Schlittschuhlaufen: Flow auf Eis

Nr. 3 –

Autos sehen aus wie Forstfahrzeuge, im Männerfussball schreien sie wie Krieger, die Muckibuden sind voll mit allen Generationen. Die Gegenwart liebt die Kraft. Die Eleganz findet man fast nur noch auf dem Eis – auf Kufen. Ein Lob des Schlittschuhlaufens als unzeitgemässe Bewegung.

Eiskunstläufer Stéphane Lambiel im Scheinwerferlicht
Balletöser Spitzensport: Eiskunstläufer Stéphane Lambiel im Scheinwerferlicht. Foto: Basile Barbey, Getty
US-Eiskunstläuferin Catherine Machado auf dem Eis
Geschmeidige Eleganz: US-Eiskunstläuferin Catherine Machado, 1956. Foto: Mauritius Images
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Der Maler Ernst Ludwig Kirchner, ein Star des Expressionismus, wohnte die letzten zwanzig Jahre bis zu seinem vermuteten Freitod 1938 in Davos. Im Ersten Weltkrieg war der kurzzeitige Soldat Kirchner dem Morphium und anderen Schmerzmitteln verfallen, in den zwanziger Jahren wurde er angeblich clean, in den Dreissigern ging es trotz Schweizer Höhenluft wieder los. Irre Zeiten, irre Räusche, irre Bilder: Die Farben in den Gesichtern der Menschen scheinen deren inneren Vergiftungsgrad oder auch nur ihre Seelentemperatur auf der Haut abzubilden.

Das mussten nicht zwingend Motive der Bohème aus Dresden oder Berlin sein. Auch die Eisläufer:innen, die Kirchner vor rund hundert Jahren in Davos malte, glühen rot oder schimmern türkisblau. Sie strahlen eine grosse Eleganz aus, und doch sieht man ihnen an, dass etwas nicht stimmt. Als müssten sie auf dem Eis die Hitze der Zeit kühlen. Bewegung als äusserliche Massnahme, um die innere Nervosität motorisch loszuwerden: Das muss uns in der körperfixierten Gegenwart hundert Jahre später bekannt vorkommen.

Gemälde «Schlittschuhläufer» von Ernst Ludwig Kirchner
Bewegung als Massnahme gegen die innere Nervosität: Ernst Ludwig Kirchners «Schlittschuhläufer».

Spiel, nicht Sport

Die Kulturtechnik, auf dem Eis der Zeit buchstäblich zu entgleiten, ist allerdings viel älter als Kirchner, Davos und die Erfindung des Wintersports auf zweifelhaften Grundlagen (die Höhenluft, die angeblich gut für Lungenkranke sein soll, war für manche ja gerade schädlich). In der Pfahlbausiedlung Moosseedorf nördlich von Bern fand man 4000 Jahre alte Schlittschuhe mit Kufen aus Pferdeknochen. Und wer kennt nicht die flämischen Wimmelbilder von Pieter Brueghel, dem Älteren wie dem Jüngeren, aus dem 16. und dem frühen 17. Jahrhundert, die ein halbes Dorf auf dem gefrorenen Fluss beim Eislaufen zeigen?

Das Leben war mit Sicherheit entbehrungsreicher vor 400 Jahren, entsprechend gross erscheint die Freude der Menschen bei den Brueghels, wenn sie aufs Eis können. Manche hüpfen fast, auch viele Ausfallschritte mit den Schlittschuhen sind zu sehen. Es ist alles Spiel, nicht Sport, Begriffe wie «Leistung» oder «Ergebnis» sind diesen Bildern fremd. Wohl gerade weil der Alltag schon schwer genug war, tritt die Unbeschwertheit umso klarer in Erscheinung. Die dörflichen Szenen auf Eis wirken federleicht – und nun sehr fern von unserer beschwerten Gegenwart.

Gemälde «Winterlandschaft mit Eisläufern» von Pieter Brueghel dem Jüngeren
Ausbruch aus dem Alltag: «Winterlandschaft mit Eisläufern» von Pieter Brueghel dem Jüngeren.

