Im Affekt : Volkskunde mit der alten Tante

Nr.  47 –

Da dachten wir seit Jahren (pardon, seit Jahrhunderten), dass «wir Schweizer» das widerständige, eigenwillige «Volk» schlechthin seien. Denn spätestens seit dem Mord an Gessler liegt uns der Widerstand gegen die da oben im Blut oder in der DNA oder wo auch immer.

Doch nun lesen wir in der NZZ, dass es noch ein anderes «Völklein» gibt, dem dieser Ruf vorauseilt: «Wie kommt es, dass sich die Iberer, die in Nordeuropa als eigenwilliges Völkchen mit latent anarchistischen Tendenzen gelten, so zahlreich und anscheinend widerspruchslos impfen lassen?» So fragt sich die NZZ-Spanienkorrespondentin in einem Artikel. Und wir reiben uns irritiert die Augen: Wer bitte macht uns da in Sachen Eigenwilligkeit anscheinend seit Jahren Konkurrenz? «Die Iberer»? Also diese «Olé rufenden», laut singenden und natürlich wahnsinnig gerne tanzenden Menschen aus den «Asterix»-Heften, die auf dem Sklavenmarkt als «stolze Iberer» angeboten werden? Oder wen meint die Journalistin mit «den Iberern» genau?

Denn natürlich gibt es diese «Volks- oder Stammesgruppe, die in ur- und frühgeschichtlicher Zeit die Iberische Halbinsel, zeitweise auch Gebiete ausserhalb derselben, bewohnte», wie es auf Wikipedia heisst, schon längst nicht mehr. Genauso wenig wie die quasi urschweizerischen «Helvetier». Die über 47 Millionen Menschen, die in Spanien leben, stammen nicht nur von den Iberer:innen ab, sondern unter anderem von den Basken, den Kelt:innen sowie von Menschen, die aus Marokko, Rumänien, Kolumbien und vielen weiteren Ländern eingewandert sind. Die Vereinfachung lebe hoch, scheint man sich (nicht nur) unter Auslandkorrespondent:innen zuzurufen – denn nur einem als Einheit definierten «Volk» kann ein «Volkscharakter» zugeschrieben werden.

Die Antwort auf die Frage nach dem grossen Impfwillen der Spanier:innen ist übrigens ziemlich einfach: «Hier in Spanien wird Solidarität grossgeschrieben, daher lassen wir uns impfen», sagt eine Romanistin im Artikel der NZZ.

Merke, freies Schweizervolk: Auch ein vermeintlich «eigenwilliges, anarchistisches Völkchen» kann Solidarität leben.