Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Ein Nachruf

Von Noëmi LandoltMail an Autor:in

Am 25. Januar starb Noor Jahan Heidari alleine in ihrem Zimmer in Herat, Afghanistan, mit über achtzig Jahren. Zur Beerdigung waren nur Männer zugelassen, unter den Taliban sind Frauen fast gänzlich vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Selbst auf der Todesanzeige stand nicht der Name der Verstorbenen, sondern dass die «Mutter von Habibollah Heidari» gestorben sei. Dabei hatte Heidari ihren Sohn um fast drei Jahrzehnte überlebt, seit er in den neunziger Jahren von den Taliban umgebracht worden war. Sie hinterlässt eine Tochter und acht Enkel:innen in der Schweiz.

«Ich erinnere mich noch an den Duft des Brots, das meine Grossmutter im holzbefeuerten Tannur-Ofen für uns gebacken hat», erzählt Enkelin Aresu Rabbani, die vor dreizehn Jahren als Kind mit ihrer Familie in die Schweiz geflüchtet ist und ihre «Bibi» seither nicht mehr gesehen hat. «Man konnte es von weit her riechen.» Bis zuletzt hatte sich Rabbani bemüht, ihre Grossmutter in die Schweiz zu holen. Kurz nach der Machtübernahme der Taliban verfasste sie ein erstes Schreiben an Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Sie erhielt eine vorgefertigte abschlägige Antwort. Vor wenigen Wochen stellte sie ein erneutes Gesuch für ein humanitäres Visum an das Staatssekretariat für Migration (SEM) – obwohl sie von ihrer Übersetzungstätigkeit bei der Rechtsberatungsstelle Asylex wusste, dass ihr Anliegen so gut wie aussichtslos war: Seit der Rückkehr der Taliban sind beim SEM über 10 000 Voranfragen von Schweizer Afghan:innen eingegangen, die ihre Verwandten zu sich holen wollen. In der gleichen Zeit erteilte das SEM gerade einmal 37 humanitäre Visa an afghanische Staatsbürger:innen. Eine Antwort auf Rabbanis jüngstes Gesuch ist bis heute nicht eingetroffen.

Dank des Engagements von Aresu Rabbanis Mutter gab es diese Woche in Herat noch eine zweite Abdankungsfeier im Haus von Verwandten – diesmal für die Frauen.

Nachtrag zum Artikel «Wir hatten nie eine Chance» in WOZ Nr. 3/2022.

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