Ein Traum der Welt: Ein Kino eröffnen

Nr. 2 –

Annette Hug sieht Khartum vor dem Krieg

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Eine junge Frau steht auf einem Auto, sie ist in ein weisses Tuch gehüllt. Auf Arabisch rezitiert sie ein Gedicht und wird gefilmt, das Video verbreitet sich viral. Alaa Salah wurde in internationalen Medien zum Symbol der Revolution, die 2019 den sudanesischen Diktator Umar al-Baschir zum Rücktritt zwang. Ihr weisses Kleid war ein Kostüm, es erinnerte an die Kandaka, Königinnen antiker Reiche am Oberlauf des Nils. Die Physikerin Nisreen Elsaim, im Frühling 2019 ebenfalls Demonstrantin in Khartum, kommentierte das Medienphänomen für «Voice of America»: «Manchmal ist jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der richtigen Kamera.»

Während dreissig Jahren war Filmen im Sudan aber verboten. Die islamistische Militärdiktatur kontrollierte öffentliche und private Medien. Das war mir nicht bewusst, als mir während des Darfurkriegs die Abwesenheit von Bildern zu schaffen machte. Irgendwann zwischen 2003 und 2007 begann ich, Sätze aus Zeitungen auszuschneiden und auf eine Karte des Sudan mit seinen Grenzregionen zu kleben. Auch mit Satellitenbildern auf Google Earth versuchte ich mich zwischen Nil und Rotem Meer, al-Faschir in Darfur und Juba im seither unabhängigen Südsudan zu orientieren. Schon damals hörte man wie einen Refrain den Satz, dass eine der grössten Katastrophen viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalte.

Die französisch-tunesische Regisseurin Hind Meddeb geht in einem von Univers Ciné geführten Videointerview auf die Konsequenzen von Baschirs Bilderverbot ein. Als sie mithilfe sudanesischer Freund:innen 2019 nach Khartum reiste und dort inmitten der studentischen Demonstrationen filmte, erlebte sie eine überschäumende Festfreude. Dazu gehörten Wandbilder, Gedichte und Lieder. Eine unerhörte Lust am Selberfilmen und Rezitieren brach sich Bahn. Das ist im Film «Soudan, souviens-toi» (Sudan, erinnere dich) zu erleben, der 2025 am Zürcher Filmfestival lief. Er hält Szenen aus den Jahren 2019 bis 2023 wach, während heute verfeindete Armeefraktionen den Sudan zu zerstören drohen. Gruppen, die sich während der demokratischen Revolution gebildet haben, bleiben als zivile Hilfskomitees aktiv.

Der sudanesische Regisseur Suhaib Gasmelbari hat ebenfalls in den kurzen Jahren der Hoffnung gedreht. 2019 begleitete er vier Altmeister des sudanesischen Films beim Versuch, ein zerfallendes Kino in Omdurman, der Zwillingsstadt von Khartum, in Betrieb zu nehmen. Ansonsten tourten sie als «Sudanese Film Group» in einem VW-Bus durchs Land, um auf tragbaren Leinwänden Filmklassiker zu zeigen. Vor Gasmelbaris Kamera spielten sie Lieblingsszenen nach, und der Regisseur schnitt Ausschnitte aus Werken hinein, die Ibrahim Shada und Suleiman Ibrahim vor 1989 realisiert hatten.

Gasmelbaris Film heisst «Talking about Trees», denn einer der Protagonisten zitiert Bertolt Brecht. Bewaffnete Verbrecher sorgen ein ums andere Mal dafür, dass einem das ­«Sprechen über Bäume» im Hals stecken bleibt. Ibrahim Shada erinnerte 2019 daran, dass es vor Baschir eine Zeit gab, in der sudanesische Kinos dank öffentlicher Unterstützung gute Filme zeigen konnten. In bezaubernder Eleganz weisselte er mit seinen Freunden eine gemauerte Leinwand für die Aufführung zur Wiedereröffnung. Dann blieb die Bewilligung aus, 2023 erreichte der Krieg auch Omdurman.

Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin in Zürich. Als Zeitungsleserin fand sie es jahrelang schwierig, sich ein Bild von den Ereignissen im Sudan zu machen.