Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Malen oder kaufen

Ruth Wysseier über prominente Weinliebhaber:innen

Von Ruth Wysseier

Wie viel schöner ist das Leben als Winzerin denn als Bauer. Während für Milch höchstens mal eine lila Kuh wirbt, reissen sich unzählige Künstler:innen darum, das Kulturgut Wein zu bewerben. Yoko Ono, Andy Warhol, Prinz Charles oder auch der von mir verehrte Olafur Eliasson haben alle schon Etiketten geschaffen.

Eliasson verewigte sich jüngst auf dem 2019er Château Mouton Rothschild. Sein Œuvre «Solar Iris of Mouton» ist eine abstrakte Darstellung aller Sonnenauf- und untergänge eines Jahres. Wenn man den Wein koste, so Eliasson, sei man verbunden mit der Gegend, dem Boden, dem spezifischen Wetter und den Jahreszeiten. Diese Aussage würde ich natürlich gerne prüfen, aber die Weine dieses Guts kosten leider einige Hundert Franken pro Flasche.

Ich wüsste gern, woher Eliasson die Idee hat, denn sie erinnert an eine des Twanner Malers Oskar Binz, der 1953 einen Inselkalender schuf. Das ganze Jahr lang zeichnete er jeden Tag vom selben Ort aus die St. Petersinsel und notierte Datum, Uhrzeit und Wetter. Am ersten Januar etwa sieht man die Insel kaum: «Näbel, windstill, -2,5°.» Am 9. Oktober dann: «Schön, schtarchi Bise. Hüt fö si zgrächtem afo läse.* 14 Grad.»

Vom Schaffen der Maler am Bielersee zeugen etliche Weinetiketten. Manchmal hätten sie so die Rechnung für ein teures Gelage beglichen, wird erzählt.

Wer kein Maltalent hat, kann auch ein Weingut kaufen. Mick Hucknall etwa, der Simply-Red-Sänger aus Manchester, fand eines auf Sizilien. Er ärgert sich, wenn man ihm den ernsthaften Winzer nicht abnimmt. Er stehe bei der Lese selber im Weinberg, wenn es die Zeit erlaube (!). Gérard Depardieu benennt seine Weine nach Filmen, in denen er mitgespielt hat. In Francis Ford Coppolas Winery im Napa Valley war ich schon mal zu Tisch (leider ohne den Hausherrn), sein Büro ist verglast, er sieht direkt in den Weinkeller. Günther Jauchs Weine gibt es bei Aldi für 5,99 Euro, was zeigt, dass er ein Herz hat für Leute, die noch nicht Millionär geworden sind. Angelina Jolie und Brad Pitt besitzen ein Château in der Provence. Dort werde ein überraschend guter Rosé produziert, nur das Flaschendesign sei schrecklich, stand mal in der «NZZ am Sonntag». Gemein, dass ihnen das niemand sagt.

Die Liebe zum Wein und zu Weingütern mit Tradition ist universell. Chinesische Investor:innen, unter ihnen auch Alibaba-Gründer Jack Ma, besitzen mittlerweile drei Prozent der Güter in Frankreich. Sie exportieren oft für den asiatischen Markt, ein Geschäftszweig, den die Einheimischen lieber nicht teilen würden.

Das schönste Hotel am Bielersee, das «Jean-Jaques Rousseau» – von seinem Garten aus kann man die Insel, die Binz gezeichnet und auf der Rousseau im Exil geweilt hat, bewundern –, gehört seit ein paar Jahren auch einem chinesischen Konsortium. Es gibt eben überall Fans von Eglifilets und Bielersee-Wein.

* Mit der Weinlese beginnen.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Olafur Eliasson anzufragen, hätte sie sich nicht getraut, aber einige ihrer Etiketten schmückt ein Binz-Aquarell.

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