Maschinensturm KI (2): Jenseits der Rendite lockt die Macht
Nur schrecklich reich werden genügt nicht mehr. Worauf es die Techindustrie mit ihrem Vermögen eigentlich angelegt hat.
Rückblickend muss man zugeben, dass Dagobert Duck – die reichste Ente der Welt, zumindest im Disney-Universum – ein ziemlich sympathischer Typ war. Vielleicht etwas jähzornig, eine Spur skrupellos und enorm egoistisch, aber eines sprach doch für ihn: Er wollte einfach nur schrecklich reich werden, mehr nicht.
Diese Tugend ist rar geworden. Acht der zehn reichsten Tiere auf der Erde sind heute Männer aus der Techindustrie. Das Vermögen von Elon Musk oder Mark Zuckerberg entspricht dem Bruttoinlandprodukt von Ländern wie Finnland und Algerien. Aber das reicht ihnen nicht. Sie wollen obendrein noch ganze Planeten, übermenschliche Kräfte, Unsterblichkeit und auch so etwas wie Staatlichkeit als Privatbesitz. Onkel Dagoberts Wunsch, ein Bad in Golddukaten zu nehmen, nimmt sich dagegen bescheiden aus.
Wie bestimmen wir aber den Unterschied zwischen Bilderbuchkapitalisten und dem Akkumulationsregime der Gegenwart genauer? Es ist gar nicht so leicht, die neuste Gestalt des Geldmachens auf den Begriff zu bringen. Neufeudalismus, Datenkolonialismus, Turbokapitalismus und Oligarchie werden von unterschiedlichen Beobachter:innen in den Raum gestellt. Wenn das alles ein Körnchen Wahrheit enthalten soll, dann haben wir es wohl vor allem mit einer neuen Formation zu tun, die es überhaupt erst zu verstehen gilt.
Freipass für alles
Schauen wir zunächst auf einige der Strategien des Silicon Valley, bevor wir dafür welthistorische Etiketten finden. Was stellen die Techmilliardäre überhaupt mit dem Geld an, in dem sie schwimmen? Peter Thiel finanziert neben etlichen Lebensverlängerungsfirmen eine wachsende Zahl von Organisationen, die Freistaaten ausserhalb nationaler Jurisdiktionen gründen wollen. Dem Unternehmer Balaji Srinivasan zufolge, der mit seinem Buch «The Network State. How to Start a New Country» das Manifest dieser Bewegung verfasst hat, gehe es darum, der «Diskriminierung» zu entkommen, die die Techbranche von staatlicher Seite erfahre.
Elon Musk investiert nebst seinem Raumfahrt-Engagement in Neuralink, eine Firma, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen mittels Chipimplantation mit künstlicher Intelligenz zu verschmelzen. Im Sommer 2025 bewarb Neuralink Anwendungen wie telepathisches Tippen oder gedankliches Fernsteuern eines Tesla-Roboters. Angesichts der schwierigen Genehmigungsverfahren für ethisch fragwürdige Experimente mit menschlichen Gehirnen sind da Freistaaten ausgesprochen attraktiv. Einige der bereits existierenden Enklaven, wie Próspera in Honduras, machen es zu ihrem Aushängeschild, über keinerlei Regularien für medizinische Versuche zu verfügen. Freie Fahrt für Tierversuche an Menschen.
Aber es geht der Techindustrie nicht nur um Atolle jenseits der etablierten Ordnung. Ihre Plattformen strukturieren bereits die bestehenden Gesellschaften: Wir kaufen Mobilität bei Uber und alles andere über Amazon. Diejenigen, die mit Blick auf die Techindustrie von feudalen Strukturen sprechen, weisen darauf hin, dass die Plattformen ihr Geld nicht mit Waren machen, sondern mit Abhängigkeiten. Dass wir Dienste vermeintlich umsonst in Anspruch nehmen, aber unsere kostbaren Daten auf der Plattform hinterlassen, entspricht ein wenig den Verhältnissen, in denen eine Leibeigene auf adligem Hoheitsgebiet drei Tage für den Gutsherrn und drei Tage für sich selbst ackert. Aber da hört die Analogie auch auf. Schliesslich wird in der Techindustrie nicht ererbtes Lehen verwaltet, sondern Kapital reinvestiert. Auch wenn es sich um hochvolatiles, durch Unsummen von Krediten ergänztes Risikokapital handelt: Die Wette auf die gewinnträchtigere Zukunft ist dabei die gleiche, die auch der Unternehmer mit Schottenrock und Entenschnabel anstellt.
