Film: Geschwister im Urlaub

Nr. 27 –

Still aus dem Film «Something You Said Last Night»
«Something You Said Last Night». Regie: Luis De Filippis. Kanada/Schweiz 2022.
Jetzt im Kino.

Eine gewöhnliche Familie auf dem Weg in den Urlaub: Da ist der wortkarge, aber auch liebevolle Vater, da ist die etwas zwanghaft aufmunternde Mutter, und da sind die zwei gerade dem Teenageralter entwachsenen Töchter. Gereizt von der Autofahrt, richten sie sich im Ferienhaus ein. Im Lauf des Films finden sie streitend und neckend ihren Urlaubsrhythmus, lassen die familiären Spannungen ein paarmal hochkochen und fahren nach einer Woche wieder gemeinsam nach Hause – in der gleichen familiären Gereiztheit, die man dann aber als eine Variante von Nähe und Vertrautheit zu begreifen gelernt hat.

Die betonte Normalität ist dabei sowohl ein Trick als auch ein Anliegen der kanadischen Regisseurin Luis De Filippis: Auf den zweiten Blick gibt es reichlich Elemente, die diese Familie ungewöhnlich machen. Zum Beispiel, wie sich in ihrem Alltag ihre italienische Herkunft spiegelt. Oder auch die Schwierigkeiten in Ausbildung oder Beruf, mit denen sich die Töchter Sienna (Paige Evans) und Renata (Carmen Madonia) gerade herumschlagen. Und die Tatsache, dass Renata (wie die Regisseurin selbst) eine trans Frau ist.

Letzteres offenbart der Film mit grösstmöglicher Beiläufigkeit. Die liebevolle Akzeptanz von Vater, Mutter und Schwester steht nie in Zweifel, die eigene Familie ist hier selbst im Streit noch ein sicherer Hafen. Gefährlicher wird es, wenn Renata sich absetzt und auf eine Umwelt trifft, deren Reaktionen schwer vorhersehbar sind. Carmen Madonia zeigt die stete Vorsicht und die taktische Verhaltenheit ihrer Figur mit grossem Nuancenreichtum. Darin liegt die besondere Spannung dieses Films, der die üblichen Motive von Transgenderfilmen – Selbstfindung, Coming-out, Transition – bewusst auslässt, um die Perspektive von Renata erlebbar zu machen.