Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

Sie sagen mehr, wenn sie schweigen

«Brokeback Mountain» auf englischem Bauernhof? Francis Lees Erstling «God’s Own Country» ist mehr als das – auch wenn er vor einer Idealisierung des Anderen nicht gefeit ist.

Von Barbara Schweizerhof

Fast zu gefällige Liebesgeschichte: Für Bauernsohn Johnny (Josh O’Connor) weitet sich dank Farmhelfer Gheor­ghe (Alec Se­ca­rea­nu) der Horizont. Still: Look Now

Das Gebot der Stunde ist, die eigene Echokammer zu verlassen. Raus aus dem Wohlfühlraum der Meinungen, die das eigene Weltbild bestätigen, hin zu Erfahrungen, die man nicht schon im Voraus klassifiziert hat. Für manche mag das damit beginnen, statt des filmkritisch abgesicherten «Arthouse-Mainstreams» das Werk eines Regiedebütanten auszuwählen und sich einem nordenglischen Drama unter Bauern auszusetzen. Das Schöne am Erstling des Schauspielers Francis Lee («Topsy-Turvy») ist nun, dass «God’s Own Country» nicht nur als Independent- und Queer-Cinema-Erfahrung die Möglichkeit der Horizonterweiterung bietet, sondern auch von einer solchen handelt.

Zwar ist die Welt, in der Johnny (Josh O’Connor) zu Hause ist, keine besonders gemütliche, doch der Bauernsohn hat sich darin förmlich verbarrikadiert. Zusammen mit seiner Grossmutter (Gemma Jones) und seinem Vater (Ian Hart) betreibt er den Familienhof im herben Yorkshire, der mit ein paar Milchkühen und ein paar Schafen mehr schlecht als recht für ein Auskommen sorgt. Zukunft bietet er keine, weshalb man auf den ersten Blick Johnnys Lebenshaltung versteht, auch wenn sie wenig sympathisch scheint. Tagsüber tut er, wie ihm geheissen: Er mistet aus, füttert, melkt und schuftet. Abends aber lässt er sich in der Dorfkneipe volllaufen, so sehr, dass er sich morgens vor dem Frühstück zum Ausnüchtern erst mal übergeben muss.

Die Grossmutter droht, das nicht länger mitzumachen. Auch der Vater, der nach einem Schlaganfall nicht mehr so kann, wie er will, wirft strafende Blicke. Nur dass Johnny zu wissen scheint, dass nicht er von ihnen, sondern sie von ihm abhängig sind – ohne ihn müssten die beiden Alten die Farm aufgeben. Dass er bleibt, wenn auch voller Widerwillen, ist der erste Hinweis darauf, dass Johnny zu mehr Empathie fähig ist, als man ihm zunächst zutraut. Dann eröffnen sich mit der Ankunft des rumänischen Farmhelfers Gheorghe (Alec Secareanu) auf einmal die Perspektiven, auch wenn das alle Beteiligten zunächst als Verstörung wahrnehmen.

Sex auf der Viehmesse

Fast ohne Worte und andere Erläuterungen steckt Francis Lee diese schwierige Gemengelage in den ersten Minuten des Films ab. Die Kamera bleibt nah an den Gesichtern, die mehr Ausdrucksvarianten im Schweigen als beim Reden entwickeln. Im Hintergrund ist die Weite der rauen nordenglischen Landschaft auszumachen, im Vordergrund sehen wir beiges Wintergras und braunen Schlamm rund um den Hof. Einen tieferen Einblick in Johnnys Persönlichkeit bieten die kurzen Szenen eines One-Night-Stands, der am helllichten Tag während einer Viehauktion stattfindet. Durchaus selbstbewusst verständigt sich Johnny mit einem anderen jungen Mann über dem Kantinenessen. Der hastige Sexakt im Transportanhänger wirkt gewaltbetont, aber auch lustvoll. Doch als der andere danach vorschlägt, zusammen doch noch ein Bier zu trinken, lehnt Johnny geradezu konsterniert ab. Johnny, so begreifen wir, kann sich selbst nicht leiden.

Fast zu gefällig klingt dann die Liebesgeschichte, die sich zwischen dem unausgeglichenen Johnny und dem ruhigen und stoisch-hilfsbereiten Gheorghe entwickelt. Tatsächlich eignet dem Rumänen etwas von einem idealisierten «Anderen», der hier nicht nur besser mit Schafen umzugehen weiss und eine neue wirtschaftliche Perspektive aufzeigt, als er vorschlägt, in die Käseproduktion einzusteigen – er steht auch mit der eigenen Sexualität in grösserem Einklang. Ihre ersten Berührungen mögen noch etwas von einem Ringkampf um Dominanz haben, doch es ist dann Gheorghe, der in seiner sanften und zugleich unnachgiebigen Art auf ein Näherkommen besteht und reden will. Und obwohl Johnny schliesslich für das leicht märchenhafte Happy End bis nach Rumänien fahren wird, lässt Francis Lee völlig unerforscht, woher Gheorghe seine so viel reifere Haltung nimmt.

Hart, aber zerbrechlich

Aber man kann dem Film diese Idealisierung leicht nachsehen, weil er auf der anderen Seite einen erweiterten und kaum verkitschten Blick auf das andere Männerpaar der Erzählung wirft: Als fast so wichtig wie Johnnys Verhältnis zu Gheorghe erweist sich das zu seinem Vater, den Ian Hart grossartig als zugleich verhärtet und fragil gibt. Hier seine Ablehnung, so zu werden wie der Vater, und dort die Forderung, dessen Erbe fortzuführen: In diesem Zwiespalt liegt für Johnny die fast grössere Herausforderung.

Den wahren Wendepunkt des Films bildet deshalb eine Szene, in der Johnny seinem Vater nach einem weiteren Schlaganfall beim Baden hilft. Die im Vergleich zum Sex ganz andere Intimität einer fürsorglichen körperlichen Berührung ist das Neue, dem Johnny sich aussetzt – und das ihn wachsen lässt. Damit wäre auch benannt, was «God’s Own Country» noch mal ganz anders macht als die scheinbar ähnlich klingende Geschichte von Ang Lees «Brokeback Mountain»: Für Johnny und Gheorghe zählt die eigene, innere Akzeptanz mehr als die der Gesellschaft um sie herum.

Ab jetzt im Kino.

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