Nr. 08/2009 vom 19.02.2009

Filmen im Dazwischen

Heute sind schwule und lesbische Inhalte verbreiteter Bestandteil sämtlicher Kinoformate. Queere Filme sind immer noch die Ausnahme. Darunter gibt es wegweisende Beispiele.

Von Martin Büsser

Nach seinem homoerotischen Drama «The Graffiti Artist» (2004) hat James Bolton erneut einen Film gedreht, der von einem unglücklichen Coming-out in schwulenfeindlichem Milieu handelt. Im Stil von Gus Van Sants «Elephant» beginnt sein neuer Film mit Bildern von vorbeiziehenden Wolken und mit Kamerafahrten über Alleen. Idyll wird hier jedoch nur vorgetäuscht, um umso wirksamer damit brechen zu können. Kein Wunder, denn «Dream Boy» (2008) spielt in den US-amerikanischen Südstaaten während der fünfziger Jahre. Der fünfzehnjährige Nathan verliebt sich in den zwei Jahre älteren Nachbarsjungen Roy. Vom eigenen Vater seit Jahren sexuell missbraucht, sucht Nathan Zuflucht bei Roy und dessen Clique. Als diese jedoch etwas vom Verhältnis zwischen den beiden Jungs erfährt, kommt es zu einem brutalen Übergriff, der an das Ende von «Boys Don’t Cry» (Kimberly Peirce, 1999) erinnert.

Schattenseiten der Community

«Dream Boy» ist gelungenes Independent-Kino und dennoch einem Mainstream-Film wie «Brokeback Mountain» inhaltlich näher als jenen Filmen, die einmal mit der Bezeichnung «New Queer Cinema» versehen wurden. Das New Queer Cinema selbst, so scheint es, gehört längst der Vergangenheit an. Mehr als fünfzehn Jahre ist es her, dass dieser Begriff geprägt wurde, nachdem 1991 und 1992 eine bislang nie da gewesene Fülle an formal und inhaltlich radikalen Filmen mit queerem Inhalt die Festivals von Sundance und Toronto bestimmte. Innerhalb von nur zwei Jahren entstanden die frühen Schlüsselwerke von Gus Van Sant («My Own Private Idaho», 1991), Todd Haynes («Poison», 1991), Gregg Araki («The Living End», 1992) und Bruce LaBruce («No Skin Off My Ass», 1991). Neu an dieser Form des queeren Kinos war, dass nicht mehr die Diskriminierung durch eine heteronormative Aussenwelt im Mittelpunkt stand - im Gegenteil, diese Aussenwelt kam in den meisten Filmen gar nicht mehr vor.

Ebenfalls neu und für viele Schwule anfangs schockierend war zudem, dass diese Filme keine heile Parallelwelt mehr konstruierten, sondern auch «evil guys» innerhalb der eigenen Community zuliessen. Wobei einige Filme sogar die Frage aufwarfen, ob es eine solche in sich geschlossene Community überhaupt je gegeben habe. «Queer» in Abgrenzung zu «gay» bedeutete hier also erst einmal nicht den totalen Bruch mit sexuellen Identitätszuweisungen, sondern die Diversität, mit der schwule und (seltener) lesbische Lebensentwürfe in ein neues Licht gerückt wurden. Und zwar mit allen nur denkbaren Ambivalenzen und Schattenseiten, von schwulen Skinheads bei Bruce LaBruce bis zu schwulen Kindermördern in Tim Kalins «Swoon» (1992).

Ausgeblendete Aussenwelt

Fast alle Regisseure aus dieser Zeit sind heute noch als Filmemacher aktiv. Ausser bei Bruce LaBruce stehen queere Themen inzwischen jedoch nicht mehr notwendig im Mittelpunkt ihrer Filme, sondern sind oft nur noch Subtext wie im Fall von Haynes Dylan-Hommage «I’m Not There» (2007): Die ständige Transformation von Identität kann zwar queer interpretiert werden, lässt aber auch eine heteronormative Lesart zu. Ähnliches gilt für Gus Van Sants «Paranoid Park» (2007), wo die Kamera zwar genüsslich das Gesicht und den Körper des jungen Protagonisten umkreist, der Film aber komplett in einem heterosexuellen Milieu angesiedelt ist.

