Die Philippinen vor den Wahlen : Politik als Familiengeschäft

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Mit Ferdinand Marcos kandidiert auf den Philippinen der Sohn des ehemaligen Diktators. Damit greift die Marcos-Dynastie wieder nach der Macht. Doch richtig weg war sie sowieso nie.

Carmencita Conde wird bei der Präsidentenwahl am 9. Mai für Ferdinand Marcos stimmen. «Darauf haben wir lange gewartet», sagt Conde, 65 Jahre alt, aus Manila. «Marcos wird für Wohnungen, Nahrung und Arbeitsplätze sorgen und so das Vermächtnis seines Vaters fortsetzen», freut sie sich.

Marcos ist der Sohn des gleichnamigen Präsidenten, der 1972 das Kriegsrecht verhängte und bis zu seinem Sturz durch einen Volksaufstand am 25. Februar 1986 diktatorisch regierte. Tausende Regimegegner:innen wurden verfolgt und verhaftet. Manche verschwanden spurlos, andere wurden nachweislich ermordet.

Doch laut aktuellen Umfragen sind sechzig Prozent der Philippin:innen der Meinung von Conde. Im Wahlkampf präsentiert sich Marcos mit Sara Duterte, Tochter des amtierenden Präsidenten Rodrigo Duterte und Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, als «UniTeam» zur Versöhnung einer zerrissenen Gesellschaft. Politik war auf den Philippinen schon immer ein Familiengeschäft. Die Verfassung verwehrt Vater Duterte eine zweite Amtszeit.

Milliarden US-Dollar gestohlen

Während das Volk darbte, lebten Marcos und seine Gattin Imelda in Saus und Braus. Sie werden bis heute beschuldigt, dem Staat bis zu zehn Milliarden US-Dollar gestohlen und für Imelda Marcos’ üppige Juwelensammlung ausgegeben sowie auf Schweizer Bankkonten gebunkert zu haben.

Der 64-jährige Marcos, der als junger Mann Teil des Regimes war, preist jedoch die Herrschaft seines verstorbenen Vaters und seiner heute 92-jährigen Mutter als «goldene Ära». Ein Wahlprogramm hat er hingegen nicht vorzuweisen, seine Gegner:innen verwundert es daher nicht, dass er sich bisher TV-Debatten verweigert hat.

Den Revisionismus hat Marcos von langer Hand organisiert. «Er hat viel Geld für den Aufbau einer Infrastruktur vor allem auf Facebook investiert und lässt über Trollfabriken Fake News verbreiten», sagt die prominente Menschen- und Frauenrechtlerin Liza Maza. Sie ist entsetzt über ihre Landsleute, die der Propaganda von Marcos verfallen. Von einem Comeback der Marcos würde die 63-Jährige allerdings nicht sprechen: «Die waren nie wirklich weg.» Nach sieben Jahren im Exil auf Hawaii kam die Familie 1991 nach dem Tod von Ferdinand Marcos zurück. Imelda Marcos war danach lange Zeit Parlamentsabgeordnete, und einige ihrer Sprösslinge und Enkel sind seit langem politisch aktiv.

Der Volksaufstand vor 36 Jahren gegen Marcos sei zudem keine wirkliche Revolution gewesen, so Maza. «US-Präsident Ronald Reagan wollte einen gewaltsamen Umsturz vermeiden, und so schlugen sich Getreue von Marcos auf die Seite des Volkes. Das war grotesk.» Alle Regierungen seit dem Ende der Diktatur hätten sich mit den mächtigen und reichen Marcos arrangiert. Das gilt vor allem für Präsident Duterte, dessen Wahlkampf 2016 massiv von Marcos finanziert gewesen sein soll. Marcos kandidierte damals für das Amt des Vizepräsidenten, verlor aber äusserst knapp gegen die linksdemokratische Sozial- und Menschenrechtspolitikerin Leni Robredo, die in diesem Jahr seine Mitbewerberin um die Präsidentschaft ist. Wie sein Vorbild Marcos regiert Duterte die Philippinen mit Gewalt: Oppositionelle, kritische Journalistinnen, Menschenrechtler und Umweltaktivist:innen werden als Opfer des «Red Tagging» – Etikettierung als Rote – verfolgt, schikaniert, verhaftet oder von anonymen Attentäter:innen ermordet.

«Der Wind weht uns ins Gesicht»

Die Opposition und die katholische Kirche warnen vor einer Fortsetzung des autokratischen Regierungsstils von Duterte und einer neuen Diktatur unter Marcos. Der Karmelitenpater Geowen A. Porcincula, Sprecher der Bewegung «Priester, Nonnen und Missionare für Leni» in Manila, findet, das «Gespenst» eines Präsidenten Marcos sei zu bedrohlich, um als Klerus neutral zu bleiben. Mit zwanzig Prozent liegt jedoch Leni Robredo bei Umfragen abgeschlagen hinter Marcos. Dieser wird unter anderem von mitgliederstarken evangelikalen Kirchen sowie dem grössten Gewerkschaftsbund unterstützt, die bei Wahlen als Block abstimmen.

Maza glaubt nicht, dass sich das Blatt noch wenden könnte. «Der Wind weht uns ins Gesicht», sagt sie, und sie sorgt sich: «Ein Präsident Marcos könnte eine Politik zur völligen Vernichtung der Opposition fahren.»

Die Marcos-Begeisterung von Carmencita Conde ist auch ihrem Sohn John Robie Delos Reyes befremdlich. Der 22-Jährige ist Anhänger von Leni Robredo. Das «UniTeam» spaltet ganze Familien.