Nr. 43/2021 vom 28.10.2021

«Mich empörte das Ausmass ihrer Lügen»

Im Mai endete in Évry bei Paris das jahrelange Gerichtsverfahren gegen Firmen, die das Entlaubungsmittel Agent Orange herstellten, mit einem skandalträchtigen Urteil. Doch die Klägerin Tran To Nga gibt nicht auf.

Von Peter Jaeggi

Nur Mario Bottas Backsteinkathedrale trotzt der Tristesse in der Pariser Vorstadt Évry. Hier, in einer kleinen Wohnung eines gigantischen Wohnsilos, lebt die 79-jährige Vietnam-Französin Tran To Nga. Als Klägerin gegen vierzehn Chemiefirmen, die das hochgiftige Agent Orange herstellten, schreibt sie juristische Weltgeschichte.

Sechs Jahre zog sich der Prozess vor dem Tribunal des Landgerichts von Évry hin. Insider:innen sehen den Grund für den Marathon in einer hoffnungslos unterdotierten französischen Justiz und der Taktik der Gegenanwaltschaft: Tran To Nga ist krank – gut möglich, dass sie die Dauer des allfälligen Berufungsverfahrens nicht überstehen wird.

Im Urteil vom 10. Mai 2021 wischt das Gericht alle wesentlichen Argumente der Anklage vom Tisch und sagt, die beschuldigten Firmen genössen «gerichtliche Immunität». Tran To Nga vermutet, das Urteil sei auch politisch motiviert: «Die Beziehungen zwischen den USA und Frankreich haben sich verbessert; deshalb denke ich, dass Amerika nicht zu arg beschuldigt werden sollte.»

Tran To Nga kam 1992 nach Frankreich und gründete in Paris ein kleines Reisebüro zur Ankurbelung ihres privaten Hilfswerks für verarmte Agent-Orange-Opfer. Ihren ersten Kontakt mit dem Gift hatte sie 1966 in der Region Cu Chi, einer Hochburg des Untergrundwiderstands in nächster Nähe einer US-Basis unweit von Saigon. Um sich vor Geschossen zu schützen, hatten die Menschen zwischen 1963 und 1968 ein Tunnelsystem von rund vierzig Kilometern Länge gegraben, das auf drei Etagen bis acht Meter tief reicht. Rund um den Stützpunkt versprühten die USA und ihre Verbündeten immer wieder Herbizide.

«Die ganze Gegend war entlaubt. Es sah aus wie eine Wüste», erinnert sich Tran To Nga. Als sie in Cu Chi erstmals die Motoren eines tief fliegenden Flugzeugs hörte, kroch sie aus ihrem Bunker. «Da sah ich hinter der Maschine eine weisse Wolke zu Boden schweben, und mich traf eine klebrige Flüssigkeit.» Andere Augenzeug:innen berichten von «Chemieregen» und davon, wie die toten Bäume mit Benzinpulver überschüttet und mit Raketen in Brand gesetzt wurden.

Dass die Wolke, die sie beobachtet, hochtoxisch ist, weiss Tran To Nga damals noch nicht. Auch später gerät sie immer wieder mit dem Gift in Berührung. «Während meiner Missionen in den Wäldern durchwateten wir Sümpfe voller tot gespritzter Blätter.» Erst nach dem Kriegsende 1975, nachdem die Soldaten in ihre Dörfer zurückgekehrt waren, Familien gegründet hatten und viele Kinder mit Missbildungen zur Welt kamen, wurde das Ausmass der Katastrophe sichtbar.

Nach dem Abschluss ihres Chemiestudiums in Hanoi schloss sich Tran To Nga dem Widerstand an. Vier Monate lang marschierte sie auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad mehr als tausend Kilometer, bis sie das Hauptquartier der Nationalen Befreiungsfront in Saigon erreichte. «Wir trugen nur das Nötigste auf uns. Ein paar Kleider, ein handgefertigtes Zelt. Ein Kilo Milchpulver, ein Kilo Salz und mehrere Kilo Reis, den wir, in einen Stoff eingewickelt, um den Bauch trugen. Bevor es losging, trainierten wir längere Strecken mit Backsteinen im Rucksack. Man musste stets mit dem Schlimmsten rechnen.»

