Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

Unterwegs mit Sitting Bull

Von Rahel Locher

In 36 Stunden von Basel über Strassburg nach Le Havre, danach 43 Tage lang per Schiff nach New York: Es ist eine abenteuerliche Reise für die achtjährige Caroline. Mit ihrer Mutter Barbara fährt sie zu deren Geliebtem Karl, der vor ihnen auswanderte. Es ist eine unbequeme Überfahrt unter beengten Verhältnissen auf dem Zwischendeck, wo alleinreisende Frauen sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. Endlich erstreckt sich vor ihnen die riesige Stadt – für Caroline ein überwältigender Anblick, unvergleichbar mit Basel, wo sie bis 1852 gelebt hat.

Der Basler Autor Thomas Brunschweiler zeichnet in seinem Buch «Die Zwischengängerin» den Lebensweg von Caroline Faesch – später Weldon – nach, eingebettet in einen sorgfältig recherchierten historischen Kontext. Die Vereinigten Staaten befinden sich mitten in der Auseinandersetzung um die Sklaverei in den Südstaaten und um den Umgang mit den Native Americans im Westen. Wenn Barbara und Karl diskutieren, saugt Caroline alles auf, sie liest viel und interessiert sich für das Leben der verschiedenen Native Americans.

Als Erwachsene setzt sie sich gegen die Enteignung des Grossen Sioux-Reservats ein, freundet sich mit Sitting Bull an, zieht mit ihrem Sohn zu ihm und wird seine Beraterin. Die Zeit bei den Sioux bildet das Herzstück des Buchs. Brunschweiler erzählt in bildhafter, zuweilen leider auch umständlicher Sprache, die den Lesefluss immer wieder stört. Damit kontrastieren Carolines knapp gefasste eigene Notizen, aus denen Brunschweiler an einigen Stellen zitiert.

Caroline schildert etwa die Umstände bei Geburten in den Reservaten: Die Frauen gebären im Stehen, ohne zu schreien, was bei Caroline Respekt und Bewunderung auslöst. Die Geschlechterverhältnisse beobachtet sie genau und vergleicht sie mit der eigenen Realität: «Die Partnerschaft und das ganze Leben ist von einer Gleichberechtigung geprägt, von der wir weissen Amerikanerinnen nur träumen können.» Die Biografie dieser weit gereisten Frau lässt die Leser:innen in die (Geschlechter-)Geschichte des 19. Jahrhunderts eintauchen.

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