Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Die Haushälterin als Idol

Mit Alfonso Cuaróns «Roma», Gewinner des Goldenen Löwen, bringt Netflix erstmals einen Film in ausgewählte Kinos. Bei aller Bewunderung für dieses grandiose Epochenbild: Was die Frauenfiguren angeht, ist ein anderer Film gerade weiter.

Von Barbara Schweizerhof

Wenn der «kleine» Alltag mit den grossen Ereignissen kollidiert: Yalitza Aparicio als Hausangestellte Cleo in «Roma». Still: Alfonso Cuarón, Netflix

Man wittert unweigerlich Nostalgie, wenn jemand aus der eigenen Kindheit erzählt. Erst recht, wenn die Erinnerung in Schwarzweiss daherkommt: Alfonso Cuarón schildert in «Roma» das Leben in Mexiko-Stadt um 1971 mit spürbar autobiografischem Einschlag, doch allzu nostalgischen Gefühlen beugt er vor – etwa durch Hundekot.

Gleich in der ersten Szene sieht man, wie die Hausangestellte Cleo (Yalitza Aparicio) die Fliesen eines Innenhofs von Hundehaufen säubert. Der Eimer, der schwere Besen, dazu das Licht und die Geräusche, die in den Innenhof dringen: Mit all diesen präzise eingesetzten Details evoziert der mexikanische Regisseur ungemein sinnlich das Zuhause einer bestimmten Schicht in einer bestimmten Zeit. Das Gebäude wirkt etwas heruntergewirtschaftet, zu den ganz Reichen gehört diese Familie nicht. Der Vater (Fernando Grediaga) ist Arzt, seine Frau (Marina de Tavira) arbeitet als Mutter von vier Kindern nicht mehr in ihrem Beruf. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Familie ein Hausmädchen und eine Köchin beschäftigt, drückt ihre Klassenzugehörigkeit deutlicher aus, als es die Einrichtung je könnte.

Der Regisseur von «Gravity» und «Children of Men» kehrt hier erstmals seit «Y tu mamá también» (2001) thematisch in seine Heimat zurück. «Roma», produziert für den Streamingriesen Netflix, will Cuarón als Hommage an das stille Wirken des Hausmädchens verstanden wissen, das seine eigene Kindheit im Stadtteil Roma in Mexiko-Stadt geprägt hat. Dicht an der Perspektive seiner indigenen Heldin, lässt er Tage und Wochen mit ihren Alltagsverrichtungen vergehen. Sie putzt, macht die Wäsche, holt den Kleinsten von der Schule ab. Wenn sie abends mit der Familie lachend vor dem Fernseher sitzt, ist sie es, die nebenher noch Snacks reicht und das Geschirr abräumt.

Fehlende Auseinandersetzung

Zugleich hebt Cuarón hervor, dass Mexiko-Stadt in den frühen siebziger Jahren ein Ort der Unruhe ist. Die Hundehaufen, die sich im Innenhof vermehren, markieren den Zerfall der Familie, als der Patriarch zu seiner Geliebten zieht. Die Gefahren sind aber auch politischer Natur: Cleo entgeht nur knapp dem Tod, als sie unmittelbar Zeugin des «Fronleichnam-Massakers» vom Sommer 1971 wird, bei dem ein bewaffneter Spezialtrupp demonstrierende StudentInnen verfolgte.

Wie der «kleine» Alltag mit den grossen Ereignissen kollidiert, fängt Cuarón in langen Kamerafahrten ein. So gelingen ihm grossartige Panoramen, die von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erzählen, und man kann nur bewundern, wie virtuos er Privates und Politisches, den Alltag und dessen soziale Bedingtheit in einer einzigen Einstellung verschränkt. Aber die Figur, die er mit dem Film explizit ehren möchte, die Hausangestellte Cleo, bleibt in ihrer stoischen, unermüdlichen Arbeit für die Familie letztlich ein Idol: Cuarón stellt sie auf ein Podest, ohne sich wirklich mit ihrer Person auseinanderzusetzen.

Mit den Frauenfiguren geht Steve McQueen in seinem neuen Film «Widows» einen entscheidenden Schritt weiter. Wie Cuarón gilt auch der Brite als Hollywoodaussenseiter, der die Ansprüche des Independentkinos mit Oscar-Chancen zu verbinden weiss. «Widows» nun, nach einem Drehbuch von Gillian Flynn («Gone Girl»), ist sein erster Genrefilm, ein Gangsterthriller mit Frauen in den Hauptrollen. Das klingt, als würde hier demonstrativ der Zeitgeist bedient, doch das hier ist alles andere als eine Fortsetzung von «Ocean’s 8».

Feminine Unterwanderung?

Zu Beginn küsst sich ein älteres Paar in inniger Vertrautheit im Bett, sie schwarz, er weiss. Es ist eine der letzten Erinnerungen der Witwe Veronica (Viola Davis) an ihren Ehemann Harry (Liam Neeson). Der war Berufsverbrecher in Chicago und kam bei einem gescheiterten Überfall ums Leben. Mit Harry starben auch seine drei Mitstreiter, die der Film in kurzen Rückblenden vorstellt – wobei es schon hier die Frauen sind, für die sich die Kamera eigentlich interessiert, in Szenen von exquisitem sozialem Realismus.

Tatsächlich folgt «Widows» dann nur in groben Zügen dem, was man vom Genre so kennt. Von wegen ahnungslose Witwe, die einen letzten Raub begehen muss, um die Schulden ihres Mannes zu begleichen, und die anderen Witwen deshalb zum konspirativen Treffen bittet. Statt der gängigen «coolen» Montage von Menschen, die einen Coup vorbereiten, setzt McQueen realitätsgesättigte, frauenspezifische Details: Die eine kommt zu spät, weil sie davor ein Date mit einem zahlenden Verehrer hatte, die andere kommt gar nicht, weil sie einen Säugling hat.

Welche Strategie Steve McQueen und Gillian Flynn in ihren aktuellen Filmen verfolgen, ist gar nicht so leicht zu beschreiben: Unterwandern sie das Genre, indem sie es feminisieren? Stellen sie es vom Kopf auf die Füsse, indem sie einen präzisen soziologischen Boden einziehen, um ganz zentral auch die Verhältnisse von «race» und «gender» in den heutigen USA zu reflektieren? In jedem Fall sind die Heldinnen in «Widows» komplizierte Figuren mit zwar spezifisch weiblichen Sorgen, aber auch angenehm eigennützigen Anliegen. Der Film hat es nicht nötig, sie auf ein Podest zu stellen; unsere Sympathie haben sie trotzdem.

«Roma» läuft jetzt im Kino in Basel, Luzern und Zürich. Ab 14. Dezember 2018 auf Netflix.

«Widows» läuft jetzt im Kino.

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