Insolvenz des Globus-Besitzers: The Great Benko

Nr. 49 –

Aufstieg und Fall des Tiroler Immobilientycoons René Benko sind ein Bilderbuchbeispiel für den «Freunderlkapitalismus» österreichischer Ausprägung.

René Benko mit seiner Frau Nathalie und Sebastian Kurz an der Eröffnung des Park-Hyatt-Hotels in Wien
2014 strahlt der Wunderknabe noch: René Benko (rechts) mit seiner Frau Nathalie und Sebastian Kurz, damals österreichischer Aussen- und Integrationsminister, an der Eröffnung des Park-Hyatt-Hotels in Wien. Foto: Imago

Im Angeberkapitalismus gehen Erfolg und Hochstapelei häufig Hand in Hand. Österreich hat mit seinen globalen Vorzeigeunternehmern und Erfolgsinvestoren neuerdings freilich besonders viel Pech. Eines der jüngsten Beispiele ist Wirecard: Den Österreichern Markus Braun und Jan Marsalek schien damit eine kolossale unternehmerische Erfolgsgeschichte gelungen zu sein. Bis das Kartenhaus nicht nur eine fulminante Pleite hinlegte, sondern sich alles als Täuschung und eventuell als Grossbetrug entpuppte.

Jetzt ist der nächste imponierende Austrotycoon dabei zu kollabieren. Die Signa Holding des Tiroler Konzerngründers René Benko ist seit Monaten in Schieflage und musste vergangene Woche Insolvenz anmelden. Auch einzelne Unterfirmen aus dem unübersichtlichen 1000-Unternehmen-Konglomerat haben mittlerweile ihrerseits Insolvenz erklärt. Wie schlimm der finanzielle Zustand der Unternehmensgruppe ist, weiss niemand so genau, aber es spuken Zahlen herum. Die Holding allein weist in ihrem Insolvenzantrag Schulden von 5 Milliarden Euro aus. Zuletzt waren dem Vernehmen nach 500 Millionen Euro an unmittelbar fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr zu stemmen. Vor nicht so langer Zeit hiess es noch, dass Verbindlichkeiten von rund 20 Milliarden Euro Vermögenswerten von 28 Milliarden gegenüberstünden.

Kern von Benkos Geschäftsmodell sind Immobilien im Luxus- und Hochpreissegment, vor allem in Metropolen und Innenstädten. In Wien kaufte der Unternehmer ganze Strassenzüge, um sie zum «goldenen Quartier» zu entwickeln. Dort befinden sich jetzt etwa das luxuriöse Park-Hyatt-Hotel, das Bank-Austria-Kunstforum und diverse Luxusgeschäfte. Auch die prachtvolle einstige Österreichische Postsparkasse (Signalarchitektur der Moderne von Otto Wagner) gehört Signa. Zum Portfolio gehören ausserdem das Hotel Bauer Palazzo in Venedig, die Deutsche Börse in Eschborn, das Chrysler Building in New York und Luxusanwesen am Gardasee. Luxusquartiere und Wolkenkratzer wurden in Hamburg entwickelt, ebenso in München. Zweites Standbein waren im vergangenen Jahrzehnt Warenhäuser geworden, etwa die Karstadt-Kaufhof-Galeria-Gruppe mit ihren vielen Standorten in deutschen Innenstädten, die schon zweimal in die Insolvenz geschlittert war und mit viel Staatsgeld mehr schlecht als recht gerettet wurde. Dazu die Kika-Leiner-Gruppe in Österreich, das Handelsflaggschiff «Kaufhaus des Westens» (Kadewe) in Berlin, das Nobelkaufhaus Selfridges in London – und das Warenhaus Globus in der Schweiz.

Das Wachstum zum Mega-Milliarden-Konzern war nahezu vollständig auf Schulden gebaut. Geld holte sich die Signa-Gruppe (neben Benko und den ihm zugeschriebenen Privatstiftungen sind noch verschiedene andere Kapitalgruppen investiert, etwa der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner) über Unternehmensanleihen und Bankkredite. Viele Versicherungsgesellschaften bangen jetzt um ihre Anleihen. Der Schweizer Privatbank Julius Bär schuldet Signa 606 Millionen Franken, in Österreich sollen vor allem die Bank Austria und Banken des Raiffeisen-Sektors Kredite von angeblich rund 2,2 Milliarden Euro vergeben haben.

