Theater: Jungfrau für alles
Jeanne d’Arc bleibt als Mythos auch heute fast beliebig anschlussfähig – diesen Herbst auf mehreren Bühnen in der Schweiz.
Egal wohin man blickt: 600 Jahre nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen ist die Jungfrau von Orleans fast allgegenwärtig. Besonders die Popkultur hat die Figur für sich entdeckt. Chappell Roan etwa trat an den Video Music Awards 2024 inspiriert von Jeanne d’Arc auf. Die queere Popmusikerin setzte in Rüstung mit einem brennenden Pfeil das Bühnenschloss in Flammen. Regisseur Baz Luhrmann, bekannt für «Romeo + Juliet» und «The Great Gatsby», bereitet derzeit einen Film über Jeanne d’Arc vor, mit dem er sich in die lange Geschichte von filmischen Adaptionen des Stoffes einschreiben wird. Bereits um die Jahrtausendwende hatte Arina Tanemura in ihrem Manga «Kamikaze Kaito Jeanne» den Mythos ein gutes Stück weitergesponnen: Eine tagsüber durchschnittliche Jugendliche verwandelt sich nachts in eine Reinkarnation Jeanne d’Arcs, um Dämonen aus Gemälden zu verjagen.
Doch nicht nur in der Popkultur hat die Jungfrau von Orleans ihren festen Platz. Gerade über die Stücke etwa von Friedrich Schiller und Bertolt Brecht findet der Stoff noch immer regelmässig seinen Weg auf die Theaterbühnen – diesen Herbst gleich mehrfach in der Schweiz.
Aus der historischen Distanz betrachtet, ist das Leben der Jeanne d’Arc eine Geschichte voll unglaublicher Wendungen. Die in Lothringen aufgewachsene Jugendliche hatte religiöse Visionen. Diese führten sie bis an den Hof des französischen Thronfolgers, wo sie dann tatsächlich Gehör fand. In Männerkleidung zog sie in die Schlacht um Orleans, wo sie den Verlauf des Hundertjährigen Krieges zugunsten Frankreichs beeinflusst haben soll. Später wurde sie gefangen genommen und in einem Inquisitionsprozess in Rouen wegen Häresie zum Tode verurteilt.
Inspiriert von einer Leerstelle
Die Geschichte einer jungen, mutmasslich ungebildeten Frau, die es bis an den französischen Hof schaffte, bevor man sie schliesslich auf dem Scheiterhaufen verbrannte, wäre an sich schon eindrücklich genug. Doch mit ihrer Hinrichtung war der Fall nicht abgeschlossen. Posthum wurde Jeanne d’Arc in einem zweiten Prozess einige Jahre später rehabilitiert und dann Anfang des 20. Jahrhunderts von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Nur weil die Akten der beiden Prozesse erhalten geblieben sind, wissen wir so viel über das Leben von Jeanne d’Arc.
Diese Biografie beziehungsweise deren künstlerische Adaptionen bilden den Ausgangspunkt für gleich drei aktuelle, sehr unterschiedliche Theaterproduktionen in der Schweiz. Den Anfang machte «Are You Ready to Die?» am Schauspielhaus Zürich, inspiriert von einer Leerstelle in Schillers Drama «Die Jungfrau von Orleans». Bei diesem endet die Protagonistin nicht im Gefängnis beziehungsweise auf dem Scheiterhaufen, sondern stirbt als Heldin auf dem Schlachtfeld – da hakt Regisseurin Marie Schleef mit ihrer Inszenierung ein. Bei ihr sitzt Johanna in der Zelle und wartet auf ihre Exekution. Fast ohne Worte und vor allem mit Darsteller:innen, die sich konsequent in Zeitlupe bewegen, zieht sich die Zeit schier unerträglich in die Länge. Damit macht Marie Schleef diese eindrücklich zum Thema.
Die Reduktion auf das, was bei Schiller ausgespart bleibt, ist originell: Letztlich ist alles, was ein Text nicht thematisiert, ein potenzieller Anknüpfungspunkt. Eine weitere Ebene bildet in «Are You Ready to Die?» das kulturelle Nachleben der Jeanne d’Arc – etwa in einem Intermezzo um eine Gruppe von Tourist:innen, die Johannas Zelle erkunden. Hier reflektiert das Stück auch, wie Jeanne d’Arc zum Objekt in einem Aneignungsprozess wurde, zu einer Chiffre im kulturellen Gedächtnis.
Demgegenüber wird sich die Inszenierung von «Die heilige Johanna der Schlachthöfe», die im November an den Bühnen Bern zur Premiere kommt, weitgehend an den Text von Bertolt Brecht halten. Brecht hat die mittelalterliche Figur ins Chicago der Weltwirtschaftskrise verlegt, wo sie sich als Johanna Dark für die Arbeiter:innen einsetzt, aber letztlich scheitert. In ihrer Berner Inszenierung möchte Regisseurin Camilla Dania gemäss Ankündigung den Widerstand in kapitalistischen Systemen thematisieren und die Frage aufwerfen, «wie Revolution heute möglich ist, wenn selbst die Kritiker:innen zu Spielfiguren des Systems werden, gegen das sie kämpfen».
Ebenfalls im November wird «Jeanne Dark» am Theater Basel Premiere feiern. Das Stück, das sich derzeit noch in Erarbeitung befindet, hatte schon im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt, weil das Theater nach Anorexiepatient:innen für die Inszenierung gesucht hatte. Gemäss Theater sind an den Proben tatsächlich auch zwei Laienschauspielerinnen beteiligt, die Erfahrungen mit Essstörungen haben. Doch «Jeanne Dark» soll kein Stück über diese sein, sondern eine Auseinandersetzung mit Jeanne d’Arc. Die belgische Regisseurin Lies Pauwels lehnt sich dabei nicht an ein bestehendes Drama an. Sie möchte ausgehend von der historischen Figur sowie dem Fortleben des Mythos Jeanne d’Arc verschiedene Auseinandersetzungen mit der Figur aufgreifen, diese mit verschiedenen Referenzen, die von Peter Pan bis C. G. Jung reichen, aktualisieren und Widersprüche im Menschen ausloten, wie Regisseurin und Dramaturgin erzählen.
«Sprechende Leiche»
Selbst wenn ihr Leben durch die beiden Prozesse relativ gut dokumentiert ist: Aufgrund der historischen Distanz lässt sich weiterhin viel über Jeanne d’Arc spekulieren. Und weil in ihrer Geschichte diverse Aspekte aufeinandertreffen – die Religion, die Monarchie, die Nation, der Krieg –, bleibt die Figur bis heute anschlussfähig für eine Vielfalt künstlerischer Interventionen, aber auch für eine Vielzahl teils gegensätzlicher Interessen.
Besonders ihr Status als Einzelkämpferin, die der Obrigkeit gegenüber unbeugsam für ihr Anliegen einstand, ist kompatibel mit unterschiedlichsten Bewegungen. So konnte Jeanne d’Arc von der französischen Rechtsextremen als Nationalheilige genauso vereinnahmt werden, wie sie heute mitunter als Idol in queeren Bewegungen interpretiert wird, als Kämpferin, die sich gegen heteronormative Strukturen auflehnt. Jeanne d’Arc ist also nicht nur göttliches Medium und Symbol jungfräulicher Reinheit, nicht nur Mystikerin, Märtyrerin und Heilige: Sie kann auch Nationalistin sein, antikapitalistische Kämpferin oder auch, unter anderem wegen ihres Crossdressings, queere Identifikationsfigur.
Ganz im Sinne von Roland Barthes’ «Mythen des Alltags» wird die historische Jeanne d’Arc so zusehends von ihrem Mythos überlagert und in den Hintergrund gerückt. Als entleerte Form lässt sie sich fast beliebig mit ideologischen Inhalten aufladen: Im Mythos wird die historische Figur, so formuliert es Barthes, zur «sprechenden Leiche». Von der mittelalterlichen Person Jeanne d’Arc bleibt in der Gegenwart oft nur ein mythischer Abdruck, wahlweise mit wallender Mähne oder Bobfrisur und in Rüstung. Und dieser Stempel lässt sich einer Vielzahl gesellschaftlicher Anliegen aufdrücken und kulturell verwerten.
Kaum vorstellbar, dass dieser Mythos je auserzählt sein wird. Doch je mehr er aktualisiert und weiterentwickelt wird, desto blasser werden die Konturen der geschichtlichen Figur. Wenn das idealistische Bauernmädchen aus dem 15. Jahrhundert zur queeren Ikone, zur Galionsfigur für Monarchist:innen oder sogar zur Dämonenjägerin in einem Manga werden kann: Was bedeutet Jeanne d’Arc noch, wenn sie alles bedeuten kann?
«Are You Ready to Die?». Schauspielhaus Zürich, Schiffbau Box, bis 3. November 2025.
«Jeanne Dark». Theater Basel, ab 13. November 2025.
«Die heilige Johanna der Schlachthöfe». Bühnen Bern, ab 22. November 2025.