Nr. 21/2021 vom 27.05.2021

Beton für die Stadt der Zäune

Die Kamera in der Quarantäne: Thomas Imbachs «Nemesis» ist ein grandioser Essayfilm über die Schweiz als Land der geschlossenen Türen. Sehr verspielt und lustig ist er auch.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Wie ein gefrässiger Saurier: 2013 wird der alte Zürcher Güterbahnhof abgerissen, um Platz für das neue Polizei- und Justizzentrum zu machen. Still: Okofilm Productions

Das neue Polizei- und Justizzentrum in Zürich (PJZ) ist noch nicht einmal offiziell eingeweiht worden, doch jetzt wird der blitzblanke Bau schon feierlich gesprengt, von Thomas Imbach. Er muss sich deswegen aber keine Sorgen machen, Imbach kommt straffrei davon. Sein Anschlag ist von der Kunstfreiheit gedeckt.

Über einen Zeitraum von fast sieben Jahren, von Mai 2013 bis Januar 2020, hat Imbach immer wieder aus dem Fenster seines Ateliers neben dem Gleisfeld gefilmt, so, wie er das früher schon bei seinem Film «Day Is Done» (2011) gemacht hatte. Damals lieferte der Blick nach draussen den Bilderbogen für eine schonungslose Selbstbefragung im Privaten, die Aussicht war gleichsam Kulisse für eine fiktionalisierte Innenschau. Jetzt, bei «Nemesis», steht die Kamera wieder unter Hausarrest, aber der filmische Horizont ist dennoch weiter geworden. Nur schon deshalb, weil der städtebauliche Umbruch, der sich diesmal vor Imbachs Atelierfenster ereignet, unausweichlich politisch ist.

Monster im Zeitraffer

Was sich hier im Verlauf der Jahre vollzieht, ist ein Epochenwechsel. Der alte Güterbahnhof, Zeitzeuge einer historisch gewordenen Schweiz, wird abgerissen, dann wird das Gelände planiert. Zwischenzeitlich darf sich noch etwas befristete Eventkultur breitmachen – und schliesslich wird auf dem wieder leer geräumten Areal eben dieser Law-and-Order-Palast hochgezogen, der jetzt, von der Hardbrücke aus gesehen, den vormals freien Blick auf die Alpen verstellt. Vom weltläufigen Knotenpunkt des offenen Güterumschlags zum Inbegriff der Abriegelung: Einst wurden hier Warenströme freigesetzt, bald werden nun Menschen eingesperrt.

Doch zuvor will schon das nackte Bauland gesichert sein, wie der Film zeigt: Da werden dann Bretterzäune montiert, um das Gelände abzuriegeln, Türen werden eigens aufgebaut und umständlich Schlösser angebracht. In dieser Montage vermeintlich profaner Handgriffe entwickelt «Nemesis» immer wieder eine satirische Schärfe, und dann erkennt man in diesem strikt begrenzten Areal auch eine Allegorie der Schweiz: Suisse Miniature, aber als Baugrund für ein Gefängnis. Und die erste Lektion in dieser Stadt der Zäune? Türen müssen immer abgeschlossen sein – selbst wenn dahinter gar nichts ist.

Wie Imbach zunächst aber den Abbruch dokumentiert, triggern seine Bilder erst einmal ganz kindliche Fantasien. Unweigerlich hat man «Serafin» vor Augen, den Bilderbuchklassiker von Philippe Fix, wo die beiden Hauptfiguren aus ihrem verwunschenen Traumhaus vertrieben werden, als eines Tages monströse Baumaschinen auffahren. Jetzt, in «Nemesis», hängen Teile des ausgeweideten Güterbahnhofs manchmal wie urzeitliche Skelette in der Luft, während die Bagger im Zeitraffer durch die Kulissen wildern wie gefrässige Saurier. Hin und wieder träumt sich der Regisseur auch ins magische Denken, wenn er den Film in Slow Motion zurückdreht und so die eingerissenen Gemäuer wie von Zauberhand langsam wieder auferstehen lässt, ein letztes Mal noch. Zeitraffer, Zeitlupe, die Rückgängigmachung des Geschehenen: Es sind die ältesten Spezialeffekte des Kinos, die Imbach in seinem entfesselten Spieltrieb hier feiert.

