Klimanotstand in den Alpen : Aus dem Weltall sichtbar

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Satellitenbilder zeigen: Bergregionen werden immer grüner. Sie erwärmen sich etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Das bringt Stress in die Hotspots der Artenvielfalt.

Mehr Grün über der Baumgrenze ist kein gutes Zeichen: Furchen-Steinbrech auf dem Piz la Stretta in den Livigno-Alpen zwischen Italien und der Schweiz. Foto: Sabine Rumpf

«Wir hatten diesen Trend zwar erwartet», sagt Sabine Rumpf, «aber das Ausmass hat uns überrascht.» Die Professorin der Universität Basel hat Satellitenbilder aus einem Zeitraum von fast vierzig Jahren ausgewertet. Ihre letzte Woche veröffentlichte Studie zeigt, dass ganze drei Viertel der Alpen über der Baumgrenze grüner geworden sind. «In Gebieten, wo es früher keine oder nur wenig Vegetation gab, wachsen heute immer mehr Pflanzen», sagt die Ökologin. Dabei handelt es sich um Pflanzen, die es im hochalpinen Raum immer schon gab, die jetzt aber grösser und dichter werden. Aber auch um solche, die normalerweise in tieferen Lagen gedeihen, nun aber immer weiter oben im Gebirge anzutreffen sind.

Zu viele Pflanzen bedeuten zu wenig Albedo – also weniger Reflexion von Licht. Weisse Oberflächen wie Schnee oder Eis können bis zu zehnmal mehr Sonnenlicht zurück ins Weltall werfen als Pflanzen, die mehr Sonnenenergie aufnehmen und sich erwärmen. «Die grünen Flächen können sich auch stärker aufheizen als Geröllfelder oder Felsen, je nach Gesteinsart», sagt Rumpf. Dies sei vielen Leuten nicht bewusst. Dass immer mehr Pflanzen hochalpine Gebiete besiedeln, begünstigt also zusätzlich die Klimaerhitzung und dementsprechend das Tauen von Permafrost und Gletschern.

Der Alpenfirn wird grün

Das Problem des «Ergrünens» ist bereits aus der Arktis und aus Zentralasien bekannt, beides ebenfalls Regionen, die sich überdurchschnittlich schnell erwärmen. Es sei deshalb wenig überraschend, dass vermehrtes Pflanzenwachstum in ehemals kargen oder schneebedeckten Regionen auch hierzulande festgestellt werde, sagt Rumpf, die sich für ihre Untersuchung mit einem Experten für die Folgen der Klimaerwärmung in der Arktis zusammengetan hatte.

Könnte das zusätzliche Grün nicht auch einen positiven Effekt auf das Klima haben, da Pflanzen CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen und zu Biomasse verarbeiten? Leider nein, meint Rumpf. Die zusätzlichen Pflanzen in den Hochgebirgsregionen könnten nie den negativen Effekt der geschmolzenen Eis- und Schneekappen kompensieren. Von der CO₂-Speicherkapazität her seien diese Pflanzen nicht mit aufgeforsteten Wäldern in tieferen Lagen und tropischen Zonen zu vergleichen, wo die Pflanzen viel mehr Biomasse produzierten.

«In Zentralasien wurde bereits eine weitere Entwicklung beobachtet», sagt Rumpf. «Nach der ‹Grünung› kommt die ‹Bräunung›.» Hitze und Wassermangel seien zu stark geworden, die Pflanzen abgestorben. «Leider befürchten wir, dass die ‹Bräunung› auch in der Schweiz zunehmen wird», sagt Rumpf. Doch ob und wann das passieren werde, sei sehr schwer zu prognostizieren. Eine ebenfalls letzte Woche veröffentlichte Studie zielt aber in die gleiche Richtung: Meteo Schweiz sagt gemeinsam mit Wetterdiensten aus Frankreich und Österreich für den Alpenraum noch wärmere Winter und trockenere Sommer voraus.

Die Bilder der ergrünten Alpen haben für Rumpf eine ähnliche Wirkung wie die der schmelzenden Gletscher. «Indem wir zeigen können, dass die Klimakrise sogar aus dem All zu sehen ist, hoffen wir, dass das Problem für die Leute etwas greifbarer wird.»

Gletscherinitiative fast am Ziel

Just nächste Woche wird die Gletscherinitiative erneut im Nationalrat behandelt. Im Raum steht aktuell der indirekte Gegenvorschlag. Er sei «besser als erwartet», schreibt das Initiativkomitee in seinem Blog. Im Gegensatz zur Initiative oder zum unzureichenden direkten Gegenvorschlag des Bundesrats würde er ein Rahmengesetz schaffen, das sofort in Kraft treten könnte. Dieses würde das Ziel von netto null für 2050 festschreiben.

Der Bund soll zudem Unternehmen beim Ausstieg aus fossilen Energien unterstützen, Gelder für nachhaltige Heizungen sprechen und Vereinbarungen mit der Finanzbranche treffen, damit diese nachhaltiger wirtschaftet. Zwar werden fossile Energieträger ab 2050 nicht explizit verboten, so wie das die Initiative selbst fordert. Doch sie wären nur erlaubt, wenn es «keine technischen Alternativen» gibt, was streng genommen fast in keinem Bereich der Fall sein dürfte.

Abzuwarten bleibt allerdings, wie National- und Ständerat die Vorlage abändern werden. Nur schon geringe Verwässerungen wären inakzeptabel, denn die Schweiz braucht dringend national verbindliche, griffige Klimaziele. Um ihren Anteil gegen die globale Krise zu leisten – und um ihre wertvollen inländischen Lebensräume zu schützen.