Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

«Chonnt guet!»

Als Tierärztin auf dem Land braucht Marie Bazant nicht nur viel Fachwissen, Geschick und Sympathie für Tiere, sondern auch ein Flair für Menschen. Die WOZ hat sie im Appenzellerland begleitet.

Von Ursula Häne (Fotos) und Adrian RiklinMail an Autor:in (Text)

Das Wetter ist schön im Appenzellerland an diesem Tag Anfang März. Als Marie Bazant nach der Mittagspause vor der Tierklinik Appenzell einbiegt, wartet in einem Anhänger schon eine erste Patientin. Die Tierärztin schiebt die Blache zur Seite, und auf dem strohbelegten Boden schaut ein Kuhkalb verängstigt ins Tageslicht. Sogleich steigt sie zu ihm, untersucht das kaum dreiwöchige Tier und redet ihm zu, während sie eine Beruhigungsspritze setzt.

Der Fall scheint klar: eine Nabelentzündung. Zwei tiermedizinische Praxisassistentinnen helfen, das Tier auf den Operationstisch in der Klinikgarage zu heben. Die eine Assistentin beginnt, den Bauch zu scheren. Eine Spritze in die Halsvene, und schon dämmert das Kälblein weg. Nun wird der Bereich des Nabels mit Seife gewaschen und mit Alkohol und Jod desinfiziert, während Bazant auf einem Nebentisch das Operationsbesteck auspackt. Zuerst schneidet sie die viel zu lange Nabelschnur weg, worauf der Nabel nochmals mit Jod betupft und das Tier mit einem Tuch bedeckt wird, aus dessen Loch der Nabel ragt. Dann schneidet sie um den Nabel, sodass der Blick auf die Innereien frei wird. Sorgfältig entfernt sie die entzündeten Stellen, die sie zuvor so gebunden hat, dass kein Eiter auslaufen kann. Schliesslich gibt die Assistentin noch Penicillin in den Bauch, bevor Bazant die Bauchdecke wieder zusammennäht.

Knapp eine Stunde später liegt das Kalb wieder im Anhänger. «Anderswo wäre es aufgrund seines Problems wohl nicht alt geworden», sagt Bazant. «Jetzt darf es eine stattliche Milchkuh werden.» Bis zu 45 Kilo wiege ein Kalb bei der Geburt – anfangs nehme es täglich etwa ein halbes Kilo zu. «Kühe werden durch die Züchtungen immer grösser. Nach zwei Jahren, wenn sie reif für eine erste Besamung sind, sind sie bis zu 500 Kilo schwer, später können sie bis zu 750 Kilo wiegen.»


Seit dreizehn Jahren praktiziert die passionierte Tierärztin in beiden Appenzell. Zuvor arbeitete sie unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Rinderklinik in München, wo sie ihre Doktorarbeit über die medikamentöse Behandlung von Schafen und Geissen schrieb. Aufgewachsen in einem Dorf im Schwarzwald, habe sie Tiere schon immer gern gehabt – als Kind vor allem Pferde und Hunde, «aber eigentlich mag ich alle gern». Dass sie im Badischen aufgewachsen ist, hört man aus ihren Erzählungen heraus, zum grossen Teil aber hat sie den hiesigen Dialekt angenommen. Sie arbeite lieber auf dem Land als in Städten, wo man etwas gar viel mit der Vermenschlichung von Haustieren konfrontiert sei.

Heute sei ein eher ruhiger Tag. «Am Vormittag hatte ich eine Kuh, die wegen Kalziummangel so geschwächt war, dass sie nicht mehr auf die Beine kam»; mehrere Tage nach dem Kalben sei das eher ungewöhnlich. «Nachher musste ich ein Kälblein mit einer Lungenentzündung behandeln und fünf weitere enthornen.» Bazant ist aber auch für Haustiere jeglicher Art zuständig. «Kürzlich hatten wir eine Python in unserer Klinik.» An diesem Vormittag wurden eine Katze mit einem Kreuzbandriss und eine Ratte wegen eines Abszesses operiert.

Nun betritt eine Frau mit einem grossen Schäferhund die Klinik. Von der Bandscheibenoperation scheint er sich gut zu erholen, leidet nun aber unter Augenproblemen: Jeden Morgen seien seine Augen völlig verklebt, sagt die Frau, ausserdem tigere er nachts desorientiert herum. Der Chefarzt verschreibt Augentropfen und ein CBD-Präparat.

