Nr. 17/2022 vom 28.04.2022

Die Suche nach dem grössten Trottel

Optimist:innen sehen in ihnen eine neue demokratische Wertschöpfungskette für darbende Künstler:innen. Im Moment spricht aber alles dafür, dass die NFTs eine fatale Fehlkonstruktion sind, die nicht funktionieren kann.

Von Marko Kovic

Damien Hirsts Werk «The Currency» umfasst 10 000 Bilder. Wer ein NFT für eines dieser gepunkteten Unikate kauft, kann es gegen das Original eintauschen – wohl die bessere Idee, als auf den Wert des NFT zu setzen. Foto: Mundissima, Alamy, © 2022 ProLitteris, Zurich

Im März wurde das beliebte Onlinegame «Axie Infinity», bei dem über zehn Millionen Spieler:innen putzige Kreaturen züchten und sie anderen Spieler:innen verkaufen, spektakulär gehackt: Die unbekannten Täter:innen konnten über 600 Millionen US-Dollar erbeuten.

Für Schlagzeilen sorgte der Diebstahl aber nicht nur wegen der hohen Beute. «Axie Infinity» ist ein Aushängeschild der schönen neuen Kryptowelt: Die Kreaturen, die Spieler:innen züchten, sind sogenannte NFTs, «Non-Fungible Tokens», abgelegt auf einer Blockchaindatenbank, für die mit Kryptowährungen bezahlt wird.

Eine schöne Idee

NFTs sind einmalige, nicht austauschbare Dateneinheiten. Sie wurden 2014 erfunden, um Künstler:innen zu helfen, mit ihrer digitalen Arbeit ein Einkommen zu finden. Wenn zum Beispiel eine Fotografin ein digitales Foto veröffentlicht, kann dieses unendlich oft kopiert und geteilt werden; klagt sie ihre Urheberinnenrechte nicht aktiv ein, hat die Fotografin das Nachsehen. Erstellt sie aber ein NFT ihres Fotos, hat sie etwas Einmaliges und Nichtkopierbares erschaffen: eine digitale Urkunde, die den Besitz des Fotos dokumentiert. Das Versprechen: Das Foto kann immer noch unendlich oft kopiert werden, aber das NFT des Fotos kann nur eine Person kaufen und besitzen.

Blockchain, Kryptowährungen, NFTs: Das sind die zentralen Ingredienzien der «Web3»-Vision. Web3 soll gemäss dessen Verfechter:innen die nächste Generation des Internets werden, bei der Dezentralisierung, Datenschutz und digitale Eigentumsrechte im Vordergrund stehen. Weg von zentralisierten Daten- und Überwachungsoligopolen wie Facebook oder Google, weg von kommerziellen Banken oder auch staatlichen Institutionen und hin zu einer digitalen Spielwiese, auf der wir uns alle auf Augenhöhe begegnen und unsere digitale Freiheit leben. So weit die schöne Idee.

Die Blockchaintechnologie, eine dezentrale und für alle einsehbare Datenbank, und Kryptowährungen wie der Bitcoin oder Ether als Anwendungsbeispiele für diese Technologie fristeten die letzten rund zehn Jahre eher ein Nischendasein. Die spektakulären Kursschwankungen des Bitcoins waren zwar immer wieder Gegenstand medialer Berichterstattung, aber die Blockchainwelt war primär eine Subkultur von Techinsiderinnen und eingefleischten «Krypto-Bros». Mit dem Hype um NFTs hat sich das schlagartig geändert.

