Nr. 14/2022 vom 07.04.2022

Denken im Kreislauf – für die Zukunft

Die drastisch steigenden Rohstoffpreise spürt zuallererst die Landwirtschaft – doch wer nicht erst seit gestern versucht, von den Weltmärkten loszukommen, ist im Vorteil. Unterwegs auf dem biodynamischen Hof Schüpfenried und im Kühlraum einer Gemüsegrossproduktion.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Dieser Landwirtschaftsbetrieb hat mit einem Bauernhof wenig zu tun. Deshalb fällt die Beerstecher AG in der asphaltierten Umgebung nicht auf: Die Zentrale mit Lkw-Laderampen, Kühllager und einigen Gewächshäusern steht in Dübendorf, im Schattenwurf des höchsten Wohnhochhauses der Schweiz. Thomas Beerstecher, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt, sieht sich denn auch nicht als Landwirt. «Die meisten ‹Gemüsler› sind heutzutage Unternehmer, keine klassischen Bauern», sagt er. Viele Gemüseproduzent:innen würden oft mit hohem Puls arbeiten, denn die Preise von Gurken oder Blumenkohl ändern sich – anders als etwa bei Getreide – sehr schnell. «Es ist manchmal ein wenig wie an der Börse.» Hundert Hektaren Acker und fünf Hektaren Gewächshäuser umfasst die Beerstecher AG – ein riesiger Betrieb. Dementsprechende Mengen werden produziert. «An einem Spitzentag im Sommer lassen wir fünfzig Tonnen Gemüse raus», sagt der Chef von 175 Mitarbeiter:innen.

Während der Pandemie kauften die Menschen in der Schweiz mehr Gemüse. Die höhere Nachfrage verschaffte der Landwirtschaft, also auch Beerstecher, gute Preise. Doch auch die Rohstoffpreise sind bereits im Zuge der Pandemie gestiegen. Beispielsweise seien die Plastikverpackungen, in denen die Beerstecher AG ihre Waren ausliefert, mindestens ein Fünftel teurer als im Vorjahr. Die Folien, in denen Salate verpackt werden, kosten gar das Doppelte. Grund dafür ist, dass die globalisierte Wirtschaft unter den unsicheren Lieferketten und dem international sehr unterschiedlichen Umgang mit der Pandemie ächzt. Das Chartern eines Schiffscontainers ist momentan mehr als anderthalb Mal so teuer wie letzten Frühling.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine hat sich die Rohstoffkrise weiter verschärft. Die Preise für Öl, Gas, Dünger und Tierfutter steigen ungebremst. Längst geht es nicht mehr nur um Preisspiele und Spekulationen, sondern um reale Knappheit und die Versorgung: Das Uno-Welternährungsprogramm warnt vor einer weltweiten Hungerkrise. Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze ruft dazu auf, weniger Fleisch zu konsumieren.

Wärme für die Gurken

In Beerstechers Gewächshäusern riecht es angenehm nach Natur. Die Ordnung ist makellos, die Radieschen wachsen in Reih und Glied. Vor den Radieschen gedieh dort Nüsslisalat. «Der Nüsslisalat ist ein wenig unser Markenzeichen», erzählt Beerstecher. Dem schade es auch nicht, wenn er wochenlang gefroren sei. Die Radieschen, die er nach dem tiefsten Winter pflanzen lässt, brauchen Temperaturen von mindestens fünf Grad. Anfang April dreht Beerstecher dann die Heizung richtig auf: Auf die Radieschen folgen Gurken, die Wärme brauchen. Bei der Beerstecher AG reichert man die Erde mit Kokosfasern und Kompost an. «Aber ohne Dünger geht es nicht. Und Gülle können Sie da nicht draufleeren.» Tierische Dünger, also Gülle und Mist, schüfen ein Hygieneproblem und machten zudem den Boden nass. «Dann müssen Sie warten, bis er trocken ist.» Ohne synthetischen Dünger könne er also nicht produzieren.