Verwischte Spuren

Szenenwechsel. Ein offenes eisernes Tor, eine Baumallee, dahinter ein ebenerdiges Anwesen mit einem Obstgarten. Hier im beschaulichen Saint-Jean-Lespinasse in der französischen Region Okzitanien lebt André Bouny.

Der Schriftsteller und Maler befasst sich seit Jahrzehnten mit Agent Orange. In Frankreich gilt er seit seinem Buch «Agent Orange. Apocalypse Viêt Nam» als Experte auf diesem Gebiet. Bouny war es auch, der Tran To Nga vor zwölf Jahren motivierte, den Prozess zu führen. Zuerst winkte sie ab, denn zu diesem Zeitpunkt war sie bereits 67 Jahre alt. «In Vietnam gilt das als sehr alt, und ich war zufrieden mit meinem Leben und meiner humanitären Arbeit», sagt sie. «André und vietnamesische Freunde jedoch liessen nicht nach und sagten, dass niemand anders diese Klage einreichen könne.»

Bouny bringt Tran To Nga mit dem Anwalt William Bourdon zusammen, der auch schon einen afrikanischen Staatschef hinter Gitter gebracht, französische Guantánamo-Gefangene verteidigt und François Hollande, den späteren französischen Staatspräsidenten, beraten hat. Ursprünglich strebten Bourdon und sein Team, die bis heute unentgeltlich für den Prozess arbeiten, keinen Zivil-, sondern einen Strafprozess an und hofften, Hollande würde eine entsprechende Gesetzesänderung in die Wege leiten. Denn bei den Vorbereitungen galt noch immer eine Bestimmung, die einen Prozess hätte verhindern können. «Wenn die Regierung glaubt, ein Strafverfahren gegen ein anderes Land könnte dem eigenen Staat schaden», erklärt Bouny, «kann sie den Prozess verhindern.» Das Gesetz aus der Zeit von Präsident Nicolas Sarkozy wurde jedoch nicht gestrichen, und so blieb nur das zivilrechtliche Verfahren. Angeklagt werden sollten ursprünglich 26 Unternehmen, die Agent Orange produziert hatten – am Ende blieben 14. Zahlreiche Firmen, so Bouny, seien in den letzten Jahrzehnten verschwunden oder hätten mit Namensänderungen und Fusionen ihre Spuren derart verwischt, dass es unmöglich gewesen sei, die nötige Detektivarbeit zu leisten, um sie zu identifizieren und anzuklagen.

Den unfreiwilligen Kontakt mit dem dioxinhaltigen Agent Orange bezahlt Tran To Nga teuer. Sie leidet an Typ-2-Diabetes, an einer seltenen Blutkrankheit und an einer Immunschwäche. Alle drei gehören zu jenen rund fünfzig Krankheiten und Behinderungen, die die USA mit Agent Orange in Verbindung bringen und für die US-Veteranen eine Kompensation sowie kostenlose medizinische Behandlung erhalten. Dass ihre Leiden mit Agent Orange zusammenhängen, erfuhr Tran To Nga jedoch erst 2011, als Bouny sie dazu motivierte, ihr Blut in einem spezialisierten deutschen Labor auf Dioxin untersuchen zu lassen. Die gefundenen Werte bildeten die Grundlage für den Zivilprozess und die Schadenersatzklage über mehrere Hunderttausend Euro. Tran To Nga betont, es sei ihr nie ums Geld gegangen, sondern um alle Agent-Orange-Opfer. Deshalb habe sie einen aussergerichtlichen Vergleich abgelehnt.

Seltsame Symptome

«Unsere Freude über die Geburt unseres ersten Kindes, eines Mädchens, war unbeschreiblich», wird der frühere Ehemann von Tran To Nga in den Gerichtsakten zitiert. Geboren wird die Tochter 1969 im Dschungel auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad. «Bevor sie zwölf Monate alt war, entwickelte sie seltsame Symptome. Ihre Haut verfärbte sich violett, und sie hatte Atemprobleme», gibt der Vater zu Protokoll. Mit siebzehn Monaten stirbt die kleine Viet-Hai an einem schweren Herzfehler. 1971 bringt Tran To Nga im Zentralgefängnis des südvietnamesischen Regimes ihre zweite Tochter zur Welt. Das Kind hat eine Wirbelsäulendeformation, dieselbe unheilbare Blutkrankheit wie ihre Mutter sowie Atemprobleme. Heute werden in Familien, deren Vorfahren das Gift abbekommen haben, bereits Kinder in der vierten Generation mit Missbildungen geboren.