Digitale Gucci-Turnschuhe

Der grosse Hype um NFTs ist 2021 ausgebrochen, als Mike Winkelmann, bekannt unter seinem Künstlernamen Beeple, das NFT einer digitalen Collage für über 69 Millionen Dollar verkaufen konnte. Seither sind diverse Plattformen für den Kauf und Verkauf von NFTs entstanden, und unzählige Einzelpersonen und Unternehmen kaufen und bieten NFTs feil. Egal ob fast identische Sammelkarten gelangweilter Affen, digitale Gucci-Turnschuhe oder Kritzeleien eines Motivationsredners, der Millionär wurde, indem er anderen erklärt, wie sie Millionär:innen werden: Alle wollen ein Stück vom NFT-Kuchen ergattern. Gemäss Schätzungen soll der globale NFT-Markt im Jahr 2021 die Marke von vierzig Milliarden Dollar überschritten haben.

In diesem rasant wachsenden NFT-Ökosystem ist der «Axie Infinity»-Hack nur die Spitze der kriminellen Machenschaften. Von «Rug Pulls», bei denen sich anonyme Anbieter von NFTs mit dem Geld der Käufer:innen auf und davon machen, bis hin zu «Airdrop»-Betrug, bei dem vermeintliche Gratis-NFTs verteilt werden, mit denen Hacker die Kontrolle über digitale Portemonnaies erlangen: So vielfältig die zahllosen NFTs, die tagein, tagaus hergestellt werden, so kreativ sind auch die NFT-Betrugsmaschen.

In der Anfangsphase eines weitgehend unregulierten digitalen Goldrauschs sind Lug und Trug vielleicht unvermeidbar. NFT-Optimist:innen sind denn auch überzeugt, dass sich die Wogen bald glätten werden. Sobald im NFT-Markt Ruhe einkehrt, so die Hoffnung, wird das, was NFTs in der Theorie leisten könnten – eine dezentrale Wertschöpfungskette, die uns als Individuen ökonomisch befreit und ermächtigt –, langsam Realität. Doch die Sache hat einen grossen Haken: Sogar wenn NFTs funktionieren, wie sie sollen, bleiben sie eine technische und vor allem philosophische Fehlkonstruktion.

Bereits die technische Grundlage von NFTs ist alles andere als zukunftsweisend. Transaktionen auf Blockchaindatenbanken sind langsam und teuer – je mehr Daten gespeichert werden, desto aufwendiger die Abwicklung. Das ist der Grund, warum viele NFTs die digitalen Werke, auf die sie sich beziehen, gar nicht direkt enthalten, sondern nur über einen Link auf sie verweisen. Das führt zum «Broken Link»-Problem: NFTs mögen relativ beständige Einträge in Blockchaindatenbanken sein, aber das, worauf sie verweisen, liegt auf irgendwelchen Websites, die schon morgen verschwinden können.

Und auch dann, wenn die Technik mitspielt, halten NFTs ganz fundamental nicht, was sie versprechen. Was in einem NFT steht, ist nämlich komplett und kategorisch unverbindlich – ein NFT ist in keiner Weise eine Besitzurkunde. Ich kann beispielsweise ein NFT erstellen, in dem steht, ich sei Besitzer von Beeples Collage, die er für 69 Millionen Dollar verkauft hat. Doch macht mich das natürlich nicht zum Besitzer des digitalen Gemäldes – genauso wenig, wie der Käufer von Beeples «offiziellem» NFT dessen Besitzer ist. Dieses Problem ist unlösbar, weil es tief in der Logik von NFTs verwurzelt ist. Es ist genau die dezentrale Natur von NFTs, also der Umstand, dass es keine gemeinhin akzeptierten Instanzen gibt, die Besitzansprüche dokumentieren und durchsetzen, die dazu führt, dass NFTs bedeutungslose Pseudourkunden sind: Jedes NFT ist gleichermassen unverbindlich.