Derweil das Kälblein wieder aufwacht, gibt ihm Bazant noch eine Spritze, bevor sie sich auf die Tour macht. Auf dem ersten Hof erwartet sie eine Kuh, die trotz zwei Besamungen noch immer nicht trächtig ist: «Es Blööderli», sagt Bazant. Sie agiert und kommuniziert so zupackend, dass schnell klar wird, warum sie von den Bäuer:innen so geschätzt wird. Der Umgang sei kollegial und unkompliziert, bestätigt Bazant, man kennt sich, vertraut einander und ist per Du. Das sei nicht von Anfang an so gewesen. «Als Frau und dann auch noch als Deutsche musste ich mich zuerst beweisen.»

Bei komplizierten Kalbsgeburten wie dem sogenannten Überwurf, der eigentlichen Königsdisziplin, seien einige Bauern zunächst erstaunt gewesen, als plötzlich eine Frau dastand, und hätten gefragt: «Und jetzt? Wann kommt der Chef?», erzählt Bazant. «In so einem Fall, wenn das Kalb mitsamt der Gebärmutter verdreht ist und man alles zusammen wieder zurückdrehen muss, kann das sehr kraftraubend sein.» Mit viel Technik lasse sich das aber wettmachen. Für sie sei jede Geburt immer noch etwas Besonderes und Schönes. Dazu gehört auch die enge Zusammenarbeit mit dem Landwirt, der dann quasi als Hebamme fungiere. So sei sie sehr bald als «Väch-Tokter» akzeptiert worden – und habe auch rasch ihre eigenen Vorurteile ablegen können und den kritischen Geist, die Bodenständigkeit und den Pragmatismus der Appenzeller:innen schätzen gelernt.

Inzwischen ist sie auf dem nächsten Hof angekommen. Auch hier: ein herzlicher Schwatz, bevor sich Bazant die Handschuhe überstreift. Während sie bei der rektalen Untersuchung tief in die Kuh greift, schaut sie zur Stalldecke, als würde sie den Uterus, den sie gerade abtastet, vor ihrem geistigen Auge sehen. «Chonnt guet!», ruft sie dem Landwirt zu. «In vier bis sechs Wochen sieht man, ob sie aufgenommen hat.» Zum Schluss will der junge Mann noch wissen, was er mit den zwei Ebern machen soll, deren «Eier» nicht nach draussen gekommen seien. Bazant rät zur Operation, jetzt sei es noch zeitig genug.


Ja, für sie sei dieser Beruf noch immer ein Traumjob, sagt Bazant. Kein Tag sei wie der andere, und gerade diese Unvorhersehbarkeit gefalle ihr an ihrer Arbeit. Schwergeburten jedoch scheinen heute kein Thema zu sein. Die meisten Kälber werden hier zwischen September und Dezember geboren, nachdem die Kühe den Sommer mehrheitlich auf der Alp verbrachten. «Früher hatte ich pro Tag im Schnitt eine Geburt zu begleiten.» Das sei heute anders. «Man achtet bei der Besamung mehr auf Leichtkalbigkeit. Die Kälber haben dadurch ein geringeres Geburtsgewicht und sind nicht zu gross für das Becken der Kuh, sodass es kaum tierärztliche Hilfe braucht.» Auch an diesem Nachmittag stehen mehrere Besamungen an. Auf dem Rücksitz ihres Autos thront ein grosser Kübel mit Samen von rund achtzig Zuchtstieren; dazu eine Liste mit all den Munis und ihren Qualitätsmerkmalen, aus der die Landwirt:innen auswählen können.

Inzwischen hält Bazant vor einem Hof im Ausserrhodischen. «Gut! Schöner Schleim», sagt sie, nachdem sie eine Kuh vaginal untersucht hat. Im gleichen Stall schaut sie sich eine weitere Kuh an, bei der der Verdacht auf einen «Schlegel-Tooppe», einen aufgrund einer bakteriellen Entzündung geschwollenen Fuss, besteht. Am späteren Nachmittag, nach einer letzten Besamung, fährt Bazant zurück zur Klinik, wo sie den Tag dokumentieren und Korrespondenzen erledigen wird. Auch das gehört zum täglichen Brot einer Tierärztin.

Die Fotos zu diesem Thema entstanden im Rahmen der Wanderausstellung «50/50/50». Fünfzig Fotograf:innen haben zum 50. Geburtstag des Schweizer Frauenstimmrechts je eine Frau porträtiert. Weitere Infos: www.50-50-50.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch