«Il Gattopardo»: Bleibt alles anders

Nr. 49 –

Sizilianische Adlige auf dem absteigenden Ast? Haben mehr mit uns zu tun, als uns lieb sein kann. 2025 ist das Jahr von «Il Gattopardo». Das Zürcher Schauspielhaus läuft dabei Netflix den Rang ab.

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Bühnenfoto des Theaterstück «Gattopardo»
Löchrige Kulissen im Palazzo: Der «Gattopardo» im Zürcher Schiffbau lässt Gewissheiten zerbröseln und alte Hierarchien kippen. Foto: Krafft Angerer

Als «Il Gattopardo» 1958 im legendären linken Mailänder Verlagshaus Feltrinelli herauskam, war der Autor bereits tot. Giuseppe Tomasi di Lampedusa starb ein Jahr zuvor, ohne zu erfahren, ob sein erster und einziger Roman je veröffentlicht werden würde; zu Lebzeiten hatte er lauter Absagen kassiert.

Angesiedelt im Sizilien des 19. Jahrhunderts, erzählt «Il Gattopardo» die Gründungsgeschichte Italiens lakonisch und kenntnisreich aus der Warte der charismatischen, aber wenig sympathischen adligen Absteiger:innen. Die Hauptfigur, «il principe», der Fürst von Salina, versucht, die Neuordnung Italiens – das sogenannte Risorgimento – zwar nach Kräften mitzuprägen, fühlt sich aber doch immer fremder in der eigenen Gegenwart. Die Ablösung der alten ausbeuterischen und arroganten feudalen Elite durch eine neue, oft korrupte und mafiöse Klasse von Neureichen und Opportunistinnen erlebt er hautnah in der eigenen Familie mit. Der Roman, bald ein literarischer Welterfolg, trägt zudem autobiografische Züge. Der Autor war selber ein Abkömmling des sizilianischen Adels. Sein Stoff schaukelt elegant zwischen akuter Melancholie über die eigene Vergänglichkeit, Ironie und dem halsstarrigen Aufbäumen alter Grösse.

Wir sind mitgemeint

Warum gerade dieser Stoff jetzt? Ist der etwas saloppe Gedanke einmal gefasst, lässt er sich nicht mehr wegschieben: Passt doch alles überraschend gut auf uns Mitteleuropäer:innen im neuen Jahrtausend. Die allermeisten von uns sind zwar ohne Adelstitel, aber ähnlich grundlos privilegiert aufgewachsen; durch Geburt begünstigt und behütet im Wohlstand der Nachkriegszeit. Heute sehen wir viele sicher geglaubte Stellungen wanken, Gewissheiten zerbröseln, alte Hierarchien kippen. Der eigene gefühlte Einfluss und Zugriff auf die Welt schwindet. In den Auslagen des Buchhandels liegt der Titel «Die Welt nach dem Westen».

Und noch etwas deutet auf eine Verwandtschaft der alten Leoparden mit der Gegenwart: 2025 legte Feltrinelli den Roman neu auf, der Streamingriese Netflix produzierte «Il Gattopardo» als aufwendigen Sechsteiler, und am Zürcher Schauspielhaus hat Ko-Intendantin Pınar Karabulut gerade eine neue, opulent inszenierte Theaterfassung des Stoffs aufgeführt.

Dass wir mitgemeint sind in diesem Familienepos um Liebe, Verrat und Tod, das zum Abbild historischer Umbrüche und Verwerfungen wird, macht im Schiffbau bereits die Theaterarchitektur klar. Der weite Weg zu unseren Sitzplätzen führt durch den schlichtweg genialen, verschachtelten Bühnenraum von Michela Flück. Noch bevors richtig losgeht, mischt sich so das Publikum unter das bereits parat stehende Ensemble. Wir werden zu Statist:innen inmitten der abgeschabten und löchrigen Kulissen des sizilianischen Palazzos, blicken verdutzt auf Requisiten wie Austernplatten und Zitronentörtchen aus Plastik.

Ein weiteres Verdienst der Inszenierung von Karabulut: Sie bleibt sehr nahe am Romantext. Das geht so weit, dass sie das Ableben des alten Fürsten in voller Kapitellänge, Wort für Wort, nachspielen lässt. Die Szene vergisst man nicht so schnell. Der Schauspieler Markus Scheumann zieht ganz unaufdringlich alle Register seines Könnens, changiert zwischen kühl-analytischer Erzählstimme und hilflos sterbendem Ich. Nachdem er sich zuerst nochmals das Rasierzeug bringen lassen will, nimmt er, ganz abgeklärt, das eigene Ende vorweg: Sein Leichnam werde ja dann eh noch rasiert und gewaschen. Derlei Gleichmut über den Abgrund des eigenen Todes hinaus wechselt sich ab mit einem beinahe kindlichen Staunen darüber, wie das Leben «in tobenden Sturzwellen» aus ihm herausströme – und ein paar spitzen Aperçus.

