Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

«Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht technisch lösen»

Der grosse Blockchain-Hype ist vorbei. Trotzdem ist die Technologie nicht in der Versenkung verschwunden. Techphilosophin Jaya Klara Brekke über Machtdynamiken, Missverständnisse und uneingelöste Versprechen.

von Florian Wüstholz (Interview und Foto)

«Es gibt viele Gründe, von der Blockchain enttäuscht zu sein. So liess sich weder das Vertrauensproblem noch das Problem der Privatsphäre lösen»: Jaya Klara Brekke.

WOZ: Frau Brekke, vor etwas mehr als zwei Jahren stieg der Kurs des Bitcoin innert kürzester Zeit auf über 20 000 US-Dollar. Was war da los?
Jaya Klara Brekke: Die Zeit rund um die Preisexplosion beim Bitcoin und anderen Kryptowährungen war vor allem ein gigantisches Fundraising für die Industrie. Auf einmal wurde in viele Blockchain-Projekte sehr viel Geld gepumpt. Das war natürlich auch ein gutes Umfeld für Scams und überhöhte Erwartungen. Dadurch kam eine riesige Menge an Geld in Umlauf. Aber diese Zeiten sind definitiv vorbei.

Inwiefern?
Seit die Blase geplatzt ist, müssen aktuelle Blockchain-Projekte unabhängiger vom Hype und von blosser Spekulation ihren Nutzen unter Beweis stellen. Dafür stehen jetzt auch etwas mehr institutionelle und öffentliche Mittel zur Verfügung. Den meisten ist auch bewusst, dass jetzt echte Arbeit getan werden muss, um die Versprechen einzulösen.

Die Blockchain ist sehr symbolisch. Sie wird von den Geschichten geprägt, die wir uns darüber erzählen. Sie löst Hoffnungen und Ängste aus. Ganz ähnlich wie bei künstlicher Intelligenz. Manche dieser Geschichten entwickeln ein Eigenleben, das sich irgendwann von den tatsächlichen materiellen Effekten der Technologie entkoppelt.

Welche Geschichten erzählte man sich über die Blockchain?
Zum Beispiel, dass sich der Bitcoin als neue Währung durchsetzt und die Nationalbanken abschafft. Doch dafür ist die Kryptowährung viel zu volatil. Sie gleicht mehr einem Casinospiel. Auf der anderen Seite wurde das Versprechen der Demokratisierung von Macht und Kontrolle nicht eingelöst. Der Grund dafür ist, dass die Dezentralisierung bloss auf einer sehr technischen Ebene stattfindet, wenn es zum Beispiel um die Verarbeitung von Daten geht.

Dezentralisierung ist also nicht gleichbedeutend mit Demokratisierung.
Genau. Der Begriff der Dezentralisierung wird missverstanden. Auch innerhalb der Hackerszene wird bei vielen gesellschaftlichen Fragen oft Dezentralisierung als Standardantwort gebracht. Das liegt vor allem daran, dass man sich ansonsten hinsichtlich politischer und sozialer Theorien völlig uneinig ist. In der technischen Welt hat Dezentralisierung eine sehr spezifische Bedeutung. Es geht um Informationssicherheit, Schutz vor Datenmanipulation und Systemarchitektur. Aber wenn Menschen Dezentralisierung sagen, bringen sie oft andere Konzepte mit ins Spiel: Demokratisierung, Verteilung von Macht oder gerechtere Entscheidungsstrukturen. Dabei sind das alles hochkomplexe Dinge, die mit der technischen Ebene nur bedingt zusammenhängen.

