Nr. 51/2021 vom 23.12.2021

Der Messias muss zur Therapie

War alles nur Psychose? 22 Jahre nach «The Matrix» folgt Keanu Reeves wieder einem weissen Kaninchen. Und Regisseurin Lana Wachowski findet nochmals einen neuen Code für ihren Mythos.

Von Florian KellerMail an Autor:in

«Wozu alter Code, wenn du etwas Neues erschaffen willst?» Szene aus «The Matrix Resurrections». Still: © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. and Village Roadshow Films North America Inc.

«Wenn du die Wahrheit willst, Neo, musst du mir folgen», sagt die Frau mit den blauen Haaren und zeigt ihm ein Tattoo auf ihrem Oberarm. Nicht nur ihm kommt es bekannt vor: Es ist ein weisses Kaninchen.

Ein Déjà-vu, das ist bekanntlich einfach eine kleine Störung in der Software. Das wissen wir seit jener Szene in «The Matrix» (1999), wo einmal ganz beiläufig eine schwarze Katze im Flur auftaucht – und dann dieselbe Katze gleich nochmals durchs Bild huscht, total identisch. Wenn jetzt, achtzehn Jahre nach dem Abschluss der Filmtrilogie, dieser grosse Verblendungszusammenhang rund um Keanu Reeves als Hacker Neo nochmals aufgerollt wird: Ist das also auch wieder so ein Fehler im Programm? Oder sehen wir in «The Matrix Resurrections» einfach die handelsübliche kommerzielle Verwertungslogik an der Arbeit?

Nun, mit solchem Entweder-oder ist man bei diesem epochalen postmodernen Blockbuster noch nie sehr weit gekommen. Letztlich ging es für das Personal in «The Matrix» ja immer schon darum, das binäre Raster aus Nullen und Einsen zu transzendieren. Die rote Pille etwa, die im ersten Film den Blick frei machte für die wahren Verhältnisse hinter der simulierten Wirklichkeit, ist seither zwar sprichwörtlich geworden als Erkennungscode rechter Subkulturen – doch der Film selber ist stets vieldeutiger und diverser, als dass er sich je auf solche einfältigen ideologischen Verkürzungen hätte reduzieren lassen. Die sind nämlich, ob sie wollen oder nicht, auch immer nur ein Effekt des Systems, wie es an einer Stelle im neuen Film heisst: Die Matrix verwandelt noch jede Idee in eine Waffe.

Alles so schön meta

Man ahnt hier bereits: «The Matrix Resurrections» ist nicht etwa ein Versuch der Geschwister Wachowski, die Autorität über den eigenen Mythos zurückzuerobern. Der Film ist schlauer als das – und vor allem auch um einiges lustiger, weil er den ganzen «Matrix»-Komplex ungeniert als Meta-Sequel weiterdreht. Nur schon, als zu Beginn wieder die altbekannten grünen Chiffren übers Display rieseln und jemand sinngemäss fragt: Wozu mit altem Code arbeiten, wenn du etwas Neues erschaffen willst? Man kann hier einer Fortsetzung zuschauen, wie sie laufend ihre eigene Daseinsberechtigung kommentiert.

Die erste Stunde von «The Matrix Resurrections» ist ein einziges Spiel mit solchen selbstreferenziellen Déjà-vus und anderen Spiegelungen. Auch die Katze ist wieder da, und sie heisst tatsächlich Déjà-vu, jedenfalls steht das so auf ihrem Napf. Sie ist das Haustier des Therapeuten, bei dem unser Held jetzt in Behandlung ist. Thomas Anderson alias Neo hat nämlich Karriere gemacht als Gamedesigner, sein neustes Spiel heisst «Binary». Doch er scheint irgendwie angeknackst, und bei der Arbeit an seinem erfolgreichsten Computergame soll er einst einen Zusammenbruch erlitten haben. Der Name jenes Spiels? Genau: «The Matrix».

Was wir für die Wirklichkeit halten, soll in Wahrheit nur eine computergenerierte Simulation sein? Diesem spektakulären Universalverdacht aus dem ersten Film wird hier gleich mal der Boden entzogen. Und an seine Stelle tritt ein individualpsychologischer Verdacht: dass nämlich diese ganze «Matrix»-Trilogie damals nur die Psychose dieses Gamedesigners war, der die virtuelle Spielwelt, die er erschaffen hatte, mit der Wirklichkeit verwechselte und nicht mehr herausfand. Kein Wunder, wird es Neo etwas bang, wenn er für einen vierten Teil jetzt nochmals bei seinem grössten Erfolg anknüpfen soll.

Porno fürs Hirn

«Unser geliebtes Mutterhaus Warner hat uns gezwungen, eine Fortsetzung zur Trilogie zu entwickeln.» Dieser Satz stammt nicht etwa aus einem Interview mit Regisseurin Lana Wachowski. («The Matrix Resurrections» hat sie ohne ihre Schwester Lilly realisiert, aber wieder mit ihren langjährigen Drehbuchpartnern, den Schriftstellern David Mitchell und Aleksandar Hemon.) Es ist eine Figur im Film, die diesen Satz sagt – und wenig später sehen wir in «The Matrix Resurrections» tatsächlich auch noch ein Kreativteam, wie es den Erfolg von «The Matrix» auf einen Begriff zu bringen versucht: War das einfach ein Porno fürs Hirn, ging es um Kryptofaschismus oder um Transpolitik, oder war alles eine Metapher für kapitalistische Ausbeutung? Kommt ganz darauf an, wen man fragt. Fehlt eigentlich nur noch, dass Slavoj Zizek im Film zitiert wird, der «The Matrix» damals treffend mit einem Rorschachtest verglich: Sag mir, was du aus dem Film herausliest, und ich sage dir, wo du politisch stehst.

Wir gegen die Maschinen: In «The Matrix Resurrections» wird nun auch diese binäre Logik ausgehebelt. Dass die ganze Auferstehung letztlich doch im Dienst einer klassischen heteronormativen Paarbildung steht: seis drum. Aber so angestrengt cool, wie die ersten «Matrix»-Filme aus heutiger Sicht anmuten, so unverkrampft selbstironisch wildert Lana Wachowski jetzt durch ihr eigenes Zeichenarsenal. Fast vergisst man dabei das Staunen über die Eleganz der Actionszenen. Die Matrix hat einen neuen Code gelernt: Humor.

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