebten 1961 in Frankreich, allein im Grossraum Paris waren es über 150 000, zumeist junge Männer, Kontingentarbeiter, angeheuert von französischen Unternehmen. Sie wohnten vorwiegend in billigen Absteigen der Hauptstadt oder in Barackensiedlungen der Banlieue. Offiziell waren sie keine Algerier:innen, sondern Französ:innen, genauer «muslimische Franzosen aus Algerien», das faktisch zwar eine Kolonie war, offiziell aber integraler Teil Frankreichs. In Algerien aber führte der Front de libération nationale (FLN) seit sieben Jahren einen Krieg für die Unabhängigkeit seines Landes.

Im Jahr 1961 spitzte sich die Lage zu. Im Februar gründeten Rechtsextremisten und Generäle, die gegen ein unabhängiges Algerien waren, die OAS (Organisation de l’armée secrète). Ihrem Terror sollten in den zweieinhalb Jahren ihrer Existenz in Algerien und Frankreich mindestens 2000 Menschen zum Opfer fallen. Charles de Gaulle, seit 1958 an der Macht, nahm jedoch mit dem FLN in Evian am Genfersee unbeirrt Verhandlungen auf, die im Frühling 1962 in die Unabhängigkeit Algeriens mündeten.

Auch der FLN trug 1961 zur Verschärfung der Situation bei. Seinen Kommandos in Frankreich fielen von Ende August bis Anfang Oktober, innerhalb von nur fünf Wochen, dreizehn Polizisten zum Opfer. Im Polizeikorps machten sich Frustration und Wut breit. Der Ruf nach Vergeltung wurde laut. Die Radikalisierung mag Maurice Papon, dem Polizeipräfekten von Paris, durchaus zupassgekommen sein. Wie Michel Debré, unter Staatspräsident de Gaulle Regierungschef, war er ein vehementer Befürworter eines «französischen Algerien». Wollten die beiden die Verhandlungen in Evian torpedieren?

Papon hatte einen bemerkenswerten Lebenslauf. Im von Nazideutschland besetzten Frankreich ordnete er von 1942 bis 1944 die Festnahme und Deportation von 1560 Jüd:innen an, von denen die meisten in Auschwitz ermordet wurden. 1956 bis 1958 war er «Generalinspekteur der Verwaltung in ausserordentlicher Mission», zuständig für Ostalgerien. Unter seiner Verantwortung kam es zu Massenerschiessungen und wie überall in Algerien zu systematischer Folter von Partisan:innen und Zivilist:innen. Dieser Papon also war nun seit 1958 Polizeipräfekt von Paris. Und auch in Frankreichs Hauptstadt wurden auf Polizeistationen Algerier:innen misshandelt. Viele kamen unter dubiosen Umständen zu Tode.

Mediale Schuldumkehr

Am 5. Oktober 1961 verhängte Papon eine vorläufige nächtliche Ausgangssperre von 20.30 bis 5.30 Uhr – für alle «muslimischen Franzosen aus Algerien». Der FLN forderte die Algerier im Grossraum Paris – ausschliesslich die Männer, die Frauen hätten zwei Tage später auf die Strasse gehen sollen – zum Protest gegen diese selektive, rassistische Massnahme auf. Es war das einzige Mal während des acht Jahre dauernden Unabhängigkeitskriegs, dass er in Frankreich zu einer öffentlichen Demonstration aufrief. Der FLN verbot ausdrücklich, irgendeine Art von Waffen, «und sei es auch nur eine Stecknadel», mitzuführen. Und er hatte die Macht, das Verbot auch durchzusetzen.

Die überwiegende Mehrheit der in Frankreich lebenden Algerier:innen unterstützte wohl den algerischen Unabhängigkeitskampf. Und die meisten entrichteten den Obolus, den der FLN regelmässig einforderte, mehr oder weniger freiwillig. Wer sich weigerte, bekam es allerdings mit Schlägertrupps des FLN zu tun oder bezahlte gar mit dem Leben. In Paris und seiner Banlieue kontrollierte der FLN das algerische Milieu nahezu total. Alkohol war verboten, Glücksspiel auch. «Gerechtigkeitskomitees» des FLN schlichteten Zwistigkeiten und kontrollierten in den Absteigen und Baracken die Sauberkeit der Toiletten. Vermeintliche oder tatsächliche Spitzel wurden als Verräter:innen hingerichtet, Missachtung von Befehlen des FLN wurde mitunter mit dem Tod bestraft. Und allein bei Abrechnungen zwischen dem FLN und der mit ihm konkurrierenden Unabhängigkeitsbewegung Mouvement national algérien (MNA) starben auf französischem Boden etwa 4000 Algerier:innen.