Neoliberale Raubzüge

Aus der Insolvenz der Signa-Gruppe kann noch ein grosser Wirtschaftsskandal und -krimi werden. Benko und seine Signa sind ein Beispiel für einen Vetternwirtschaftskapitalismus, wie er sich in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten immer unverschämter entwickelt hat. Augenfällig ist die klebrige Nähe von Politik und Kapital. Und Aufstieg und Fall des «Great Benko» sind auch ein Lehrbuchbeispiel für die neoliberalen Raubzüge, in deren Folge öffentliche Güter privaten Glücksrittern zugeschanzt wurden.

Bei ihren Investitionen ging Signa «aggressiv» vor. Das heisst, vieles war scharf auf Kante genäht. Man nimmt viele Hundert Millionen an Krediten auf und investiert sie in Immobiliengeschäfte. In einer Zeit der Goldgräberstimmung im Immobiliensektor, in der die Immobilienpreise klettern und klettern, schraubt man die «Vermögenswerte» in den Büchern in fragwürdige Höhen, die als vermeintliche Absicherung dann neue Kredite ermöglichen. Eine Art legales Ponzi-Schema, «das ständig frisches Geld verlangt», so die Wiener Wochenzeitung «Falter». Das läuft gut, solange zwei lukrative Marktlagen bestehen: Goldgräberhausse in den Innenstädten und niedrige Zinsen für die Kredite.

Als wäre das nicht schon dubios genug, hat die «diskrete» Signa-Gruppe auch dafür gesorgt, dass ihre ökonomische Performance möglichst im Verborgenen bleibt. «Signa ist offensichtlich ein konzernartiger Moloch, in dem ein System der rechtswidrigen Intransparenz zu einer wesentlichen Maxime erklärt wurde», urteilt das Wiener Magazin «News», das enthüllte: Verschiedenste Signa-Unterfirmen haben über Jahre keine Jahresabschlüsse gemeldet. Das ist zwar illegal und wird mit Strafen geahndet. Die betragen aber nur einige Hundert Euro alle paar Monate. Diese Strafen wurden dann erst noch als Betriebsausgaben von der Steuer abgesetzt.

Ein Konzern mit grossem Portfolio bietet sowieso viele Möglichkeiten der legalen Trickserei. Wenn ein Immobilienkonzern Warenhäuser kauft, dann erhält er damit auf einen Schlag zweierlei: wertvolle Immobilien an bester Lage und Handelsunternehmen. Er zahlt sich quasi selbst Miete. Treibt er die Miete hoch, dann haben die Handelsunternehmen hohe Defizite, die Immobilienwerte steigen aber rasant, da künftige, fiktiv hohe Mieterträge den Immobilienwert steigern. Nicht unpikant, wenn man sich dann für die defizitären Handelsunternehmen Staatshilfe organisiert.

René Benko, heute 47, verdiente schon in jungen Jahren seine ersten Schillingmillionen mit Immobilienentwicklung und gabelte einen reichen Investor auf, der das Wachstum seines Unternehmens ankurbelte. Die Schule brach Benko im Maturajahr ab. Dafür wurde er vom Finanzdienstleister AWD in der aggressiven Kund:innenakquise geschult. Dort lernt man, wie man Sparerinnen und Anleger mit schönen Geschichten verführt. Er verstand es gut, sich bestens zu verkaufen. In Tirol, wo er herkommt, galt Benko bald als Wunderknabe.

Dubiose Freundschaften

Anfang der 2000er Jahre amtierte in Österreich eine Rechts-Ultrarechts-Koalition aus ÖVP und FPÖ. Die Allianz hatte sich vorgenommen, öffentliches Eigentum zu versilbern, beispielsweise die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft für Bundesbedienstete. Die dubiosen Privatisierungsdeals beschäftigen heute noch die Gerichte. Karl-Heinz Grasser, von 2000 bis 2007 Finanzminister, wurde 2020 zu acht Jahren Haft verurteilt – das Urteil ist bis heute nicht rechtskräftig.

Der einstige Kabinettschef des konservativen Wirtschaftsministers, Christoph Stadlhuber, wiederum wechselte 2003 ins Management der Bundesimmobiliengesellschaft, bevor er von dort aus nach einigen Jahren weiter auf einen Direktorenposten von Signa hüpfte.