Gewiss könne sie verstehen, dass die Anwält:innen der Firmen die reichen Auftraggeber um jeden Preis verteidigen müssten, sagt Tran To Nga. «Mich empörte jedoch das Ausmass ihrer Lügen und deren Aggressivität.» Eine Anwältin habe ihr vorgeworfen, die Agent-Orange-Geschichten seien erlogen und der Sprühnebel des Flugzeugs, in den sie damals geraten war, gar nicht bis auf den Boden gefallen – ihre Leiden seien vielmehr altersbedingt. «Ich gab mir die Schuld für den Tod meiner Tochter. Schliesslich hatte ich ja die Krankheiten weitervererbt», erzählt Tran To Nga. Umso schmerzlicher traf sie ein weiterer Vorwurf: Ihr erstes Kind sei nicht wegen Agent Orange, sondern an Unterernährung gestorben.

André Bouny wirft dem Gericht vor, wichtige Akten unterschlagen zu haben: Berge von Dokumenten aus einem New Yorker Agent-Orange-Prozess von 2004, die Bourdons Kanzlei zugespielt worden waren und beweisen würden, dass den angeklagten Firmen keine Immunität zustehe. «Das ist der Hauptgrund für unseren Antrag auf das Berufungsverfahren», sagt Bouny. Das Gericht von Évry glaubt nämlich den Firmen, die argumentieren, das US-Kriegsgesetz habe sie gezwungen, das Herbizid zu liefern, ansonsten hätten massive Strafen gedroht. «Das stimmt nicht», sagt Bouny. «Deshalb wird unsere wichtigste Forderung in einem Berufungsverfahren sein, die Immunität aufzuheben.» Noch bis zum 6. Dezember haben die beschuldigten Firmen nun Zeit, beim höchsten Berufungsgericht Frankreichs ihre Verteidigungsschriften einzureichen.

Die Richter:innen in Évry begründeten ihr Urteil auch damit, das US-Kriegsgesetz habe die Firmen verpflichtet, ihr Land zu verteidigen. Auch das sei nicht wahr, meint Bouny. «Vietnam hatte ja nie amerikanisches Territorium angegriffen. Vielmehr: Die USA haben Vietnam angegriffen.» Ein weiterer Punkt, der unterschlagen worden sei: «Die Armee bestellte zwar Agent Orange – aber natürlich nicht mit dem darin enthaltenen Dioxin TCDD, das als giftigste je von Menschenhand erzeugte Substanz gilt. TCDD ist ein unerwünschter Bestandteil. Er entsteht, wenn die Herstellung zu schnell abläuft, um möglichst rasch viel Geld zu verdienen. Den Firmen war bekannt, wie man dieses Herbizid ohne Dioxin herstellen konnte: bei niedrigerer Temperatur und langsamerer Produktion.»

In der Urteilsbegründung von Évry steht zudem, man habe damals nicht gewusst, dass Agent Orange den Menschen schade. Bouny widerspricht: «Natürlich wusste die Armee von Anfang an, dass es toxisch ist. Das Berufungsverfahren soll nun das Märchen vom Nichtgewussthaben widerlegen.» Mit Fakten wie diesen:

  • Chemieingenieure der US-Armee sind seit spätestens Anfang 1961 über die Toxizität von Dioxin informiert – seit dem Jahr des ersten Agent-Orange-Einsatzes. Dies belegen Aussagen von James Cleary, einst Chemiewaffenspezialist des Militärs.
  • Die «New York Times» zitiert am 5. Mai 1983 aus einem Brief eines Direktors von Dow Chemical aus dem Jahr 1965: «Dioxin ist ausserordentlich giftig. Es hat ein gewaltiges Potenzial, Chlorakne zu verursachen. (…) Unter keinen Umständen darf dieser Brief kopiert, anderen gezeigt oder an jemanden ausserhalb von Dow geschickt werden.»
  • 1965 beginnt Dow Chemical im Staatsgefängnis von Philadelphia Versuche an siebzig Insassen. Sie werden «freiwillig» dem Dioxin TCDD ausgesetzt, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Den Probanden wird gesagt, man teste ein neues Krebsheilmittel. Laut Bouny war dies bereits das zweite Experiment, das Dow Chemical an «Freiwilligen» durchführte und damit gegen Regeln der internationalen Gemeinschaft verstiess, die unter der Schirmherrschaft der USA an den Nürnberger Prozessen entstanden.
  • 1967 fordern rund 5000 Wissenschaftler:innen, darunter 17 Nobelpreisträger, den Einsatz von Agent Orange in Vietnam zu stoppen. Erst 1971 wird damit aufgehört.

