Sachbuch: Gegen das falsche Gute

Nr. 47 –

Die Journalistin Kathrin Hartmann führt in ihrem neuen Buch vor, wie man über globale Missstände schreibt, ohne dabei der Konzern-PR auf den Leim zu gehen oder in Hoffnungslosigkeit zu versinken.

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Royd Michelo hält eine selbst gepflückte Tomate in der Hand
«Synthetischer Dünger füttert nur die Pflanze, nicht den Boden»: Royd Michelo, Ausbilder für Agrarökologie in Sambia.    Foto: Natasha Ng'uni

Seit rund fünfzehn Jahren reist Kathrin Hartmann dorthin, wo sich Aktivist:innen gegen Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur wehren. 2011 war die Journalistin erstmals im Globalen Süden, um über die verheerenden Folgen des Mikrokreditsystems zu recherchieren, das Menschen in den Suizid trieb. Es folgten Reisen etwa zu indonesischen Palmölplantagen, in die Südstaaten der USA, wo die Petrochemie ganze Landstriche verseucht, nach Griechenland unter dem Spardiktat der Troika sowie zu den Sweatshops der Textilindustrie in El Salvador.

Aus diesen Reisen sind Bücher entstanden, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die ökologische und soziale Frage zusammendenken. Vor allem: Hartmanns Perspektive ist kapitalismus- und systemkritisch, die Autorin lässt sich nicht blenden von den wohlklingenden Phrasen der PR-Abteilungen grosser Konzerne und ihren Versprechen, bald klimaneutral zu wirtschaften.

Nun hat Hartmann ein neues Buch veröffentlicht. Der Titel «Die Welt gewinnen. Mutig statt machtlos» klingt zunächst nach Verlagsmarketing. Doch Hartmann zeigt sich von ihrer gewohnten Seite: Zahlreiche Reportageelemente, etwa Gespräche mit Leuten, denen sie auf ihren Reisen begegnete, verbinden sich mit analytischen Passagen.

Bremsklotz für echte Veränderung

In Letzteren arbeitet sie etwa heraus, warum ökonomische Entwicklungshilfe, Förderprogramme von Milliardärsstiftungen, Nachhaltigkeitssiegel, die Umweltverträglichkeit versprechen, und ethischer Konsum als das «falsche Gute» zu betrachten sind. Laut Hartmann gibt dergleichen nur vor, Probleme zu lösen, lässt aber die profitablen Geschäftsmodelle, die strukturelle Ursachen für Armut, Ungleichheit und Naturzerstörung sind, unangetastet. Das «falsche Gute» wolle beruhigen, indem es suggeriere, es gebe keine Schuldigen und alles könne so bleiben, wie es ist. Für Hartmann ist es deshalb «der grösste Bremsklotz für echte Veränderung».

Das gewissermassen richtige Gute hingegen sind die solidarischen Praktiken von Graswurzelbewegungen, die vornehmlich, aber nicht nur im Globalen Süden aktiv sind. Ihre Akteur:innen und ihre Kämpfe stellt Hartmann ins Zentrum ihres neuen Buchs. Es ist somit ein Rückblick auf fünfzehn Jahre journalistische Arbeit, für den sie auch auf bereits veröffentlichte Texte zurückgreift. Sie hat jedoch erneut mit ihren Protagonist:innen von damals gesprochen, um zu erfahren, wie es mittlerweile um ihren Kampf bestellt ist.

Ein Beispiel ist Estela Ramirez, Textilarbeiterin, Gewerkschafterin und Mitgründerin einer Kooperative in El Salvador. Sie beurteilt ihren Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und eine andere Form der Textilproduktion im Nachhinein positiv, obwohl ihre T-Shirt-Kooperative dem harten Wettbewerb nicht lange standhielt. Zehn Jahre später, als Hartmann erneut mit Ramirez spricht, hat sich einiges getan: Gesetze wurden auf Druck von unten verbessert, sogenannte Heimstickerinnen haben ein Recht auf einen gesetzlichen Mindestlohn, und es gibt ein europäisches Lieferkettengesetz. «Mit unserem erwachten Bewusstsein, unserer Entwicklung und unserem persönlichen Wachstum konnten wir weitere Arbeiterinnen inspirieren und motivieren», sagt Ramirez.

Ein ähnliches Bild zeichnet Hartmann von der Lage in Griechenland. Während der Eurokrise ab 2010 wurde das dortige Gesundheitssystem auf Druck von Deutschland und der EU kaputtgespart. In der Folge entstanden solidarische Kliniken, die von Menschen aus den Stadtvierteln organisiert wurden. Jeder und jede konnte dort medizinische Hilfe erhalten. Diese Kliniken gibt es heute nicht mehr, aber der solidarische Geist habe sich erhalten.

Autokritik in der Autostadt

Ein Beispiel dafür, wie eine andere Landwirtschaft möglich ist, beschreibt die Autorin anhand von Sambia, wo sie Royd Michelo, einen Ausbilder für Agrarökologie, getroffen hat. Er ist ein scharfer Kritiker der mit Entwicklungshilfe aus dem Globalen Norden geförderten intensiven Landwirtschaft, die auf Dünger, Pestiziden und von Konzernen verkauftem Saatgut beruht – auch das ein Element des «falschen Guten». Das staatliche Subventionsprogramm für Dünger bringe die Bauern um, sagt Michelo. «Synthetischer Dünger füttert nur die Pflanze, nicht den Boden. Aber wir müssen den Boden ernähren.» Wie das geht, bringt Michelo anderen Kleinbäuer:innen bei. Die Erfolge sind rasch sichtbar.

Auch in Deutschland begab sich Hartmann auf die Spuren von Leuten, die sich für eine bessere Welt engagieren. Sie traf beispielsweise den Verkehrswendeaktivisten Tobi Rosswog, der unter den Autoarbeiter:innen in der Autostadt Wolfsburg für die ökologische Verkehrswende warb.

Mitunter fragt man sich beim Lesen, ob das nicht alles Nischenprojekte ohne Bedeutung sind, die da präsentiert werden. Hartmann bringt diesen Einwand auch selbst auf. Sie allerdings sieht darin solidarische Modelle für Gegenwart und Zukunft. Diese solidarische Zukunft mag derzeit fern scheinen, sie ist aber ohne Alternative. Und tatsächlich machen die von Hartmann vorgestellten Menschen und ihre Kämpfe Hoffnung.

Buchcover von «Die Welt gewinnen. Mutig statt machtlos. Wie Menschen weltweit etwas bewirken und was wir von ihnen lernen können»
Kathrin Hartmann: «Die Welt gewinnen. Mutig statt machtlos. Wie Menschen weltweit etwas bewirken und was wir von ihnen lernen können». Ludwig Verlag. München 2025. 304 Seiten.