Nr. 18/2022 vom 05.05.2022

Egomane auf Einkaufstour

Der Erwerb des Kurznachrichtendiensts Twitter durch den Milliardär Elon Musk ist eine schlechte Nachricht für die Öffentlichkeit im Netz.

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Elon Musk mag einer der reichsten Männer der Welt sein, einen Beliebtheitswettbewerb wird er aber wohl nicht mehr gewinnen. Der in Südafrika geborene Unternehmer gilt als Fan des Ex-US-Präsidenten Trump, er bekämpft gewerkschaftliche Bestrebungen in seinen Firmen, verfolgt megalomane Projekte wie die Kolonisierung des Mars und dürfte auch auf persönlicher Ebene eher zu meiden sein: Seine erste Frau Justine berichtete einmal, ihr Ex akzeptiere prinzipiell kein Nein. Noch auf der Hochzeitsfeier habe Musk ihr eingeschärft: «Ich bin der Alpha in dieser Beziehung.»

Die Anekdote passt zum Eindruck, den der Chef des E-Auto-Herstellers Tesla öffentlich vermittelt. So auch vergangene Woche, als er grünes Licht für die Übernahme von Twitter erhielt und wenig später auf ebendiesem sozialen Netzwerk prahlte: «Als Nächstes werde ich Coca-Cola kaufen, damit es das wieder mit Kokain gibt.» Dass ein solcher Egozentriker nun eine der wichtigsten Onlineplattformen erwirbt, ist keine gute Nachricht.

Digitales Stimmungsbarometer

Dabei ist der Kurznachrichtendienst, mit dem sich Musk auf eine Übernahme für die gigantische Summe von 44 Milliarden US-Dollar geeinigt hat, auch bisher keine gemeinnützige Plattform gewesen, sondern ein Digitalunternehmen, das Werbeprofite mit den Daten seiner über 200 Millionen täglichen Nutzer:innen erwirtschaftet (was bislang mehr schlecht als recht gelang). Zudem ist er immer schon zur Verbreitung von Verschwörungstheorien oder für persönliche Attacken genutzt worden. Aber Twitter ist eben auch ein Forum, das Politikerinnen und Journalisten, Aktivistinnen und Wissenschaftler in aller Welt nutzen – und damit ein wichtiges Stimmungsbarometer, Recherchearchiv wie auch Vehikel für politische Kampagnen.

Zu befürchten ist, dass Musk die Kontrolle über dieses Werkzeug für eigene wirtschaftliche oder politische Zwecke nutzen wird. So hat er angekündigt, die «Meinungsfreiheit» auf dem Mikroblogging-Dienst stärken zu wollen – ein Wink nach rechts, wo man schon lange argwöhnt, Silicon Valley stünde zu weit links. Gerade Twitter geriet ins Visier, auch weil die Firma Trump nach dem Angriff eines von ihm angestachelten Mobs auf das US-Kapitol sperrte. Wenn aber die Rechte die Meinungsfreiheit beschwört, meint das meist den Wunsch, unwidersprochen Ressentiments artikulieren zu können. Das gilt auch für den Libertären Musk, der erst vor ein paar Tagen Likes mit einer transphoben Zote über den Milliardär Bill Gates sammelte.

Wenn also der Tesla-Chef nun verspricht, Twitter in seiner Funktion als «digitalen Marktplatz» zu stärken, ist das vor allem PR. So betonte der Medienwissenschaftler Siva Vaidhyanathan im «Guardian», dass Twitter genauso wenig ein öffentlicher Platz sei wie ein McDonald’s. Auch sei das, was der Milliardär unter «freedom of speech» verstehe («alles, was das Gesetz erlaubt»), eher einfältig: «Für Musk könnte es frustrierend werden, wenn er erfährt, dass das US-Recht Plattformen nicht nur gestattet, Inhalte zu moderieren, sondern sie sogar dazu auffordert.» Das gilt erst recht für die EU, die sich gerade auf ein Gesetz geeinigt hat, das digitale Dienste stärker regulieren soll.

Tröten statt twittern?

Schliesslich sind da noch Musks potenzielle Interessenkonflikte. Für Tesla ist China ein wichtiger Markt, während viele Gegner:innen des Regimes in Peking Twitter nutzen. Wie wird der Milliardär reagieren, wenn China die Unterdrückung dieser Stimmen fordern sollte? Dass Musk die Freiheit zur Kritik kein so grosses Anliegen ist, sobald es um seine Profite geht, wurde bei der Eröffnung der Tesla-Fabrik in Brandenburg deutlich, als missliebige Presseleute keine Akkreditierung erhielten.

Einmal mehr zeigt sich, wie wichtig Alternativen zu den Plattformen in Privatbesitz wären. Immerhin registrierte das dezentrale Netzwerk Mastodon zuletzt Zehntausende Neuanmeldungen. Dort «tweetet» man nicht, man «trötet»: Der Open-Source-Dienst ist nach einem urzeitlichen Rüsseltier benannt. Dass das Mammut aber gross genug wird, um Twitter auszubooten, ist eher unwahrscheinlich.

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