Dagegen ist der Offkommentar, gesprochen vom Schauspieler Milan Peschel, zunächst näher bei einem Requiem: Reflexion über die Vergänglichkeit, über das Sterben. Imbach erweist seinem Mentor Klaus Lutz (1940–2009) die Reverenz, der ihm dieses Atelier einst überlassen hatte, als in Berlin die Mauer fiel. Und auch von seinem Freund und Kollegen Peter Liechti (1951–2014) nimmt er nochmals Abschied im Film, in persönlichen Reminiszenzen, durchsetzt mit feinen Spitzen. Da sorgt ein tiefgekühltes Kaninchen für Verstimmung zwischen den beiden, während draussen auf dem Bauland ein Fuchs umgeht, als heimliches Wappentier dieses Films. Und dann, als Liechti gestorben ist: «Ich vermisse dich.»

Neben solcher Wehmut dringt aber immer wieder auch leiser Zorn durch: über den Abriss und später vermehrt darüber, was dann anstelle des Güterbahnhofs hingeklotzt wird. Während die Maschinen vor seinen Augen alles in Schutt und Asche legen, hält der Regisseur trotzig fest: «Ich werde es nicht zulassen, dass meine Vergangenheit ausgelöscht wird.» Für sich genommen, klingt das nach Hybris. Dabei zeugt es bloss von Geschichtsbewusstsein: «Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen.»

Krawall im Quartier

Auch wenn er den Abbruch sichtlich betrauert: Nostalgisch ist nichts an diesem Essayfilm. Davor bewahrt ihn die Geschichte. Etwa in einem historischen Exkurs zu den sogenannten Italienerkrawallen, die sich hier im Quartier ereigneten – im Sommer 1896, wenige Wochen nur, bevor der Spatenstich für den damals hochmodernen neuen Güterbahnhof erfolgte, der die Stadt an den Welthandel anschloss. (Zum Spatenstich fürs neue PJZ spaziert dann, schön absurd, eine Frau in Tracht mit Alphorn über den Kies.) Die Fäden der Vergangenheit verweben sich so mit der Zukunft. Denn wer, so fragt sich Imbach nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, wird hier künftig im Gefängnis sitzen? Sarkastisch rechnet er sich aus: «99 Migranten und ein Schweizer Banker?»

Die Geschichte kann aber auch ein Tunnel sein, in dem der Regisseur die politische Gegenwart aus den Augen verliert. Vor diesem Tunnelblick bewahrt ihn, so erzählt es der Film, seine Assistentin Lisa Gerig. Sie ist es, die Imbach von seinen Schlaufen durchs Vergangene ins Jetzt zurückholt, die ihn nach den Verstorbenen an die Lebenden erinnert: an die Menschen, für die das PJZ gebaut wird, die dort einsitzen werden. Sie ist es dann auch, die im Ausschaffungsgefängnis am Flughafen mit Häftlingen redet und deren Erfahrungsberichte für den Film einholt. Sehr klassische Arbeitsteilung also, die Imbach in «Nemesis» ungeniert offenlegt: Der Regisseur bleibt daheim auf seinem Posten, die Lebensgeschichten der Inhaftierten lässt er sich von seiner Assistentin anliefern.

Wenn einer dieser Häftlinge dann seine Flucht übers Mittelmeer schildert, zeigt der Film, wie die sauber eingezäunte Brache neben den Geleisen wegen eines Gewitters unter Wasser steht. Und plötzlich steht Zürich dann kopf, der grau verhangene Himmel über der Stadt wird zur stürmischen See, zum wogenden Abgrund. So schlicht wie überwältigend, dieser metaphorische Kunstgriff: Er abstrahiert das Geschilderte und nimmt diesem doch nichts von seinem Schrecken, sondern vergegenwärtigt es, hier, bei uns.

Feuerwerk im Polizeipalast

Hin und wieder gibts auch unfreiwillige Irritationen. Etwa, wenn der Offkommentar die Ankunft der «richtigen» Bauarbeiter würdigen will und von diesen redet wie von wilden Tieren, weil sie eben «weniger domestiziert» seien. Oder wenn Milan Peschel als Sprecher nicht nur dem Regisseur die Stimme leiht, als dessen Alter Ego, sondern auch die Erfahrungsberichte der Ausschaffungshäftlinge spricht – mit dem fragwürdigen Effekt, dass die Unterschiede zwischen diesen Sprechpositionen verwischt werden. Der Autor und Regisseur von seiner privilegierten Warte aus spricht mit der gleichen Stimme wie die Häftlinge, denen er sich so angleicht.