Der Tycoon Benko erwies sich überhaupt als grosser Virtuose auf der Klaviatur des politisch-ökonomischen Komplexes Österreichs. 2008 holte Benko schon kurz nach dessen Rücktritt den einstigen sozialdemokratischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer an Bord. Im Signa-Beirat haben einige zentrale Figuren des Komplexes Funktionen, etwa auch Susanne Riess-Passer, die einstige Vizekanzlerin der ÖVP-FPÖ-Regierung, die unlängst noch erklärte: «Um dieses Unternehmen müssen Sie sich überhaupt keine Sorgen machen.»

Alfred Gusenbauer, so wurde kürzlich aufgedeckt, verrechnete allein zwischen 2020 und August 2021 Lobbyismushonorare über sechs Millionen Euro (zusätzlich zu diversen Vergütungen als Aufsichtsrat). Und auch der gestrauchelte Ex-ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, bekanntermassen kein Feind des grossen Geldes, ist mit Benko schon gut im Geschäft. Fürs Türöffnen im arabischen Raum verrechnete er Benkos Konzern 2,5 Millionen Euro. Beim Staatsfonds von Abu Dhabi, dem er ein 100-Millionen-Investment beim jetzt in die Insolvenz geschlitterten Konzern vermittelte, dürfte sich Unglücksrabe Kurz wohl so schnell nicht mehr blicken lassen.

Ein Lehrbeispiel für den Vetternwirtschaftskapitalismus ist all das auch, weil Benko insbesondere von der Sebastian-Kurz-Regierung häufig den roten Teppich ausgerollt bekam.

Als die Kika-Leiner-Möbelhauskette 2018 dringend einen Investor brauchte, wurde sogar an den Feiertagen das Bezirksgericht offen gehalten, um Benko die Übernahme zu ermöglichen. Dem Investor wurde als «Retter» gehuldigt. Die Immobilien an bester Lage dürften Benko dabei mehr gereizt haben als das Handelsgeschäft. Sehr bemüht hat sich Benko offenkundig auch um den damaligen Spitzenbeamten im Finanzministerium, Thomas Schmid, an den er schrieb: «Die Rolle eines Generalbevollmächtigten bei uns im Konzern würde dir sicher gut liegen.» Schmid wiederum textete an Benko: «Bist echt ein Freund.» Schmid ist jener legendäre Sebastian-Kurz-Prätorianer, dessen beschlagnahmte Handydaten den Sturz des jungen ÖVP-Kanzlers verursachten. Schmid hat mittlerweile den Status als «Kronzeuge» in der Aufarbeitung der ÖVP-FPÖ-Skandalregierung beantragt. Die Korruptionsstaatsanwaltschaft geht auch dem Verdacht nach, dass das Finanzministerium an «möglichst schonenden Steuerregelungen für Benko gearbeitet hat». Schmid hatte 2018 an Benko geschrieben: «Lieber René […] In deiner Sache ist alles auf Schiene.»

Männer mit Verbindungen und einer Hand für Geschäfte. Benko half dabei seine perfekte Selbstinszenierung als Erfolgsmann. Zu seinen prunkvollen Einladungen kamen die berühmten Stützen der Gesellschaft gerne in Rudel und Robe, lieferten Bilddokumente der Ranschmeisserei, die ihnen heute peinlich sind. Benko wusste, wie man Erfolg darstellt – und wohl auch, dass heutzutage die erfolgreiche Darstellung des Erfolgs die halbe Miete ist. In den Wirtschaftsmagazinen, die Leute wie ihn gewohnheitsmässig idealisieren, wurde gerne die Legende vom Selfmademan aus bescheidensten Verhältnissen verbreitet: vom genialen Verkäufer, dem Zahlengenie, der als Einziger alle Finanztransaktionen seines verschachtelten Imperiums im Kopf hat; vom virilen Rackerer, der um fünf Uhr morgens aufsteht und bis knapp vor Mitternacht durcharbeitet. Vor dem parlamentarischen Korruptions-Untersuchungsausschuss sagte Benko vor einigen Monaten in milieutypischer Aufgeblasenheit aus: «In der Regel sucht die Politik zu uns den Kontakt, nicht umgekehrt.»