Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Die Schweiz ist Oberwies

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Dass die Serie um die (jetzt Ex-)Polizistin Rosa Wilder und ihren Kollegen Manfred Kägi von der Bundeskriminalpolizei aufs endgültige Finale hinfiebert, ist traurig. Andererseits dürfte das mögliche Mass an krimineller Energie, Hinterlist, Action, Liebe und Verzweiflung mit dieser letzten Staffel ein für alle Mal aufgebraucht sein – zumindest was Oberwies angeht, das fiktive Bergdorf, in dem es immer schneit und von dessen Bewohner:innen am Ende ein beträchtlicher Teil tot oder im Knast ist.

Das Drehbuch scheint von Tolstois These inspiriert, jede unglückliche Familie sei auf ihre eigene Weise unglücklich, denn Oberwies weist ein hohes Aufkommen an unterschiedlichsten familiären Verstrickungen auf.

Da ist einmal die Eigentümerfamilie des Kieswerks, deren Machenschaften sich ans Bündner Baukartell anlehnen (wobei von dort zumindest bis jetzt kein Mord bekannt wurde) und deren zwiespältiger Erbe einst Rosas Sohn Timmy zeugte; dann der erpresserische Firmenbuchhalter, der ein tristes Dasein neben seiner ständig «Schwanensee» hörenden Mutter fristet. Bei Familie Zingg müssen Mutter (grandios: Sabine Timoteo) und Sohn mit dem Suizid des Gatten und Vaters fertigwerden, und über Rosas Familie dräut Vater Wilders Krebserkrankung.

Wer nur dienstagabends guckte, konnte möglicherweise den Überblick verlieren, wer mit wem verwandt, befreundet oder verfeindet ist und wen Leidenschaft oder Intrige verketten. Doch spätestens ab Folge vier entsteht ein Sog, dem man nur mit Bingewatching – auch «Suchtglotzen» genannt – im Internet entkommt.

Am Ende entwickelt vor allem das Geschehen um die Dorflehrerin Isabelle Grösse und Unausweichlichkeit der ganz grossen Seinsfragen: Gute Menschen handeln schuldhaft, weil ihr (hier: katholischer) Wertekanon nichts anderes zulässt.

In Oberwies kristallisiert sich quasi die Schweiz als Ganzes: Vom Kieswerk als Zentrum von Reichtum und Macht sind alle abhängig, alle wissen oder ahnen von Kungeleien und Verbrechen, alle profitieren und schweigen. Und so wirds wohl auch bleiben.

«Wilder», 4. Staffel (2022). Regie: Claudio Fäh. Idee: Béla Batthyany und Alex Szombath. Alle Folgen auf Play Suisse oder Play SRF.

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