Nach einem halben Jahrhundert Breitensport in den eigenen Beinen und allem anderen vor dem Fernseher sei die These erlaubt: Wo früher Eleganz war, ist heute Kraft. Auf den bis in die Niederungen verschneiten Hängen lernte man das Wedeln: die Ski geschlossen und parallel geführt, den Hintern betont in die Kurve gelegt, die Beine in engen synthetischen Hosen. Das sah ein bisschen aus wie Aerobic oder Tanzschritte von John Travolta in «Saturday Night Fever». Die plötzlich breiten, kurzen und taillierten Carvingskis, die daraufhin den Markt eroberten, führten zu langen, beschleunigten Kurven mit scharfen Kanten auf planierten Pisten. Man tanzte nicht mehr die Berge hinunter – wedelnd oder gar zwischen Buckeln –, man ritzte das Gelände, als gebe es nur ein Ziel: die Tätowierung der Alpen.

Wer in Fotoalben der sechziger, siebziger und auch noch der achtziger Jahre blättert, sieht viele bunte kleine Autos, mit denen man in die Skiferien fuhr. Gelbe Renaults, grüne Peugeots, hellblaue Fiats oder rote Polos. Erstaunlich, dass man in diesen Kisten über die vereisten Alpenpässe kam. Aber die Sugus-Autöli passten im Unterland gut in die Parklücken, die allmählich enger wurden. Seit einem Vierteljahrhundert wirken die meisten Personenwagen hingegen wie verhinderte Panzer. Nicht nur die SUVs, auch kleinere Elektroautos haben aggressiv wirkende Schnauzen und wollen den Eindruck erwecken, sie seien ein wenig aufgebockt. Verkehr ist Kampf. Vergleichen Sie einmal die supereleganten Modelle von Citroën aus den siebziger Jahren mit den günstigen aktuellen Elektromodellen, die optisch kläffen wie ein Dackel, der denkt, er sei eine Dogge.

Auch im absurd hoch kapitalisierten Klubfussball sind Kraft und Kampf mittlerweile die zentralen Kategorien. Wenn heute ein Spieler beim Torjubel sein Leibchen auszieht (und dafür eine gelbe Karte sieht), sehen wir in der Regel Tessinerbrötli, wie wir früher belustigt ein Sixpack nannten, eine grotesk definierte Muskelpartie am Bauch. Cristiano Ronaldo, dem Portugiesen, oder dem Schweizer Xherdan Shaqiri hätte man vor vierzig oder fünfzig Jahren den Weg zum Zirkus gezeigt.

Kein Star der Siebziger war ein Muskelpaket, nicht der Niederländer Johan Cruyff, der kreativste Spieler der Zeit, aber auch nicht die bald folgenden Ballkünstler wie Diego Maradona oder Ronaldo, der Brasilianer: Klar waren die fit, aber keine Gewichtheber (in späteren Profijahren sogar im Gegenteil, Maradona und Ronaldo spielten selbst mit Bäuchen noch weiter). Und Zinédine Zidane, der die unmöglichsten Pässe spielte? War drahtig, während sein Torhüter in der französischen Nati, Fabien Barthez, in der Halbzeitpause eine rauchte. Der Wandel von weder besonders grossen noch speziell starken Spielern zu optimierten Kraftmaschinen ist beachtlich.

Wenn es schnell gehen soll, reicht auch ein Blick in die sozialen Medien oder in jedes Fitnessstudio: Kraft schlägt Eleganz, in allen Altersgruppen und in allen Schichten. Allein: Warum?

Alles fliesst

Die erste, einfache Antwort: Populäre Sportarten werden halt athletischer, schneller, die Spieler:innen brauchen dazu mehr schnelle Kraft, die man dem Körper besser ansieht als die trainierte Ausdauer. Die zweite Antwort ist komplexer. Man findet sie in einigen kulturellen Praktiken der Epoche, wo der Sport und die Körper etwas über den Wandel der Zeit erzählen können.

Findet man da heraus, warum der Torjubel im Fussball so lange dauert und zumindest die Männer so heftig schreien, dabei die Arme flexen und den Mund aufreissen, als würden sie gleich das gegnerische Heer auf dem gegenüberliegenden Hügel angreifen? Die Kriegerposen, das Motivationsgeschrei und das ständige Mentalitätsgerede von äusserlich eher zarten Spielern wie zum Beispiel Joshua Kimmich, einem der besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga, wenn nicht Europas, hat fast alles Verspielte verloren.