Wenn die Blase platzt
Aber geht es da, wo am meisten investiert wird, tatsächlich noch um Rendite? Das neue Herz der Techindustrie ist die auf grossen Sprachmodellen basierende künstliche Intelligenz. Auf den ersten Blick könnte man KI durchaus für ein Erfolgsprodukt halten. 2024 haben KI-Start-ups hundert Milliarden US-Dollar an Investitionen angezogen. Die Firma Nvidia, die die Mikrochips produziert, auf denen KI läuft, hat im Oktober 2025 eine unfassbare Notierung von fünf Billionen Dollar Börsenwert erzielt. Und die neue Technologie ist aus keinem der kühnen Träume des Silicon Valley mehr wegzudenken. Sie operiert in Neuralinks Telepathieprodukten ebenso wie in Srinivasans Freistaaten, deren Rechtsprechung er an maschinelle Richter:innen übertragen will.
Zugleich bleibt unklar, wie KI überhaupt Geld machen soll. Open AI, die Firma hinter Chat GPT, verbuchte im vergangenen Jahr Verluste in Höhe von fünf Milliarden Dollar. Und es ist auch nicht nur eine Frage von Anschubfinanzierung. Die Datenzentren, die Regierungen überall auf der Welt in frenetischem Tempo bauen lassen, werden anders als Eisenbahnschienen keine langjährigen Dienste tun. Die Chips, die KI antreiben, nutzen sich schnell ab und müssen zu horrenden Kosten ersetzt werden. Und KI ist so fehleranfällig, dass die Firmen, die sie nutzen, Zusatzkosten für menschliche Korrektur veranschlagen müssen. Verzweifelt auf der Suche nach zahlenden Kunden, hat Open AI kürzlich angekündigt, bald Erotikversionen von Chat GPT zu veröffentlichen.
Wenn also die Unsummen, die in KI investiert werden, ein Anzeichen sein sollen, dass wir noch mitten im kapitalistischen System stecken, haben dann einfach alle Onkel Dagoberts der Welt den Kopf verloren und aufs falsche Pferd gesetzt? Wird sie das zu Fall bringen, wenn die KI-Blase platzt, was in letzter Zeit immer dringlicher prophezeit wird?
War das ein Coup?
Auch wenn Firmen in Konkurs gehen sollten, wird der immense Privatbesitz der Gründer und CEOs unangetastet bleiben. Und etwas anderes bleibt ebenfalls bestehen: die datenbasierten Infrastrukturen, von denen so alltägliche Dinge wie ein Weihnachtsgeschenkeeinkauf oder Wohngeldauszahlung und so ungeheure Dinge wie über Satelliten gesteuerte Militärschläge abhängig sind. Diese Abhängigkeit schafft Macht. Und Macht ist, was zu akkumulieren auch dann noch reizt, wenn das Schwimmen im Geld langweilig werden sollte.
Wir müssen die Form dieser Macht genauer unter die Lupe nehmen, um das Ausmass dessen zu verstehen, was gerade mit dem Betriebssystem der Politik passiert. Keine Firma steht so für die Machtakkumulation wie der Datenspezialist Palantir. Das von Peter Thiel mitgegründete US-Unternehmen bietet Datenanalysetools an, die von verschiedenen Behörden weltweit genutzt werden, darunter auch die deutsche Polizei. Im Sommer unterzeichnete Palantir einen Zehn-Milliarden-Dollar-Vertrag mit der US-Armee und hat sich damit effektiv in den Staatsapparat eingeklinkt.
Moderne Demokratien basieren auf einem Gesellschaftsvertrag, der das Monopol auf Gewalt an eine Staatsmacht abtritt, die demokratisch kontrolliert wird, die Grundrechte ihrer Bürger:innen wahrt und das Eigentum schützt. Wo private Unternehmen die Verwaltungs- und Regierungsinstrumente besitzen, endet jede demokratische Kontrolle. Aber noch frappierender ist, dass damit auch der Staat selbst endet. Er ist nicht mehr souverän, weil er für die Durchsetzung seiner Anweisungen auf die Kooperation der Techfirmen angewiesen ist. Souveränität gibt es dann nur noch von Plattformgnaden.
Als Elon Musks Ingenieurstrupp Anfang Jahr vorübergehend diverse US-Ministerien übernahm, war in den Medien vorsichtig von einem Coup die Rede. Aber so ganz verfing das nicht. Denn bei einem Coup denken wir an Strassenkampf und paramilitärische Einheiten. Die braucht aber nur, wer den Staatsapparat erst noch einnehmen muss. Das ist auch der Techindustrie noch nicht vollkommen gelungen, aber eins besitzt sie schon und baut sie unermüdlich weiter: Parasouveränität.