Am 17. Oktober 1961 strömten also Zehntausende Algerier – wie es der FLN angeordnet hatte – aus verschiedenen Richtungen per Bus oder Metro ins Stadtzentrum, die meisten im Sonntagsanzug, mit weissem Hemd und Krawatte. Die Polizei griff an Bushaltestellen und an den Ausgängen der U-Bahn die ankommenden Demonstranten ab, knüppelte erbarmungslos auf sie ein, verfrachtete sie in Fahrzeuge, oft requirierte Busse des öffentlichen Verkehrs, und transportierte sie ab. Viele Polizisten waren vermutlich auch durch Falschmeldungen im Polizeifunk, wonach mehrere ihrer Kollegen von Arabern erschossen worden seien, aufgeputscht. Es war spätnachmittags, frühabends. Tausende Französ:innen müssen die Szenen entfesselter Gewalt mitten im Stadtzentrum, bei der Polizisten auch ihre Schusswaffen einsetzten, miterlebt haben.

Über 11 500 Algerier wurden in Internierungslager, Sportarenen und zum Parc des expositions, einem Ausstellungsgelände, gebracht. Vier Tage lang blieben sie dort eingesperrt – ohne ärztliche Versorgung, ohne ausreichende Nahrung. Der Palais des sports, ein Indoorstadion, wurde gerade noch rechtzeitig für ein Jazzkonzert geräumt. «Ray Charles wird heute Abend singen können», meldete die Boulevardzeitung «France-Soir» am 22. Oktober, «nach der Desinfektion hat der Sportpalast nun wieder sein übliches Aussehen.»

Und die sogenannt seriöse Presse? «Gewalttätige Demonstrationen algerischer Muslime in Paris» titelte der konservative «Figaro» am 18. Oktober. Die liberale «Monde» schob am 19. Oktober in ihrem Leitartikel die Verantwortung für «die blutigen Ereignisse von Paris» dem FLN zu, weil «der muslimische Terrorismus der Ursprung dieser Dramen» gewesen sei. Und in den Spätnachrichten des damals einzigen – staatlichen – Fernsehsenders wurden den grauenhaften Stunden gerade zwei Minuten und vierzehn Sekunden eingeräumt. Ein Bischof, der den Flugschein gemacht hatte, erhielt mehr Sendezeit.

Zwei Erinnerungskulturen

Papon gab am 18. Oktober bekannt, es habe am Vortag nur drei Tote gegeben. Doch die Geschehnisse liessen sich nicht verschweigen. Neue Zeug:innen tauchten auf, Hunderte Schwerverletzte lagen in Krankenhäusern, und immer wieder wurden in der Seine gefesselte Leichen gefunden.

Die Presse begann, über unverhältnismässige Polizeigewalt zu berichten. Aber als in der Wochenzeitung «France Observateur» berichtet wurde, dass im Innenhof der Polizeipräfektur fünfzig Algerier gestorben sein könnten, wurde die Ausgabe sofort beschlagnahmt. Ebenso erging es dem Journal «Vérité Liberté», das Berichte algerischer Zeug:innen publizierte, der renommierten Zeitschrift «Temps modernes», die Papon der Anstiftung zu einem Pogrom bezichtigte, und dem Magazin «Partisans», in dem der Verleger François Maspero über die Leichen in der Seine schrieb. Die Publikation des Buches «Ratonnades à Paris» (zu Deutsch: Ausschreitungen in Paris), das die Journalistin Paulette Péju wenige Monate nach dem Massaker verfasste, wurde verhindert. Der Film «Octobre à Paris» des mehrfach dekorierten Résistance-Kämpfers Jacques Panijel wurde bei der Erstaufführung 1962 beschlagnahmt.

Protest kam vor allem von jüdischer Seite und von einigen Intellektuellen. Eine Gruppe um Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Louis Aragon, André Breton und Claude Lanzmann rief Parteien, Gewerkschaften und demokratische Organisationen vergeblich zum Protest gegen die «rassistische Raserei, die an die dunkelsten Tage der Besetzung durch die Nazis erinnert» auf. Im Februar 1962, vier Monate später, wurden bei einer Demonstration gegen den Terror der rechtsextremen OAS am Pariser U-Bahnhof Charonne neun Menschen von der Polizei erschlagen. 500 000 Personen nahmen an der Beerdigung teil. Die Opfer waren alle «Einheimische» – keine «muslimischen Franzosen aus Algerien».

Das Massaker vom Oktober 1961 hingegen war schnell vergessen. Papon blieb bis 1967 Pariser Polizeipräfekt, stieg 1978 sogar zum Minister für den Staatshaushalt auf. Erst 1998 wurde er wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit im von Deutschland besetzten Frankreich zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Für die Massaker hingegen musste er sich nie vor Gericht verantworten. Jahrzehntelang wurde in Frankreich der grösste von staatlichen Sicherheitskräften verübte Gewaltakt im demokratischen Westeuropa der Nachkriegszeit beschwiegen und verschwiegen.

Was den Algerienkrieg und das Massaker von Paris betrifft, gibt es in Frankreich aber verschiedene Erinnerungskulturen: In der algerischen Diaspora war das Thema sehr wohl immer präsent. Und selbst wenn es ihm dabei nur um seine Wiederwahl gehen sollte: Dass Präsident Macron am Samstag einen Kranz niederlegte, war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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