Der Kühlraum des Gemüseunternehmens ist riesig. In der Halle daneben glänzen die Verpackungsmaschinen aus Chromstahl. Beerstecher ist von Plastikverpackungen überzeugt. Seit er eine Maschine einsetzt, um Broccoli in Folie zu hüllen, würden aus dem Gemüseregal der Kunden bloss noch etwa vier statt früher dreissig bis vierzig Prozent seines Broccolis weggeworfen. Die Kunden der Beerstecher AG, das sind die grossen Detailhändler Migros und Coop. Im Gespräch mit der WOZ vermeidet der Gemüseproduzent die Namen. Doch hier und da auf dem Gelände ist ein Logo zu sehen, etwa auf den gestapelten Plastikschachteln der «Fine Food Red Desire Tomatoes». Trotz Coop-Logo müssen aber die Gemüseproduzent:innen und nicht die Grossverteiler die nun teureren Preise der Verpackungen berappen.

Am steilsten steigen momentan die Preise für Phosphor- und Stickstoffdünger. Letzterer wird mithilfe von – meist russischem – Erdgas hergestellt. Für Dünger zahlt Beerstecher drei- bis viermal so viel wie im Vorjahr. Doch noch stärker falle das Heizen ins Gewicht. Etwa fünfzehn Prozent der Produktionskosten einer Gewächshaustomate entfielen bisher auf die Heizung. Der Anteil könnte dieses Jahr das Doppelte betragen. Die Beerstecher AG rechnet mit um etwa 100 000 Franken höheren Ausgaben für Öl und Gas. Noch viel höher wären die Mehrkosten, wenn das grösste Beerstecher-Gewächshaus nicht mit der Abwärme einer Kehrichtverbrennungsanlage beheizt würde.

«Wir müssen schauen, wie wir davonkommen», sagt der Gemüseunternehmer über seine Branche. Beerstecher kennt Gemüsebetriebe, die eine zusätzliche Million Franken fürs Heizen einkalkulierten. «Bleibt der Betrieb auf diesen Kosten sitzen, gibt es ihn Ende Jahr nicht mehr.» Es sei also klar, dass die Gemüsepreise steigen müssten. Und mehr berappen müssten, so Beerstecher, «so leid es mir tut», die Konsument:innen. Das Essen soll also wieder mehr kosten – nachdem der Anteil, den Haushalte in der Schweiz für Nahrungsmittel ausgeben, jahrzehntelang gesunken ist. Die jetzige Situation werde nicht ewig anhalten, glaubt Beerstecher. Vielleicht rufe sie der Schweizer Bevölkerung wieder in Erinnerung, wie wichtig die einheimische Landwirtschaft in einer Krisensituation sei.

Auch konventionelle lokale Produktion ist nachhaltiger und sozial vertretbarer als Tomaten aus Spanien. Die Beerstecher AG befolgt eine gewisse Fruchtfolge. Das grösste Gewächshaus ist nicht nur mit Fernwärme beheizt, sondern auch pestizidfrei: Schlupfwespen stoppen die Ausbreitung von Blattläusen. Trotzdem steht das Unternehmen für eine Landwirtschaft, die alle Produkte jederzeit in jeder nachgefragten Menge verfügbar machen will. Tomaten würden im Gewächshaus auch ohne synthetischen Dünger und ohne Heizung wachsen – allerdings nicht in derselben Zahl, und die Erntezeit wäre viel kürzer.

Woher kommt das Futter?

Gemäss der Landwirtschaftsgenossenschaft Fenaco, zu der die Landi gehört, wird in der Schweizer Landwirtschaft zu 75 Prozent natürlich gedüngt. Gülle und Mist gebe es genug – dieser sogenannte Hofdünger sei «aber teilweise falsch verteilt». Das wolle man mit einem laufenden Projekt ändern. Weiter teste eine Sparte der Fenaco mit «Partnern aus der Industrie» die Gewinnung der Düngergrundlage Phosphor aus Abwasser und Tiermehl.

