Film: Unheimliche Täler

Nr. 2 –

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Filmstill aus «Nacktgeld»
«Nacktgeld». Regie: Thomas Imbach. Schweiz / Grossbritannien. Jetzt im Kino.

«Je vous désire», sagt der reiche Mann zur jungen Frau beim nächtlichen Waldspaziergang oberhalb von Sils Maria. Ob er noch mehr sagen müsse? Auf Wunsch des verschuldeten Vaters hat Lili (Deleila Piasko) ihn, den Kunsthändler Dorsday (Milan Peschel), um finanzielle Hilfe gebeten. Gewohnt, all seine Begehren für legitim zu halten, weiss dieser die Situation auszunutzen. Gerne entspreche er ihrem Wunsch, falls er sie im Gegenzug während fünfzehn Minuten – hier oder in ihrem Zimmer – nackt betrachten dürfe. Wie das Hotel, in dem die beiden residieren, wirken die Waldlichtung und das Tal im Hintergrund auf eine unwirkliche, beinahe unheimliche Weise unscharf. Als befinde man sich statt im Oberengadin der 1920er Jahre oder auf einem Filmset, wo dieses mit epochengetreu dekorierten Kulissen nachgebildet wurde, ganz woanders.

Es passt ja nicht schlecht, wenn Thomas Imbach für sein filmisches Experiment einer «Virtual Production», bei dem Kulissen und Statist:innen aus dem Computer live auf das Set projiziert werden, mit Arthur Schnitzlers «Fräulein Else» einen Text aus dem Dunstkreis Sigmund Freuds heranzieht. Der Zusammenhang zwischen Freuds Konzept des Unheimlichen und der Wirkung einer künstlichen Figur, die fast, aber eben nicht ganz lebensecht erscheint, ist das eine. Und ein Bildhintergrund, mit dem etwas nicht ganz stimmt, ist auch eine originelle Umsetzung des inneren Monologs als literarisches Mittel. Zumal Fräulein Else/Lili durch den männlichen Übergriff auf ihre körperliche Selbstbestimmung langsam der Realitätsbezug abhandenkommt.

Vielleicht liegt der leicht unangenehm überbordende Eindruck von «Nacktgeld» also in einer Art Doppelung des ästhetischen Effekts; gerade weil das Drehbuch Lilis innerem Monolog freien Lauf lässt. Experimente sind im Schweizer Film unbedingt zu begrüssen. Und Imbach demonstriert hier durchaus anschaulich, welches Potenzial die Technologie für Filme mit grossen Ambitionen und knappen Budgets bergen könnte. Aber eben auch, wo ihre Grenzen liegen.