Nr. 25/2022 vom 23.06.2022

Boris Johnson steht vor einem heissem Sommer

Von Peter Stäuber

So gehe das nicht, mahnte Boris Johnson am Dienstag: Wenige Stunden nachdem in Grossbritannien der grösste Eisenbahner:innenstreik seit Jahrzehnten begonnen hatte, warnte der britische Premierminister vor einer Eskalation der Arbeitsdispute. Jetzt, so Johnson, sollten bitte nicht auch noch die Angestellten des öffentlichen Sektors kommen und auf bessere Bezahlung drängen. Lohnforderungen müssten «proportional und ausgeglichen sein». Johnson hatte den Angestellten bereits vor zwei Wochen in Lohnstreitigkeiten Zurückhaltung nahegelegt.

Offensichtlich steigt an der Downing Street 10 die Nervosität. Der Streik der rund 40 000 Eisenbahner:innen von der National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT), der den Grossteil des Schienenverkehrs lahmlegte, ist auch eine Machtdemonstration: Wenn sie wollten, könnten sie das ganze Land zum Stillstand bringen, so die implizite Botschaft – und damit die nationale Debatte bestimmen. Ganz Grossbritannien spricht derzeit über stagnierende Löhne, die Folgen der hohen Inflation und die Krise bei den Lebenshaltungskosten.

Die RMT stösst mit ihrer Aufforderung an die Lohnabhängigen, für ihre Rechte zu kämpfen, auf viel Resonanz: Laut einer neuen Umfrage sind 58 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass der Streik gerechtfertigt ist. Unter den 18- bis 34-Jährigen liegt der Zuspruch gar bei 72 Prozent. In einem Land, das von einer konservativen, gewerkschaftsfeindlichen Presse dominiert ist, die die RMT als «marxistische Schlägertypen» und «undankbare Extremisten» bezeichnet («The Sun»), ist das bemerkenswert.

Und freilich haben die Brit:innen nicht vor, der Mahnung von Premierminister Johnson Folge zu leisten und sich bei Lohnforderungen zurückzuhalten. In sechs verschiedenen Gewerkschaften werden derzeit Streikabstimmungen vorbereitet oder sind schon im Gang – sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Sektor. Callcenterangestellte, Postbeamt:innen, Zugführer:innen, Gesundheitsmitarbeiter und Lehrerinnen könnten schon in den kommenden Monaten in den Streik treten. Johnsons Regierung bereitet sich auf einen heissen Sommer vor.

Nachtrag zum Artikel «Mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet» in WOZ Nr. 24/2022.

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