Vielleicht bringen jetzt 1100 Schachteln, die im «Vietnam Center» der Texas Tech University lagern, endgültig Klarheit. Das Zentrum besitzt die umfassendste Informationssammlung über den Krieg in Vietnam. Ein dreijähriges Forschungsprogramm soll den Durchbruch bringen.

Das politische Erbe der Mutter

Im Wohnzimmer von Tran To Nga in Évry hängt die Urkunde der französischen Ehrenlegion, die ihr Engagement für Agent-Orange-Opfer auszeichnet. Überstrahlt wird der Raum von einem Schwarzweissporträt einer jungen Vietnamesin. Eine Jugendfotografie ihrer Mutter Nguyen Thi Tu, über die Tran To Nga ein wenig wie über eine Heilige spricht. Ihr, die in Saigon Präsidentin der «Frauenunion für die Befreiung Südvietnams» war, habe sie alles zu verdanken. Tran To Nga beschreibt sie als eine Helferin der Armen und als Widerstandskämpferin – zuerst gegen die französische Kolonialmacht, später gegen die USA. Sie erinnere sich gut, wie sie sie als Kind in Waisenhäuser und zu armen Familien mitgenommen habe, sagt Tran To Nga.

Der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam richtete immense Schäden an, vor allem zulasten der armen Bevölkerung. Als Vorsitzende der Frauengewerkschaft von Saigon rief die Mutter in ganz Südvietnam zur Hilfe auf, was ihr eine Gefängnisstrafe einbrachte. «Eines Tages, ich war acht Jahre alt, reichte mir meine Mutter ein zusammengerolltes Stück Papier», erinnert sich Tran To Nga. «Damit schickte sie mich zu Freunden. Sie bat mich eindringlich, mit niemandem darüber zu reden. Sonst komme Mama ins Gefängnis.» Das ist Tran To Ngas erster Einsatz als Überbringerin geheimer Botschaften des Widerstands. Später wird sie Mitarbeiterin der nordvietnamesischen Befreiungsfront-Presseagentur und danach eine Verbindungsperson zwischen der Befreiungsfront und Leuten in der südvietnamesischen Regierung, die insgeheim auf der Seite des Widerstands waren.

Im August 1974, acht Monate vor Kriegsende, wird Tran To Nga in Saigon, dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt, verhaftet. Sie ist im dritten Monat schwanger mit ihrer dritten Tochter. Trotzdem foltert man sie. «Eine ganze Nacht haben sie mit einem Knüppel auf meinen Kopf und meine Beine geschlagen. Als ich an den Armen aufgehängt wurde, redete ich mir ein: Irgendwann muss es aufhören. Ich weiss nicht mehr, wie viele Stunden ich da hing.» Doch die beiden Folterer können keine Namen von Kollaborateur:innen aus ihr herausprügeln. Am Ende fordern sie Tran To Nga auf, die Arme zu bewegen, weil sie sonst gelähmt bleiben könnten. «Ich schaffte es nicht; dann fassten sie meine Arme und bewegten sie so lange, bis das Blut wieder zirkulierte.»

Noch schlimmer erging es ihrer Mutter. Im berüchtigten Gefängnis auf der Insel Phu Quoc, so berichten später Augenzeug:innen, wird sie in eine kleine Zementkiste gesetzt, geschlagen und stundenlang bis zur Ohnmacht der tropischen Sonne ausgesetzt, in einem anderen Gefängnis an einen Pfahl gefesselt und mit Elektroschocks gequält. Im Januar 1967 führen die US-Streitkräfte im «Eisernen Dreieck» unweit von Saigon die grösste «Säuberungsaktion» ihrer ganzen «Vietnam-Kampagne» durch. «Search and destroy», aufspüren und vernichten, heisst der Befehl, der in diesem Krieg immer wieder ertönt. Ein Tötungswahn, der auch unzählige Zivilist:innen trifft. «Am letzten Tag dieser Operation, am 28. Januar 1967», sagt Tran To Nga, «fiel meine Mutter in die Hände des Feindes. Ich suchte in sämtlichen Gefängnissen nach ihr; doch sie war verschwunden.» Dreissig Jahre suchte sie nach den Überresten ihrer Mutter. «Dank der Hilfe eines Mediums fand ich sie schliesslich: das Skelett aufrecht sitzend und der Schädel nur zwanzig Zentimeter unter der Erdoberfläche. Meine Mutter wurde lebendig begraben.» So hatten es ihr überlebende Zeug:innen berichtet.

