Erich von Däniken (1935–2026): Ein abgespacter Fantast
Der grosse Ausserirdischen-Fabulierer Erich von Däniken hat diese Erde mit neunzig Jahren verlassen.
In meinen Zwanzigern, es war in den 2000er Jahren, musste ich in Berlin-Neukölln einen Arzt aufsuchen. Nach Blutabnahme und Anamnese fragte er, ob ich von den Sumerern gehört hätte. Natürlich, aber ich wisse kaum was über sie. Er fixierte mich mit zusammengekniffenen Augen und belehrte mich, dass ich das sollte. Denn, raunte er, im Zweistromland liege die Wiege der Menschheit: «Ausserirdische haben dort aus Affen intelligente Wesen gezüchtet, um in Minen an die Metalle heranzukommen, die sie für ihre Flugobjekte brauchten.»
Das klang verrückt, und ich machte mir Sorgen um mein Blut. Doch es erinnerte mich auch an meine Kindheit, an die Dorfbibliothek. Recht früh vom rechten Glauben abgekommen, war ich begierig auf der Suche nach etwas, das diese Lücke zu füllen vermochte. Dabei stiess ich auf Erich von Däniken.
Ausserirdische Entwicklungshilfe
Von Däniken konnte die Bibel so erklären, dass sie von der Ankunft ausserirdischer «Götter» erzählte. Im ersten Buch Mose beispielsweise sah er einen Bericht über die Vermehrung von ausserirdischen «Gottessöhnen» mit «Erdenmädchen». Die Himmelfahrt: göttliches Donnergrollen. Fliegende Engelwesen: fliegende Untertassen. «Was phantasieren die Eskimos von metallenen Vögeln? Warum berichten Indianer von einem Donnervogel?» Klar: Ufos. In den frühen neunziger Jahren klang das alles für mich sehr überzeugend. Ich war zehn.
Von Däniken, 1935 geboren, war ein wildes Kind und wurde in ein katholisches Internat gesteckt. Dort kam er zur Überzeugung, dass die Götter in den alten Schriften lediglich falsch wahrgenommene Ausserirdische gewesen seien. Es gibt Menschen, die darin bloss eine Transformation von H. P. Lovecrafts literarischen Horrorvisionen zur wissenschaftlichen These sehen, andere gar ein reines Plagiat.
Was auch immer es war, er vermochte die Idee überzeugend zu vermarkten. Von Däniken wurde zum Popstar der Paläo-Astronautik. Am 10. Januar starb er als der meistpublizierte Schriftsteller, den die Schweiz je gesehen hat: Über sechzig Millionen Bücher in mehr als dreissig Sprachen soll er verkauft haben.
Bis Mitte der siebziger Jahre arbeitete er als Hotelier, erst der internationale Erfolg seines ersten Buches, «Erinnerungen an die Zukunft» von 1968, ermöglichte es ihm, nur noch über Ausserirdische nachdenken zu können. Es folgte ein Buch nach dem anderen.
Besonders der hohe Entwicklungsgrad früher Hochkulturen trieb ihn um. Er hielt es für unmöglich, dass sich Menschen das Wissen selbst erarbeitet haben, das zum Beispiel in der sumerischen Astronomie und Rechenkunst erkennbar ist, obwohl in Mesopotamien nur «ein Gemisch von primitiven Menschen» lebte. Für ihn war klar: «Mit unserer Vergangenheit […] stimmt etwas nicht!» Die einzig für ihn denkbare Auflösung: ausserirdische Entwicklungshilfe.
Zwischen Space Age und Esoterik
Erich von Dänikens Aufstieg begann in den letzten Jahren der technikorientierten Zukunftseuphorie, die in der Mondlandung ihren Höhepunkt fand. Während des «Space Race» des Kalten Krieges waren populärwissenschaftliche Texte über alles, was mit dem All zu tun hat, heisse Ware.
