#Digi : Gesichtserkennung

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Clearview AI bezeichnet sich selbst als «das grösste Gesichtsnetzwerk» der Welt. Die US-amerikanische Firma hat in ihrer Datenbank angeblich zehn Milliarden Gesichtsbilder gespeichert. Die Daten dazu hat sie ohne Bewilligung weltweit im Internet abgesaugt. Clearview AI bietet ihr Analysesystem vor allem Strafverfolgungsbehörden an, um Personen zu identifizieren, die mutmasslich Straftaten begangen haben.

Die Firma ist jedoch höchst umstritten. Anfang März hat etwa die italienische Datenschutzbehörde sie wegen illegaler Datenbeschaffung mit zwanzig Millionen Euro gebüsst. Nun hat Clearview AI eine Charmeoffensive gestartet: Das Unternehmen bietet der ukrainischen Regierung seine Dienste gratis an. Laut der Nachrichtenagentur Reuters soll die Software genutzt werden, «um Tote zu identifizieren, russische Agenten zu erkennen oder geflüchtete Familien wieder zusammenzuführen». Das klingt nach nützlicher Hilfe.

Anna Mätzener von Algorithm Watch CH ist allerdings skeptisch. Zusammen mit Amnesty Schweiz und der Digitalen Gesellschaft hat sie die Petition «Gesichtserkennung stoppen» lanciert (siehe WOZ Nr. 46/2021 ). Zum Engagement von Clearview AI in der Ukraine meint sie, es sei grundsätzlich verständlich, dass man in der Ausnahmesituation eines Krieges zu allen verfügbaren Mitteln greife: «Gerade wenn es um etwas so Emotionales wie die Identifizierung von Toten geht.» Clearview AI sei aber eine private Firma. Die Datenbank, die für die Software benutzt werde, basiere auch nicht auf staatlichen biometrischen Daten. Die rechtlichen Grundlagen für staatliche Datenbanken und deren Anwendungen seien klar geregelt und der Schutz der Grundrechte gewährleistet, was bei Clearview AI nicht der Fall sei.

Es existiere auch ein beachtliches Missbrauchspotenzial, warnt Mätzener: «Wenn die Technologie für Tote angewendet werden kann, so geht dies auch für lebende Personen – für Kriegsgefangene, russische Soldaten oder vermeintliche Kollaborateure.» Das berge enorme Gefahren. Habe sich diese Anwendung einmal etabliert, werde es schwierig, davon wieder wegzukommen: «Eine gebaute Autobahn bricht man auch nicht einfach wieder ab.»

gesichtserkennung-stoppen.ch : Bis Ende März 2022 werden Unterschriften gesammelt.