Das liess sich auch bei Libra, der Kryptowährung von Facebook, beobachten.
Die Libra ist ein gutes Beispiel für ein Projekt, bei dem zwar auf ein technisch dezentralisiertes Protokoll gesetzt wird, die Kontrolle jedoch nach wie vor bei sehr wenigen Entscheidungsträgern liegt. Hier lässt sich konkret beobachten, wie sich die Illusion der Blockchain als eine demokratiefördernde Technologie in Luft auflöst. Anfangs dachten viele noch, dass die Technologie stark genug sein würde, um Machtstrukturen von innen heraus sprengen zu können. Doch man kann Facebook durch die Blockchain nicht verändern. Das würde höchstens geschehen, wenn Facebook eine wirklich offene Kryptowährung lancieren würde. Aber das würde der Konzern nie machen, weil er die Kontrolle nicht abgeben will.

Hat die Blockchain also gar keinen wirklichen Einfluss?
Das würde ich so nicht sagen. Die Technologie übte viel Druck auf die Kontrolle von Daten- und Finanzbewegungen aus. So mussten sich Banken und Zentralbanken öffnen und beginnen, mit eigenen digitalen Währungen zu experimentieren. All das hat grosse Veränderungen im Bereich von Geld und Zahlungssystemen in Gang gesetzt. Auch wenn es sich nicht als Ideallösung herausstellte, wurden viele der richtigen Fragen aufgeworfen.

Welche denn?
Wer kontrolliert Netzwerke oder wer verwaltet Systeme und Daten? Diese Frage tangiert zentrale Bereiche der heutigen Wirtschaft und entscheidet, wer über die Entwicklung zukünftiger Informationssysteme entscheiden kann. Die Technologie hat verschiedene Industrien bereits stark beeinflusst. Aus diesen Gründen bin ich nach wie vor enthusiastisch.

In Ihrer Forschung nehmen Sie eine dezidiert soziopolitische Perspektive auf Technologien wie die Blockchain ein. Warum?
Erst einmal ist es ganz allgemein eine Illusion, dass sich politische und gesellschaftliche Probleme mit rein technischen Anwendungen lösen lassen. Bei der Blockchain ist man diesem Mythos leider stark verfallen, denn das zentrale Versprechen war einfach und verlockend. Man wollte drei soziale Probleme – Machtverteilung, Einfluss durch die Politik und die Finanzwirtschaft – in ein technisches Problem verwandeln. Eine Lösung dieses Problems würde dann mit einem Schlag all die anderen komplexen Probleme in Luft auflösen. Das hat natürlich nicht geklappt.

Hat das zu einem Perspektivenwechsel geführt?
Nein, die Blockchain ist politisch immer noch sehr stark unteranalysiert. Das hat vor allem mit dem Fokus auf Dezentralisierung zu tun. Dieser verstellt uns den Blick auf andere Analysen und Debatten. Statt zu fragen, wie sich Macht gerechter verteilen lässt, wollen jetzt alle eine Bank oder ein Energieunternehmen sein. Aber es ist eine faule Ausrede, wenn man so tut, als reichte der Verweis auf Dezentralisierung, um echte Probleme zu lösen.

Das sieht man auch in der Privatwirtschaft.
Ja, überall soll es nun eine Blockchain richten. Dabei wissen viele gar nicht, warum Dezentralisierung für ein bestimmtes Projekt relevant sein sollte. Sie meinen, die Blockchain sei eine Möglichkeit, gewisse Verarbeitungsprozesse zu automatisieren. Das mag stimmen, aber es ist dafür oftmals auch eine unglaublich ineffiziente Methode.

Der Hype um die Blockchain ist sowohl im Finanzsektor als auch in den Medien abgeflacht. Was ist davon übrig geblieben?
Es gibt viele Gründe, enttäuscht zu sein. So liess sich weder das Vertrauensproblem noch das Problem der Privatsphäre lösen. Gerade Privatsphäre aber wäre in Zeiten des Überwachungskapitalismus ein zentraler Hebel, um Macht neu zu verteilen. Hier liegt viel Potenzial für die Blockchain brach.

Jaya Klara Brekke ist Assistenzprofessorin am Departement für Geografie der Universität Durham. Sie forscht an politischen Analysen der Blockchain und verwandter Peer-to-Peer-Technologien. Daneben arbeitet sie an der Entwicklung neuer dezentraler Anwendungen mit.

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