Serie: Im Labor des Schmerzes

Nr. 41 –

Kochen für den toten Bruder: Die Serie «The Bear» erzählt eine emotionale kulinarische Familiengeschichte – und wirft uns hinein in den hektischen Alltag eines Restaurants in Chicago.

Still aus der Serie «Bear»: Personen in der Kühlkammer eines Restaurants
Die Dämonen sitzen ihnen im Nacken: Spitzenkoch Carmy Berzatto (Jeremy Allen White), «Patissier» Marcus (Lionel Boyce) und Manager Richie (Ebon Moss-Bachrach). Still: 2022 Disney

Kurz vor der Jahrtausendwende schrieb der Koch Anthony Bourdain einen Text, der sein Leben verändern sollte. «Gastronomie ist die Wissenschaft des Schmerzes», stand darin. Und: «Bei gutem Essen dreht sich alles um Blut und Innereien, um Grausamkeit und Zerfall.» Bourdains eloquentes Stück im «New Yorker» las sich für manche wie eine Warnung davor, je wieder in einem Restaurant zu tafeln. Aber es war auch eine grossartige Hymne auf das Essen und seine Zubereitung – auf gut eingespielte Küchencrews, die er mit der Besatzung eines U-Boots verglich: auf Gedeih und Verderb eingesperrt und geknechtet in engen, heissen, sauerstoffarmen Räumen.

23 Jahre und Tausende von Kochshows später gibt es endlich eine Serie, die diese von Bourdain aus den Eingeweiden heraufbeschworene Restaurantküchenwelt in ihrer Härte, aber auch ihrer ganzen Verletztheit und Ekstase ausleuchtet: «The Bear», die erfundene Geschichte über einen legendären Sandwichladen in Chicago mit grossen Ambitionen und noch grösseren Problemen.

Vielleicht sollten mehr Problemfilme in der Küche spielen.

Anthony Bourdain, der nach seinem Debüt eine steile Karriere als Foodautor und allesfressender Zeremonienmeister furioser TV-Shows machte, ist vor vier Jahren gestorben. Er erhängte sich in einem Hotelzimmer im Elsass, auf einer seiner gefilmten Esstouren durch Frankreich. Und auch das abwesende Zentrum von «The Bear» ist ein Toter, der freiwillig aus dem Leben ging. Seine Umrisse schälen sich in den acht Folgen der ersten Staffel langsam aus den Geschichten, oft auch bloss aus den Gesichtern der Hinterbliebenen, Freunde, Mitarbeiterinnen. Doch in der rauen Küchenwelt steht der Satz «Über die Toten nur Gutes» nicht gerade hoch im Kurs.

Sandwiches und Spaghetti

Michael Berzatto war offenbar beliebt und geliebt, aber seit er tot ist, wird vor allem viel über ihn geflucht. Alle hadern laut und wütend mit seinem Vermächtnis, einem populären, jedoch tief verschuldeten kleinen Familienspunten mit dem sprechenden Namen «The Beef», der an einer noch nicht ganz aufgeräumten Ecke von Chicago steht. Als einer zur grossen Brandrede gegen das Elend der Gentrifizierung ansetzt, fliegen ihm wie bestellt ein paar verirrte Kugeln aus einem Bandenkrieg um die Ohren.

Michaels Bruder Carmy (Jeremy Allen White) übernimmt den Laden, die Crew, die Schulden. Diese Übernahme ist auch deshalb schwer belastet, weil die beiden Brüder seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Carmy hat seinen Weg in der Spitzengastronomie gemacht, war Chefkoch im «besten Restaurant Amerikas», arrangierte dort preisgekrönte Gourmettellerchen mit der Pinzette. Jetzt steht er plötzlich im fettverspritzten engen Küchenschlauch seines toten Bruders, soll die legendären italienischen Sandwiches raushauen und dazu auch noch Tomatenspaghetti kochen. Diese passen zwar nicht wirklich ins Konzept des Ladens, aber die Spaghetti seien halt sehr beliebt. So erklärt es ihm der «Manager» des Ladens (Ebon Moss-Bachrach), der zwischen Aggression und Zusammenbruch irrlichtert und dem die Dämonen beinahe sichtbar im Nacken hocken. Wie allen hier.

Wandelnde Dampfkochtöpfe

Eine komplexe psychologische Gemengelage – die «The Bear» in schnelle, griffige Dialoge und messerscharfe Auseinandersetzungen packt. Carmy muss zum Einstieg untendurch. Küchencrews sind bekannt für ihr Talent, sich gegenseitig zu schikanieren. Auch der aggressive Umgangston ist nichts für sensible Gemüter. Vielleicht sollten mehr Problemfilme in der Küche spielen. Heftige Gefühle lassen sich mühelos in Stichflammen, Schnittwunden und pfeifende Ventile übersetzen.

Laut und heiss wird Dampf abgelassen, Stress taktet alles. Carmys Ansinnen, die eingefressenen toxischen Mechanismen in eine etwas professionellere, menschenfreundlichere Struktur zu überführen, wird unterstützt von Sydney (die Comedian Ayo Edebiri), die ebenfalls aus einer anderen Gastroecke kommt – und sabotiert von allen anderen.

Die unterschiedlichen Welten finden sich bei der einzigen Währung, die hier zählt: gutem Essen. Gibt es etwas Feines zu probieren, zerfliessen die eben noch verhärteten, gehetzten Gesichter in zärtlicher Glückseligkeit. Plötzlich sind sich alle einig: der Hilfskoch Ebra aus Somalia, die beinahe beratungsresistente Hispanoamerikanerin Tina, der Brötchenbäcker Marcus, der zum «Patissier» befördert wird – und seine schäbige Backecke prompt in ein Fermentierlabor verwandelt, um den ultimativen Donut zu kreieren.

«The Bear» weckt Erinnerungen an «The Sopranos» und «Six Feet Under», verströmt auch dieselbe mafiös angehauchte Familienmelange aus Sentimentalität und Brutalität, egal ob es nun um Blutsverwandte geht oder um die abgebrühte Zweckfamilie zwischen den Töpfen des «Beef». Der Kopf hinter «The Bear», Christopher Storer, erzählt allerdings, er habe zur Vorbereitung vor allem viele U-Boot-Filme geschaut. Das heisst, er hat ziemlich sicher auch viel Bourdain gelesen, dem diese Serie garantiert gefallen hätte.

«The Bear». Erste Staffel. Idee: Christopher Storer. USA 2022. Auf Disney+. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.