Die feinen Unterschiede

All die Jahre zuvor hat der alternde Aristokrat mit viel Pragmatismus versucht, sein sizilianisches Fürstentum möglichst vorteilhaft in das frisch vereinte Italien einzugliedern: indem er die neue konstitutionelle Monarchie zwar pro forma unterstützte, aber ohne seine Privilegien aufzugeben. Das passende Leitmotiv – «Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern» – gibt ihm sein geliebter Ziehsohn Tancredi mit auf den Weg. Der ist ein Abkömmling verarmter Adliger und schliesst sich verschiedenen Aufständischen an, um sich am Ende bequem ins neue Machtgefüge einzufädeln. Dabei helfen ihm seine flexiblen Allianzen genauso wie die vom Fürst geförderte Ehe mit der Tochter eines reichen Parvenüs.

In der visuell sehr treffsicheren Zürcher Inszenierung sehen sich dieser Emporkömmling aus der Provinz und der Fürst aus dem alten Bourbonengeschlecht sehr ähnlich. Was sie trennt, sind die kleinen, wirkmächtigen Unterschiede in Kleidung, Benehmen, Habitus. Doch mit der Vermählung der nächsten Generation verschwinden diese feinen Trennlinien. Tancredi und Angelica tanzen in perfekt aufeinander abgestimmten Kostümen – irgendwo zwischen erotischer Exzentrik, Chappell Roan und dem Trompe-l’Œil des Bühnenbilds – ins neue bürgerliche Zeitalter. Dieses hat viel von der alten aristokratischen Ordnung aufgesogen. Deren Akteure bleiben dabei auf der Strecke, und auch die Kirche als treue Stütze des feudalen Systems ist vor allem Alibi und Lachnummer: «Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.»

Rolex und Goldbarren

Das übertrifft bei weitem die Erkenntnisse, die die neue Netflix-Adaption von «Il Gattopardo» bereithält. Die Serie unternimmt eine sehr freie, aber leider auch etwas plumpe Aktualisierung und stellt dafür die junge Tochter des Fürsten ins Zentrum: Diese Concetta, auch sie schwer verliebt in Tancredi, darf bei Netflix als angehende Nonne einen kritischen, vor allem aber auffallend prüden Blick auf das moralische Zwielicht des alten Fürsten werfen. Die staubtrockenen letzten Worte der ergrauten Concetta in der Zürcher Inszenierung fallen da um einiges zynischer aus.

Und wie schlägt sich die gut dreistündige Theaterfassung, gemessen an der ebenso langen, übermächtigen «Gattopardo»-Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1963? Die strahlenden, ikonischen Verkörperungen von Burt Lancaster als Fürst, Claudia Cardinale als Angelica und Alain Delon als Tancredi liessen die sprachlichen Raffinessen des Romans etwas verblassen. Und obwohl er politisch das Heu sicher nicht auf derselben Bühne hatte wie der stolze adlige «Leopard», imprägnierte Visconti den Stoff mit erstaunlich viel Nostalgie und Untergangspathos. Die Zürcher Inszenierung von Pınar Karabulut zeichnet dagegen aus, dass sie den frischen, lakonischen Tonfall des Romans zurückholt.

Und sie richtet ihr Augenmerk nochmals auf alle Facetten der geschilderten Zeitenwende: etwa auf die Stellung von Sizilien als Bastion des Feudalismus im Europa der Aufklärung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, wie im Programmheft nachzulesen ist; und auf eine denkwürdige Rede des Fürsten zur neuen bürgerlichen Ordnung. Um in der Politik voranzukommen, brauche man «jetzt, wo der Name weniger zählt», Geld «in grossen Mengen». Mit Blick auf die immer offener zutage tretende Oligarchie in Washington und die Schweizer Delegation der Superreichen mit Rolex und Goldbarren im Handgepäck dürfen wir uns auch von diesem Satz sehr direkt angesprochen fühlen. Und müssen uns zugleich fragen, welche Werte – anstelle der demokratisch untauglichen wie Namen und Geld – denn zu stärken wären.

Dabei lohnt sich auch der Blick zurück auf die hitzigen Diskussionen direkt nach Erscheinen des Romans «Il Gattopardo». Damals wurde Literatur noch ganz selbstverständlich als politische Grösse und Intervention wahrgenommen. Man stritt erbittert um sie, investierte Zeit in möglichst geistreiche Deutungen und Verrisse, bis in höchste politische Kreise hinein. Dagegen nehmen sich zu viele der heutigen «Kulturkämpfe» wie mattes Schattenboxen aus.

«Il Gattopardo» in: Zürich, Schauspielhaus (Schiffbau), bis Februar 2026. Spieltermine siehe schauspielhaus.ch.