Betriebe mit Tierhaltung spüren bereits den bevorstehenden Ausfall der ukrainischen Soja- und Rapsernte. Roman Heidelberger, der im Zürcher Unterland Ackerbau betreibt und Rinder hält, sagt gegenüber der WOZ, dass bei ihm – neben dem Dünger – vor allem die steigenden Tierfutterpreise ins Gewicht fallen. In sein Mischfutter kommt aber auch Gerste, die er selbst anbaut. Er könnte den Anteil erhöhen – das lohnte sich aber bisher nicht. Heidelberger sagt: «Wir Bauern müssen rechnen. Wenn es für uns im Verhältnis günstiger wird, mehr eigenes Futter zu produzieren, werden wir es tun.» Wenn nun also die Importpreise steigen, könnte das der Beginn eines Umdenkens hin zu lokaler Produktion sein. Bei den Konsument:innen, den Detailhändlern – «aber auch bei uns Bauern», sagt Heidelberger.

Die Rohstoffkrise trifft konventionelle Betriebe wie jenen von Heidelberger härter als solche, die nach Biorichtlinien wirtschaften. Momentan dränge sich allen nachhaltig produzierenden Bauern eine grundsätzliche Frage auf, sagt David Herrmann vom Verband Bio Suisse: «Was würde es bedeuten, auf ein System zu setzen, das resilienter ist gegenüber internationalen Märkten, die verrücktspielen?» Auch in der Schweiz werden gegenwärtig 43 Prozent der Kulturfläche für Futtermittel aufgewendet – statt diesen Anteil zu erhöhen, könne man durchaus auch den Konsum infrage stellen. Bereits vor fünf Jahren zeigte eine Studie unter Beteiligung des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) und der ETH Zürich, dass ökologische Landwirtschaft die Weltbevölkerung ernähren könnte, sofern der Fleischkonsum und die Lebensmittelverschwendung sänken.

Herrmann sagt: «Es gilt eigentlich: Esst seltener Poulet- und Schweinefleisch! Wenn ihr Fleisch esst: Esst häufiger Biofleisch von Kühen oder Schafen.» Direkt betroffen von der gegenwärtigen Rohstoffkrise sind laut Herrmann viele Biobetriebe. «Aber nur wenige stark.» In der Schweine- und Geflügelhaltung mit Knospe-Label kommt zwar Sojafutter zum Einsatz, das bis vor kurzem mehrheitlich aus der Ukraine stammte. Doch bei den diversifizierten Biobetrieben fallen die steigenden Importpreise kaum ins Gewicht. Und Wiederkäuern in Biohaltung darf seit Jahresbeginn nur noch Nahrung aus der Schweiz verfüttert werden. Die Konsument:innen in der Schweiz gaben 2020 durchschnittlich 445 Franken für Produkte mit Biolabel aus. Ein Marktanteil von elf Prozent. Der Anteil steigt stetig – aber langsam.

Düngen mit Hühnermist

«Mein Traum vom Bioland Schweiz kommt», sagt der «Sahli Fritz». Es brauche Zeit. «Aber mit dem Älterwerden lerne ich, Geduld zu haben und den anderen Zeit zu lassen.» Seit 23 Jahren führt Sahli den Demeter-Hof Schüpfenried. Schon vor zwanzig Jahren sagte er gegenüber einer Lokalzeitung, dass er Rudolf Steiner nicht als Heiligen verehre, nur weil er nach biodynamischen Richtlinien Landwirtschaft betreibe. Der WOZ erklärt er heute den Hauptunterschied zwischen biodynamischer und biologischer Landwirtschaft so, dass im Biodynamischen auch das Soziale mitgedacht werde.

