Film: Glaube, Liebe, Hoffnung

Nr. 49 –

Auch für die Liebe werden Grenzen gezogen – für manche mehr als für andere. Drei neue Filme erzählen von lesbischem Leben in ganz unterschiedlichen Milieus.

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Filmstill aus «La petite dernière»: Nadia Melliti als gläubige Muslimin mit ihrer Freundin
Der Weg zum Coming-out bleibt schwierig: Nadia Melliti (links) als gläubige Muslimin 
in «La petite dernière».
Still: Cineworx

Homosexualität bei Frauen sei weniger schwerwiegend, versichert der Imam der jungen Frau, die «für eine Freundin» bei ihm Rat sucht. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass es eine Neigung sei, die überwunden werden müsse. Für die Maturandin Fatima (Nadia Melliti), die Heldin des Films «La petite dernière», vertieft sich damit der Zwiespalt, der ihr Leben bestimmt. Als gläubige Muslimin ist die Französin mit algerischen Wurzeln in die Traditionen ihrer nicht übermässig strengen Familie eingebunden. Zugleich ist sie sich sicher, dass sie Frauen liebt. Wie soll sie die beiden Identitäten miteinander versöhnen? Der Imam jedenfalls ist ihr keine Hilfe.

Gleichberechtigung und Inklusion sind zentrale Anliegen der Queercommunity. Der weiblichen Homosexualität kam dabei oft weniger Aufmerksamkeit zu – im queeren Kino jedenfalls dominierten lange die Männergeschichten. Nun starten gleich drei Spielfilme mit lesbischen Heldinnen im Zentrum, die ausserdem auf sehr schöne Weise ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Lebenslagen behandeln.

Schockiert und lernfreudig

«La petite dernière» von Hafsia Herzi wirkt auf den ersten Blick wie der konventionellste der drei Filme, folgt er doch dem etablierten Muster einer Coming-of-Age-Erzählung. Mit Jahreszeiten als Kapiteln erzählt Herzi von einem Jahr des Übergangs in Fatimas Leben. Als burschikose, fest in einem Freundeskreis von Sportlern integrierte Schülerin wehrt sie sich trotzig gegen Anwürfe ihrer Schwestern oder ihres Freundes, sie möge doch weiblicher auftreten. Ihre lesbische Identität verbirgt sie umso sorgfältiger. Nur im Geheimen geht sie per Dating-App auf Erkundungstour und gibt sich dabei als eine andere aus. Von älteren, erfahrenen Frauen lässt sie sich in die lesbische Sexualität einweihen. Manches schockiert sie, gleichzeitig ist sie zum Lernen entschlossen.

Das Besondere an Herzis Film ist das Verständnis, das er für das Doppelleben seiner Heldin aufbringt. Fatima macht Schluss mit ihrem Freund, ohne ihm die Wahrheit über sich zu sagen. Sie beginnt zu studieren, verliebt sich zum ersten Mal ernsthaft und nimmt an Pride-Aktionen teil. Man sieht, wie sie in ihrer queeren Identität an Selbstsicherheit gewinnt, aber der Weg zum Coming-out in der Familie, sei es auch nur vor der eigenen Mutter, bleibt schwierig. Genau diese Widersprüchlichkeit ist es, die «La petite dernière» so lebensnah erscheinen lässt.

Bereits erwachsen sind dagegen die Frauen, von denen die Britin Joy Gharoro-Akpojotor in «Dreamers» erzählt. Für sie hat die «Zweitrangigkeit» weiblicher Queerness noch einmal andere Konsequenzen. Im Fokus des Films steht die Nigerianerin Isio (Ronkę Adékoluęjo), die in Grossbritannien als illegal Eingewanderte aufgeflogen ist und nun im Abschiebezentrum der Überprüfung ihres Asylantrags harrt. Ob sie sich sicher sei, lesbisch zu sein, oder ob sie doch schon einmal einen Mann geküsst habe, fragt sie der zuständige Beamte. Dass Homosexualität in Nigeria illegal ist, muss sie ihm erst erklären. Aber selbst ihre Aussage darüber, wie die eigene Mutter sie zwecks «Konversion» vergewaltigen liess, lässt die Behörde kalt. Hoffnung schöpft Isio aus der Solidarität mit anderen afrikanischen Frauen im Lager, mit ihrer Zimmergenossin Farah (Ann Akinjirin) verbindet sie bald sogar mehr. Keine der Frauen hat Zweifel über ihre eigene Identität, aber diese offen auszuleben, bleibt selbst unter optimistischen Annahmen ein Traum. Im reduzierten Rahmen seines Haftsettings macht «Dreamers» Schicksale sichtbar, in denen das Übersehenwerden auch eine Überlebensstrategie ist.

Die Hürden des Gesetzes

Noch einmal anders verhandelt die Französin Alice Douard das Spannungsfeld zwischen lesbischer Fremd- und Selbstwahrnehmung. Sie erzählt in «Des preuves d’amour» von der Ankunft des ersten Kindes in einer Ehe, nicht aus Sicht der queeren Mutter, sondern aus der Perspektive der Partnerin, gespielt von der Schweizerin Ella Rumpf. Zu den gewöhnlichen Herausforderungen, die eine solche Übergangssituation für eine Beziehung mit sich bringt, kommen die gesetzlichen Hürden dazu, die in Frankreich für gleichgeschlechtliche Paare gelten. Die nicht gebärende Mutter nämlich muss sich um die Adoption des Kindes erst noch bewerben.

Wie die beiden werdenden Mütter die dafür nötigen «Bürgschaften» einholen, bildet den roten Faden im Film. Céline (Ella Rumpf) und Nadia (Monia Chokri) nehmen Kontakt zu alten und neuen Freund:innen auf, schwulen, straighten und lesbischen. In diesen Begegnungen entfaltet sich ein Reigen der verschiedenen Familienentwürfe, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen, gerade weil keiner als ideal dasteht.

Mit beiläufigem Humor zeigt «Des preuves d’amour» die Fallstricke auf, die auf Céline als nicht gebärende Mutter lauern. Wie wichtig ist ihr das eigene Erbgut, welchen Einfluss hat die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter (Noémie Lvovsky), einer berühmten Pianistin, von der sie sich vernachlässigt fühlte? Und wie geht Céline damit um, wenn jemand unsensibel oder gar höhnisch nach dem Vater des Kindes fragt? Queere Klischees vermeidend, erkundet der Film diese Krisen und Lernerfahrungen – nah am Feel-good-Movie, aber ohne falsche Versöhnlichkeit.

«Des preuves d’amour» kommt am 4. Dezember 20205 ins Kino. Premiere in Anwesenheit von Schauspielerin Ella Rumpf in Bern, Kino Rex, Do, 4. Dezember 2025, 20.15 Uhr.

«Dreamers» startet am 11. Dezember, «La petite dernière» folgt am 18. Dezember 2025.