Nr. 25/2022 vom 23.06.2022

Wenn der Regen ausbleibt

Von Barbara Schweizerhof

In Europa assoziiert man die Klimakatastrophe meist mit schmelzenden Gletschern. Im südamerikanischen Hochland dagegen sind es die versiegenden Brunnen, die signalisieren, dass ein Wendepunkt erreicht ist. «Der Regen kommt nicht mehr», sagt ein Nachbar zum alten Lamabauern Virginio (José Calcina), während er seine Sachen packt, um in die Stadt zu ziehen. Virginio aber will bleiben. Mit Ehefrau Sisa (Luisa Quispe) lebt er weit abgelegen in so idyllischer wie prekärer Isolation. Die Ärmlichkeit ihrer Lehmhütte ohne Strom oder fliessendes Wasser ergibt im Kontrast mit der majestätisch-strengen Schönheit der Landschaft ein ungeheuer wirkungsvolles Bild. Aber Alejandro Loayza Grisi gelingt in seinem preisgekrönten Erstling «Utama» das kleine Wunder, das Pittoreske zu vermeiden.

Denn ja, den Aufnahmen von diesem wüstenhaften Hochland mit seinen felsigen Rändern und dem unglaublich weiten, blauen Horizont eignet etwas Erhabenes. Aber statt ins Existenzielle zu überhöhen, bricht Regisseur Loayza Grisi das Bauernleben von Virginio und Sisa aufs Alltäglich-Reale herunter. Eine mindestens so grosse Rolle wie das, was man sieht, spielt dabei, was man hört: der Atem des in getrennten Betten schlafenden Ehepaars, das Klappern ihres Geschirrs beim Frühstück, ihre Kaugeräusche beim Essen und natürlich immer wieder der Wind. Die Einstellungen sind meist statisch, ohne das durch Extralänge zu markieren. Sie fangen Vignetten eines stoischen Weitermachens ein, wo vielleicht längst Resignation angesagt wäre. Als der Enkel zu Besuch kommt, um die beiden Alten zum Wegzug zu überreden, scheint er selber zu wissen, dass er damit nur den Ärger des Grossvaters auf sich zieht.

Es wird nicht viel geredet in diesem Film. Loayza Grisi, der seine Laufbahn als Fotograf und Kameramann begann, lässt die Details und Gesten für sich sprechen. Umso besser begreift man, warum die beiden Alten bleiben wollen. Nicht, weil ihr Leben so schön wäre – es war immer schon hart und ärmlich –, sondern weil es ihres ist. Nicht mehr, nicht weniger.

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