Der Hof Schüpfenried wenige Kilometer nordwestlich von Bern ist ein mit Schafwolle isolierter Holzneubau. Die verstreuten Nachbarhäuser in der grünen Landschaft entsprechen eher dem Klischeebild des Berner Bauernhofs – aber da wird meist nur noch gewohnt. Die «Schüpfenried» gehört hier zu den letzten Höfen und versorgt auch die Umgebung. Die Fotovoltaikanlagen auf jeder freien Fläche produzieren Strom für hundert Haushalte.

Alle sprechen derzeit über Kreislauflandwirtschaft, Fritz Sahli scheint sie zu leben. «Der Wiederkäuer ist mehr als Fleisch», sagt er. «Er ist das Herz der Landwirtschaft. Er verschafft mir den wertvollen Dünger.» Sahlis Stickstoff ist der Kuhmist, sein Phosphor stammt von den Hühnern, und mit gutem Kompost könne man jedes Gemüse düngen. In der Fruchtfolge sät Sahli aber auch Wiesen aus Gräsern und Klee – damit sich der Boden erholen kann.

Sahli betont aber, dass er noch keine Alternative für importierte Soja- und Rapskuchen – die Eiweissbestandteile im Hühnerfutter – hat. Zusammen mit Wissenschaftler:innen ist er momentan an der Züchtung eines «Zweinutzungshuhns», das auf weniger Proteine angewiesen ist. Bei Zweinutzungsrassen werden die weiblichen Küken zu Legehennen, die männlichen setzen Fleisch an und werden Masttiere. Die Hähne anderer Rassen werden meist schon als Küken getötet.

Mit dem Elektrolieferwagen fährt Sahli zum Hühnerstall draussen auf dem Feld. Der Stall ist mobil. Alle paar Monate zieht er ihn mit dem Traktor weiter. «Das Hühnerhaus bewegt sich mit der Fruchtfolge. Der Boden wird dabei ständig nachhaltig gedüngt», erklärt er. Im Stall ist alles automatisiert, die Hühner überwacht er per Video.

Einiges auf diesem biodynamischen Betrieb mutet futuristisch an. Doch es geht Sahli «um einen Spagat zwischen dem Technischen und dem Menschlichen». Zur «Schüpfenried» gehören sowohl ein integratives Förderprogramm für Menschen mit Lernschwierigkeiten als auch ein Hofcafé und eine Sauna für Ausflügler:innen. Es seien «viele kleine Projekte, die zusammenspielen». Sahli hofft, dass die «Schüpfenried» – nur eine Postautofahrt vom Bahnhof Bern entfernt – einen Beitrag leiste, «Stadt und Land gesellschaftlich zu verbinden». Er findet, ein Bauernhof müsse ein Zukunftsmodell für unsere Gesellschaft sein: mit kleinen kommunitaristischen Strukturen, aufs Langfristige ausgerichtet.

Ein Kleinbetrieb in Gross

Mit sechzig Hektaren Fläche gehört der Hof Schüpfenried in der Schweiz zu den grossen Betrieben. Hühner und Kartoffeln, Schweine und Kürbisse, Kühe und Mais – damit die Kreisläufe funktionieren, braucht es Vielfalt. «Wie auf einem Kleinbetrieb», sagt Sahli. Sein Modell, ist er überzeugt, würde in der Schweiz «tausendfach funktionieren». Aber dazu brauche es Landwirt:innen mit innerer Überzeugung.

Als er das sagt, winkt er aus dem E-Lieferwagen gerade einem entgegenkommenden Traktor zu. Der Bauer am Steuer grüsst zurück. Das sei ein Konventioneller, der manchmal Gülle für den Hof Schüpfenried ausfahre. «Da findet Austausch statt.» Fritz Sahli ist nicht in einer geschlossenen Ökobubble. «Ich spüre es bei vielen Landwirten: Das Umdenken zum Langfristigen ist im Gang.» Es brauche einfach Zeit.

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