In den 1990er Jahren besuchte Tran To Nga in Vietnam erstmals Familien mit Agent-Orange-Opfern. «Obwohl ich im Krieg Kameraden eigenhändig begraben hatte, war es das erste Mal, dass ich menschliches Leid so hautnah erlebte.» In der Provinz Thai Binh sei sie einem Menschen mit verdrehten Armen, Händen und Füssen begegnet. Er hatte vorne und hinten einen Buckel und konnte kaum sprechen. «Ich sah ein Kind, doch er war bereits dreissig. Ich musste weinen. Da wischte er mit seinen verkümmerten Fingern meine Tränen weg und sagte: ‹Mama, weine nicht, es geht mir gut.› Diese Szene begleitet mich seither durchs Leben.»

Zitat aus der Urteilsbegründung von Évry: «Frau Tran To Nga weist keinen Kausalzusammenhang zwischen der Agent-Orange-Exposition und den von ihr erlittenen Krankheiten nach.» Das Mantra der US-Regierung und der Herstellerfirmen seit Anbeginn. «Das amerikanische Zurückweisen jeglicher Schuld seit Kriegsende 1975 gleicht einer selektiven Amnesie», sagt André Bouny. Man dürfe nicht vergessen, dass die USA ihren Rückzug aus Vietnam als ein Ende «in allen Ehren» propagierten. «Verbrechen wurden deshalb unter den Teppich gekehrt, und wir haben diese Amnesie übernommen.» Doch es dürfe einfach nicht sein, dass Unternehmen wie Dow Chemical, Monsanto alias Bayer AG und andere behaupteten, sie seien unschuldig – und im gleichen Zug Agent-Orange-geschädigte Menschen entschädigten. Tatsächlich haben Chemiefirmen aussergerichtlich bereits Hunderte von Millionen Dollar an US-Veteranen bezahlt – stets mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dies keine Schuldanerkennung sei. Kommt hinzu, dass auch der US-Staat Veteranen entschädigt, die sich in Agent-Orange-Gebieten aufhielten. Bouny sieht darin «eine unbestreitbare Form der Schuldanerkennung».

Der Glaube an die Jugend

Wann und ob überhaupt das Berufungsverfahren beginnt, weiss man noch nicht. Die Richter in Paris warten nun die Antworten der angeklagten Firmen ab. Sobald der Prozess abgeschlossen ist – mit welchem endgültigen Urteil auch immer –, will Tran To Nga in ihr Heimatland zurück: «Ich möchte in Vietnam begraben werden», sagt sie, «damit ich die Häuser meiner Nachfahren bevölkern kann.» In Vietnam sind die Seelen der Toten allgegenwärtig, in der Ahnenkultur bauen sie Brücken vom Diesseits zum Jenseits. Und erst nach der Beerdigung der Toten können viele Familien Frieden finden. Deshalb war es für Tran To Nga auch so wichtig, die sterblichen Überreste ihrer Mutter zu finden.

Was aber, wenn eintritt, worauf die Gegenanwält:innen offenbar bereits im Prozess von Évry gehofft hatten? Wenn Tran To Nga die Dauer des Verfahrens nicht überlebt? Theoretisch könnten ihre ebenfalls dioxingeschädigten Kinder den Prozess fortführen. Doch Tran To Nga winkt ab. «Meine beiden Töchter haben keinen französischen Pass. Wenn ich verschwinden würde, verschwände auch der Prozess.» So oder so, umsonst sei der lange Weg nicht gewesen. Es gebe inzwischen Hunderttausende von Menschen, die ihr das Gefühl gäben, nicht allein zu sein. «Wenn ich nicht bis zum Ende des Verfahrens durchhalte, wird weltweit eine ganze Armee von jungen Menschen meinen Kampf fortsetzen. Denn es hat ein weiterer Kampf begonnen: der Kampf gegen den Ökozid.»

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