In den Siebzigern brach dieser Zukunftsoptimismus in sich zusammen, aus Futurolog:innen wurden Marktforscher:innen. Doch von Dänikens Werk überstand den Kollaps. Seine Zukunft lag in der Rückwendung zur Vergangenheit. Sein Werk steht in einer Reihe mit all jenen Publikationen, die ab den frühen siebziger Jahren mit Schamanen-Obskurantismus und spiritueller Sinnsuche in der Schwitzhütte jene Lücke füllen sollten, die die zerbrochene Zukunft hinterlassen hatte. Von Dänikens Karriere profitierte von einer antiautoritären Skepsis gegenüber der akademischen Wissenschaft, die man als einengend geisselte.
Von Däniken erzählte gerne und packend. Und er vermochte es meisterhaft, sich als Indiana Jones der Ausserirdischenfrage zu inszenieren und allem einen Anstrich von Empirie zu geben. Im Rückblick schreibt man heute, seine Thesen seien «umstritten» gewesen. Das ist eine liebevolle Untertreibung: Sie waren hanebüchen. Der Astrophysiker Carl Sagan, selbst ein Vertreter der wissenschaftlichen Suche nach ausserirdischem Leben, sah in von Däniken ein Paradebeispiel «schludrigen Denkens». Eine deutsche Zeitung sprach bei einem seiner Bücher von einem «Märchenbuch für Erwachsene».
Doch Kritik konnte ihm nichts anhaben: Nach einer leichten Baisse in den achtziger Jahren knüpfte er nach dem Mauerfall wieder an seinen internationalen Erfolg an. Christian Alt und Christian Schiffer erklären in ihrem Buch mit dem schönen Titel «Angela Merkel ist Hitlers Tochter» die 1990er Jahre zum Goldenen Zeitalter der Verschwörungstheorien – als diese noch Spass machten. Von Däniken bekam damals eine 25-teilige Serie bei Sat 1 («Auf den Spuren der All-Mächtigen»). Einen Sender weiter verfolgte man gebannt, wie die FBI-Agent:innen Mulder und Scully in «Akte X» einer Alienverschwörung auf die Schliche kamen. Fiktion und Scheinwissen glitten am «Mystery-Montag» auf Pro 7 spielerisch ineinander und machten Lust auf eine Welt voller Geheimnisse. Alt und Schiffer bestimmen die Neunziger aber auch als Glutherd der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA in Kraut schiessenden Verschwörungstheorien.
Man kann sich an von Däniken als eine fröhliche Trudi Gerster des Kosmos erinnern. Doch in seinem Werk zeigte sich bereits ein Umgang mit Fakten, der die Grundlage vieler Verschwörungstheorien bildet. Statt sich mit archäologischen und historischen Finessen auseinanderzusetzen, fabuliert man frei drauflos: Etwas Schlauchähnliches auf einem Fresko? Ein Astronautenhelm! Linien auf steinernem Boden? Ufo-Landebahnen! Erzählungen über tödliche Feuerwaffen in alten Schriften? Urzeitliche Wasserstoffbomben!
Ab 2003 veröffentlichte von Däniken beim Kopp-Verlag, der sich auf esoterische und rechtsextreme Literatur spezialisiert hat. Dort bewegte er sich im selben Milieu wie weit aggressivere Nachfolger, etwa David Icke. Dieser ist überzeugt, dass aus der Urzeugung von Aliens und Menschen eine geheime Herrscherklasse hervorgegangen sei, die bis heute unter uns lebe – in Gestalt von Reptiloiden (man erinnere sich an Mose!).
Von Däniken hingegen gab zeitlebens den Universalisten – angesichts der Übermacht im All müsse die Menschheit doch zusammenstehen, meinte er immer wieder. Leider war in seinem Alterswerk auf Social Media von diesem Independence-Day-Spirit kaum noch etwas zu spüren. Dort teilte er aus gegen Migrant:innen, LGBTQ+-Menschen und vor allem gegen Klimaschützer:innen. Seine radikale Offenheit schien dann doch für transplanetare Erdenbefruchter reserviert.