Andere Ambivalenzen sind schon in der Perspektive des Regisseurs angelegt, der wie ein privater Überwachungsdienst ohne offiziellen Auftrag agiert: ein Bilderjäger, der auf seinem Hochsitz im Alltag der anderen wildert, ein Voyeur in hehrer Absicht. Dass «Nemesis» dabei oft auch ein sehr lustiger Film ist, liegt nicht zuletzt am überbordenden Sounddesign von Peter Bräker, der hier alle Register zieht – selbst die Pinkelpause eines Baggerfahrers veredelt er zu einer kleinen Slapsticknummer. Zum spektakulären Finale lässt er es dann nochmals krachen. Mittels Überblendungen schiesst Imbach hier das Silvesterfeuerwerk in den Polizeipalast. Es splittert, donnert, kracht. Und man fragt sich: Albtraum oder doch Wunscherfüllung?

Jetzt im Kino.

«Nemesis»

Was der Regisseur sagt

Thomas Imbach, Regisseur des Films «Nemesis», legt Wert auf folgende persönliche Entgegnung:

«Ich habe mich zuerst sehr gefreut über Florian Kellers Text zu ‹Nemesis›. Doch gerade weil der Text so detailliert auf den Film eingeht, gilt es, drei sensible Punkte, die insbesondere für die LeserInnen der WOZ von Bedeutung sind, richtigzustellen:

1. Als Beleg für eine ‹sehr klassische Arbeitsteilung› zwischen Regisseur und Assistentin wird suggeriert, dass ich Lisa Gerig ins Flughafengefängnis geschickt hätte, um Lebensgeschichten von Inhaftierten ‹anzuliefern›. Tatsache ist – und das wird im Film an zwei Stellen erzählt –, dass Lisa Gerig unabhängig von meinem Filmprojekt während Jahren Gefängnisbesuche im Rahmen des Zürcher Solinetzes gemacht und dabei zahlreiche Berichte von Ausschaffungshäftlingen gesammelt hat. Durch ihr persönliches Engagement habe ich von diesen Geschichten erfahren und konnte einen Teil des Materials im Film verwenden. Insofern war die Arbeitsteilung alles andere als klassisch.

2. Es wird gesagt, dass ich von den Bauarbeitern ‹wie von wilden Tieren› spräche, weil diese, wie es im Film heisst, ‹weniger domestiziert› seien. Diese Unterstellung lässt sich am besten mit dem Wortlaut aus dem Film korrigieren: ‹Endlich kommen die richtigen Bauarbeiter auf den Plan. Die Arbeiter, die den Rohbau betonieren, sind von ganz anderem Schrot und Korn als zum Beispiel die Elektriker, die Baggerführer oder die Securitys. Die Wurzeln ihrer vielfach bäuerlichen Herkunft sind spürbar. Sie sind archaischer, weniger domestiziert, machen grobe Witze, nehmen ihre Arbeit aber sehr ernst. Man würde sie nicht auf dem Street-Food-Festival treffen. Ich frag mich, ob sie das fertige Gebäude als eine ihrer grossen Leistungen ansehen werden.› Etwas früher im Film spreche ich von meiner eigenen bäuerlichen Herkunft, und ein Vergleich mit ‹wilden Tieren› ist deshalb umso irreführender.

3. Im Text steht: ‹Mittels Überblendungen schiesst Imbach hier das Silvesterfeuerwerk in den Polizeipalast.› Rein technisch wäre dies möglich gewesen, doch nur mit Kosten von mehreren 10 000 Franken. Korrekt ist: Imbach filmt, wie das Silvesterfeuerwerk in den Polizeipalast geschossen wird. Sämtliche Effekte (Zeitraffer, Zeitlupe, Überblendungen) sind als solche kenntlich gemacht, es gibt keine ‹versteckten› Effekte in ‹Nemesis›.»

Thomas Imbach

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