Doch der «Spirit of 1992» lebt weiter in narrativ komplexen, formal experimentellen Filmen junger Regisseure wie Jonathan Caouette («Tarnation», 2004) und Cam Archer («Wild Tigers I Have Known», 2007), beides Ko-Produktionen von Gus Van Sant. Diese sind allerdings Nischenkino, während sich jüngere Filme wie «Dream Boy» oder «XXY» (2007), das Debüt der argentinischen Regisseurin Lucia Puenzo, auch an ein heterosexuelles Publikum richten. Gerade deshalb können sie Homophobie gar nicht ausblenden.

Auf den ersten Blick scheint es, als habe es den Befreiungsschlag des New Queer Cinema nie gegeben. Die einst erkämpfte Freiheit ist noch lange nicht selbstverständlich. Das macht einen Film wie «Dream Boy» jedoch keineswegs reaktionär. Er wiederholt auch nicht den Fehler von «Boys Don’t Cry», Homophobie ins White-Trash-Milieu auszulagern und so auf eine reine Schicht- oder Bildungsfrage zu reduzieren. «Dream Boy» spielt zwar in den fünfziger Jahren, richtet sich aber eindeutig an die Gegenwart und korrigiert die einstige Selbstsicherheit des «New Queer Cinema», die Aussenwelt ausblenden zu können. Das war zwar ein strategisch wichtiger Schritt, um Autonomie zu erlangen und den ständigen Legitimationszwang zu überwinden - er ignorierte aber die gesellschaftliche Wirklichkeit. So erreichte das New Queer Cinema letztlich nur ein intellektuelles Spezialpublikum und brachte wider Willen sein dialektisches Gegenstück hervor, das schwule Feel-good-Movie, in dem die homophobe Aussenwelt ebenfalls ausgeblendet, genauer gesagt von permanenter Partylaune überblendet wird.

Impulse aus Argentinien

Queer Cinema hat sich ausdifferenziert, reicht von künstlerischen Experimentalfilmen bis zu Soaps wie «Queer as Folk». Schwule Inhalte sind normaler Bestandteil sämtlicher Kinoformate geworden, doch leider meist ohne dass starre sexuelle Identitätszuweisungen hinterfragt werden, wie es von der «queer theory» proklamiert wird. «XXY» ist da anders. Die auf Normativität bestehende Aussenwelt ist im Film von Anfang an präsent, in Gestalt eines Schönheitschirurgen, der zu einer befreundeten Familie nach Uruguay reist, um über die Operation der fünfzehnjährigen Alex zu beratschlagen. Die Regisseurin nutzt das Motiv der Intersexualität, um weit über herkömmliche queere Filme hinaus klarzumachen, dass es auch ein Recht auf offene sexuelle Identität gibt, die weder an ein binäres Geschlechtermodell noch an Zuweisungen wie «schwul/lesbisch» oder «bi» gebunden sein muss. Alex will weder Mann noch Frau sein, sondern genau jenes Dazwischen, das im pragmatischen Weltbild des Chirurgen keinen Platz findet. Für ihre Umwelt stellt Intersexualität eine Krankheit dar, für Alex ist sie eine Bereicherung. So gesehen liest sich «XXY» auch als Ratschlag an das queere Kino, es sich weder in cineastischen Nischen bequem zu machen noch starren schwul-lesbischen Identitätsmodellen zu erliegen.

Auch «Glue» (2006) von Alexis dos Santos kommt ohne sexuelle Zuweisungen aus. Die beiden männlichen Protagonisten verlieben sich zwar in dasselbe Mädchen, küssen sich aber auch untereinander, ohne dass die Frage danach, ob dies schwul sein könne, thematisiert wird. Auch «Glue» stammt aus Argentinien, einem Land, das zwar eine starke Machokultur hat, seit einigen Jahren allerdings auch einen Demokratisierungsprozess erlebt. Beides spiegelt sich in solchen Filmen wider. Das Queer Cinema wird wohl auch in Zukunft vor allem aus jenen Ländern neue Impulse erhalten, in denen noch nicht das Gefühl herrscht, dass zum Thema dank allgemeiner Toleranz schon alles gesagt ist.

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