Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

Für Achim, Ruedi, Lutger, Christian

Stefan Gärtner ist zu schlapp zum Trinken

Von Stefan Gärtner

Karl Kraus dekretierte, ein Feuilleton schreiben heisse, auf einer Glatze Locken zu drehen, und weil eine Kolumne aber kein Feuilleton ist und mich die kommende Möglichkeit, in der Migros Alkohol zu kaufen wie in jedem normalen Supermarkt auch (z. B. der Migros-Tochter Denner), genauso betrifft wie meinen Freund Ruedi, wird es jetzt eben nicht darum gehen, wie ich mit zarten zehn Jahren im örtlichen Elektroladen mein erstes Musikalbum vom eigenen Geld kaufte, nämlich «4630 Bochum» von Herbert Grönemeyer. Auf dem Album, das ich in Ermangelung eines Plattenspielers als Kassette erwarb, war das Lied «Alkohol», das ich bald genauso auswendig konnte wie die ganze Platte. Ich fürchte, ich kann es immer noch, will es aber gerade nicht ausprobieren.

Sehr viel später dann Heinz Strunks ewiger Satz, er, Strunk, sei «strukturell immer Wirkungstrinker» gewesen, und das gilt ja nun für jeden, der mit dem Trinken anfängt. Man sitzt schliesslich nicht mit 16 oder 17 in der Dorfbeiz, weil das Bier so gut schmeckt, sondern weil es im Ort kein Kino gibt und die fünfte Stange dann immerhin zu romantischen Plänen führt wie dem, auf der Stelle ins 500 Kilometer entfernte Hamburg zu reisen, und dann fuhren wir per Anhalter in die Kreisstadt, wo wir um ein Haar in den Intercity gestiegen wären, weil Christian aus irgendwelchen Gründen Euroschecks dabei hatte. Aus irgendwelchen anderen Gründen hat er seinen Eltern noch Bescheid gesagt, und dann sind wir mit dem Taxi wieder nach Hause gefahren.

Auf der Uni las ich Georg Trakl («Für Einsames ist eine Schenke da»), und auch mein Zimmernachbar Lutger hatte eine Schwäche für die hohe Poesie: «Der Alkohol, der Alkohol, / das ist mein Feind, das weiss ich wohl. / Doch in der Bibel steht geschrieben: / Du sollst auch deine Feinde lieben!» War das Bierglas leer, beschwerte er sich, ihm wachse «schon wieder Moos auf der Zunge», was mir gut gefiel, obwohl es unlogisch ist, und quasi automatisch landete ich hernach bei den strukturellen Wirkungstrinkern von «Titanic». Unvergessen, wie der prachtvoll betrunkene Zeichner Achim Greser in der Frankfurter Gaststätte Horizont den blutjungen Winterthurer Redaktionspraktikanten Ruedi zusammenbrüllte, «der Führer» hätte damals die Schweiz «mit der Feuerwehr» einnehmen können usw., und wir vor Lachen beinah kollabiert wären (ausser Ruedi, denn der wusste nicht, wie ihm geschah), und geradezu noch schwungvoller der Kartenabend im Aschaffenburger Bierlokal Schlappeseppel, wo der nämliche Achim, von uns nach Kräften angefeuert, einen solchen berauschten Lärm machte, dass wir erst mehrmals ermahnt und dann tatsächlich hinausgeworfen wurden, möglicherweise der lustigste Abend meines ganzen Lebens. Achim, das sei der Ordnung halber festgestellt, ist ein grenzenlos feiner Kerl und bei forciertem Bierverzehr zwar nicht unbedingt friedlich, aber doch ganz und gar berechenbar: Er wird zwar laut und nennt einen unbotmässigen Kellner möglicherweise «Kasperkopf», bleibt aber stets gewaltfrei und schämt sich am nächsten Tag entsetzlich.

Vermisse ich das alles? Heute habe ich im Keller einen Kasten Pils stehen, vor Monaten angeschafft und so gut wie unberührt, denn wenn die Kinder endlich schlafen, bin ich platt, und beim Fernsehen oder bei so später wie bemühter Lektüre eine Flasche Bier zu trinken, da sehe ich den Sinn nicht. «Ein Bier», schrieb der Freund, Kollege und Buch-Ko-Autor («Bier! Das Lexikon») Jürgen Roth vor auch schon wieder zwanzig Jahren, «kann man nicht trinken … Wer hinausgeht aus seinem Haus und ein Bier trinken geht, der geht ein Bier trinken, um ein zweites Bier folgen zu lassen.» So ist es, und während des Lockdowns schrieb mir Ruedi, er würde so gern mit mir auf eine Stange gehen, und natürlich meinte er: auf zwei.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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