Nr. 03/2010 vom 21.01.2010

Eine Schweizer Krankheit?

Interview: Stefan KellerMail an AutorIn, Foto: Ursula Häne

Leo Schelbert: «Da dachte der Einsiedler Abt: Wenn unser Kloster aufgehoben wird, dann ziehen wir doch alle in die Vereinigten Staaten!»

WOZ: Leo Schelbert, gab es auch politische Emigration aus der Schweiz?
Leo Schelbert: Ja, zum Beispiel die Appenzeller Johannes Tobler und Bartolomäus Zuberbühler. Tobler war Landeshauptmann in Ausserrhoden, Zuberbühler Pfarrer in Teufen. Um 1730 herum wurden beide aus politischen Gründen abgesetzt. Mit etwa hundert Leuten zogen sie darauf nach Süd-Carolina.

Wie ging es ihnen dort?
Tobler baute eine grosse Farm auf und besass Sklaven. Er wurde reich. Zuberbühler traf es auch recht gut. Solche Fälle von politischer Emigration aus der Schweiz sind jedoch sehr selten. Einige Auswanderer waren zwar aktive Politiker, aber erst in Amerika. Etwa der Genfer Albert Gallatin, der wohl berühmteste Schweizer in den USA.

Wer ist das?
Gallatin baute das Wirtschaftsprogramm von Präsident Thomas Jefferson auf. Er war vierzehn Jahre lang Finanzminister. Später wurde er Botschafter in Moskau und London. Ausserdem forschte er über indianische Sprachen. Ihn hatte wohl Rousseaus Idee vom Edlen Wilden zum Auswandern motiviert.

Auch die Mönche von Einsiedeln liebäugelten mit der Emigration, wieso?
Als im 19. Jahrhundert in einigen Kantonen die Klöster aufgehoben wurden, fürchtete der Abt von Einsiedeln, sein Kloster werde ebenfalls verboten. Gerade zu jener Zeit kam der General-vikar von Indiana in die Schweiz und bat um Priester. Da dachte der Abt: Wenn unser Kloster aufgehoben wird, dann ziehen wir doch alle in die Vereinigten Staaten! Er schickte zwei Leute nach Indiana, und einer kaufte 1852 ein grosses Landstück.

Für ein neues Kloster in den USA?
Ja, aber die Krise um die Schweizer Klöster war inzwischen schon vorbei, und der Abt wollte nicht mehr auswandern. Ein Einsiedler Pater, Martin Marty, gründete trotzdem eine Abtei in Indiana. Daraus sind mit der Zeit zwölf Klöster entstanden, die bis heute existieren. Marty ging später als -Missionar nach Süd-Dakota.

Wen wollte er missionieren?
Die Lakota. Er verkehrte oft mit Häuptling Sitting Bull – oder Tatanka Iyotanka, wie dieser eigentlich hiess. Marty war stark involviert in die politische und rassische Überwältigung der Lakota.

Ein übler Bursche?
Einerseits trat er für die Vernichtung der religiösen und wirtschaftlichen Welt des indianischen Volkes ein. Andererseits versuchte er, einige Missbräuche zu dämpfen. Sitting Bull hat ihn gar nicht geschätzt. Er wusste ja – also, es stellte sich die Frage: Hat man lieber den Wolf oder den Fuchs? Der Wolf frisst einen sofort auf, und der Fuchs macht es ein bisschen eleganter. So sehe ich es jedenfalls.

Gibt es auch bekannte Frauen, die auswanderten?
Kürzlich ist das Buch «Westwärts» von Susann Bosshard-Kälin erschienen mit Porträts von Schweizer Auswanderinnen. Fünfzehn Texte beschreiben Frauen, die heute noch leben, dazu kommen vier historische Porträts, die ich geschrieben habe. Aber diese -Frauen waren natürlich nicht prominent. Wir leben in einer Männerwelt, bis in die neueste Zeit.

Beschreiben Frauen das Auswandern anders als Männer?
Eigentlich nicht. Etwas vereinfacht kann man drei Typen unterscheiden: Jene, die das Zielland schrecklich finden und zurückgehen möchten. Jene, die viel Schweizerisches behalten, aber auch viel Amerikanisches annehmen. Und dann jene, die ganz und gar Amerikanerinnen oder Amerikaner werden. Diese Typen gibt es bei Frauen genauso wie bei Männern. Ich habe zum Beispiel über Louise Guillermin-Dupertuis geschrieben. Sie reist 1889 mit Mann und neun Kindern aus der Westschweiz nach Kansas und endet im Staat Washington am Pazifik. -Louise Guillermin hinterliess etwa hundert Briefe. Sie war das, was man  – leider oft abschätzig – als Heimwehschweizerin bezeichnet.

Heimweh, «la maladie suisse», wie es früher hiess?
Ja! Bereits in Zedlers «Universal--Lexicon» von 1734 steht, dass vor allem Schweizer von dieser Krankheit be-troffen seien.

Können Sie das bestätigen?
Da gibt es einen Schweizer Priester, der jung in Kalifornien starb. Im Todesbericht steht, er sei an Heimweh gestorben. Ganz sicher passiert das auch Leuten aus anderen Ländern, dass sie sich nicht wohlfühlen und dann die alte Heimat idealisieren. Aber wer die Schweizer Kleinräumigkeit schätzt, wie ich, der kann sich in Amerika wahnsinnig verloren vorkommen.

Hatten Sie selber Heimweh?
Nein, das nicht. Ich bin kein Heimwehtyp. Ich bin bereits als Kind von zu Hause weg und in eine ganz andere Sprachregion und Umwelt versetzt worden. Nein, ich adaptiere mich ... so halb und halb.

Leo Schelbert, geboren 1929 im Sankt-Gallischen, ist seit fünfzig Jahren Migrationsforscher in den USA. Das Buch «Westwärts» von Susann Bosshard-Kälin erschien 2009 im efef-Verlag in Bern.

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