Das fast perfekte Verbrechen

Die dezentrale Natur von NFTs verursacht ein zweites unlösbares Problem: Es gibt keinerlei Schutz bei Betrug und Missbrauch. Wenn jemand in meine Wohnung einbricht und ein Gemälde stiehlt, gibt es gesetzlich geregelte Möglichkeiten, den Schaden einzugrenzen: Ich kann mich an die Polizei wenden, vielleicht habe ich für das Gemälde zuvor eine Versicherung abgeschlossen. In der NFT-Welt existieren solche Mechanismen nicht. Bei Betrug oder bei technischen Problemen – NFTs sind Computercode, und Computercode ist fehleranfällig – gibt es keine Supporthotline und keine Korrekturmöglichkeiten. Ist der Schaden einmal angerichtet, bleibt er für immer: Die Blockchain ist eine digitale Einbahnstrasse. Das ist der grosse Fehlanreiz, der zu viel Kriminalität im NFT-System führt: Wer es schafft, sich mit List, Betrug und digitalen Angriffen zu bereichern, kommt so gut wie sicher ungeschoren davon. Perfekte Verbrechen gibt es wohl keine, aber NFT-Maschen kommen nahe dran.

NFTs sind also nicht, was sie vorgeben zu sein. Und doch fliessen Milliarden in den NFT-Markt. Sind NFTs am Ende trotz aller Probleme wenigstens ein Silberstreifen am digitalen Horizont, der darbenden Künstler:innen eine neue und nachhaltige Einkommensquelle eröffnet?

Nein. Anil Dash, einer der Miterfinder von NFTs, beklagt, dass NFTs nicht zu ökonomischer Demokratisierung und Gleichstellung geführt hätten, sondern im Gegenteil in eine weitere Spekulationsblase für Privilegierte gemündet seien. Der einzige Grund, warum Individuen und professionelle Investor:innen Unmengen von Geld für bedeutungslose NFTs ausgeben, ist die Wette innerhalb der NFT-Blase, dass es in Zukunft Menschen geben wird, die bereit sind, noch mehr Geld für die NFTs auszugeben. NFTs sind damit ein Bilderbuchbeispiel für die ökonomische «Greater Fool»-Theorie: NFTs sind als Investitionsobjekt zwar komplett überbewertet und haben keinerlei Nutzen – aber in Zukunft wird sich, so die Hoffnung, schon ein grösserer Trottel finden, der einem die NFTs für noch mehr Geld abkaufen wird.

Die Blase wächst und wächst

NFTs funktionieren nicht nur nicht. Sie bewirken das Gegenteil dessen, was sie versprechen. NFTs haben keine Ära der dezentralen Demokratisierung und ökonomischen Gleichstellung herbeigeführt, sondern bloss ein neues Kapitel in der Geschichte des Finanzkapitalismus eröffnet. Immer mehr Geld wird in NFTs gepumpt, aber diese Investitionen bewirken in der realen Welt nichts – es werden keine Fabriken, keine Autos, keine Häuser gebaut. NFTs sind ein digitales Nichts, das zu einer Investitionsblase mutiert ist. Unter dem Strich ist der Nutzen von NFTs sogar negativ. Um die ganzen Blockchaindatenbanken am Laufen zu halten, sind nämlich Unmengen an Energie nötig. NFTs sind zwar nur digitale heisse Luft, aber um diese heisse Luft zu erzeugen, arbeiten viele stromhungrige Computer rund um die Uhr.

Der Traum eines besseren NFT-basierten Internets und einer dank NFTs gleicheren, ökonomisch inklusiveren Gesellschaft hat mit der Realität von NFTs wenig gemein. Und doch hält das NFT-Fieber ungebrochen an. Die Blase wächst und wächst, und solange immer neues Geld reinkommt, bleibt die Illusion, dass er sich immer wird finden lassen, der noch grössere Trottel, der mich reich macht.

Und was ist mit dem Onlinegame «Axie Infinity» geschehen? Wenige Tage nach dem Hack haben Investoren 150 Millionen Dollar in die Techfirma Sky Mavis, die Herstellerin des Spiels, gesteckt. Sinngemäss für das ganze NFT-Ökosystem und in der Logik frei nach dem sogenannten Ponzi-Schema: Solange weiter Geld reinfliesst, bleibt die kollektive Illusion am Leben.

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