Darüber denke ich nach, als ich wie immer in den Tagen zwischen den Jahren ein paarmal Schlittschuh laufen gehe. Die Eishalle im Norden Berlins, wo die Hochhaussiedlungen beginnen, ist immer voll. Nach einer halben Stunde öffnet meistens eine der zwei Aussenbahnen für Eisschnellläufer:innen. Jetzt kann ich zügiger fahren. Auch aussen drängen sich die Leute bald, und doch gibt es so gut wie keine Zusammenstösse.

Es ist ein sehr smoothes Gleiten zu Popmusik. In jeder Halle, die ich kenne, läuft mindestens einmal der Eurodance-Klassiker «What Is Love» von Haddaway (ich finde, das ist gut so). Wer mehr Tempo will und das auch kann, kurvt um die andern, als seien sie Slalomstangen. Die Leute sind fast so still wie im Opernhaus, auch wenn das Publikum proletarisch wirkt und der Eintritt günstig ist. Die Richtung: nach vorne, alles fliesst. Und doch wirkt nichts verwirrend neu ausser der Route, die man sich zwischen den andern sucht, denn wir gleiten ja im Kreis – beschwingt, optimistisch, ein bisschen meditativ.

Die kontinuierliche, ab einem gewissen Niveau geschmeidige Bewegung macht den Körper glauben, es gebe eine Zukunft, die man aus eigenem Antrieb und ohne allzu teure (Aus-)Rüstung erreichen kann. Das ist kein Wettkampf ums Überleben, hier werden keine tragischen Geschichten von Sieg und Scheitern erzählt. Hier ist alles: Flow auf Eis.

junge Personen auf Schlittschuhen bei der Disco in der Eishalle
Smoothes Gleiten zu Popmusik: Disco in der Eishalle. Foto: Arnulf Stoffel, Imago

Queer wider Willen

So wirkt Schlittschuhfahren wie aus der Zeit gefallen. Es geht nicht um Kraft, nicht um Krieg mit sportlichen Mitteln. Rückwärts nach vorne oder im Kreis fahren, die Beine übersetzen dabei, Drehung nach vorne, Tempo holen, übersetzend eine Kurve fahren und jemandem zischend ausweichen, bis das Eis sprüht, aber die Fahrt dennoch weitergeht: Es sieht aus wie eine Choreografie einer unsichtbaren Hand, geführt vom Pinsel der beiden Brueghels in der niederländischen Landschaftsmalerei.

Der Eiskunstlauf drängt sich als Vergleich natürlich auf. Wenn für die Schweiz erfolgreiche Sportler:innen in grossen Wettbewerben laufen und sie sogar gewinnen wie Denise Biellmann in den achtziger Jahren und Stéphane Lambiel in den mittleren Nullern, erregt der Sport zwar viel Aufmerksamkeit, und der Boulevard ist froh um einen Promi mehr. Und es ist offensichtlich, dass dieser balletöse Spitzensport die dafür zweifellos notwendige Kraft verhüllt und auf viele deshalb weiblich oder queer wirkt. Aber es ist kein Sport, der regelmässig grosse Hallen füllt, erst recht kein Breitensport wie das Eislaufen in öffentlichen Hallen, wo die Massen sind. Doch da zeigt sich die Zartheit erst auf den zweiten Blick.

Als ich die letzten Runden des vergangenen Jahres laufe, trage ich eine dunkelblaue Bomberjacke (ein Weihnachtsgeschenk). In meinem Stadtteil bedeutet eine Bomberjacke etwas anderes als auf der Eisbahn bei den Hochhäusern. Ein Mann in meinem Alter fährt an mir vorbei und sagt scherzhaft: «Wie früher, wa!» Mit «früher» meint der Unbekannte wohl: als Nazis in dieser (und auch in meiner) Gegend noch solche Jacken trugen. Ein paar solche Kandidaten stehen zwar noch in der Halle herum. Aber Stress gibt es keinen. Anderes ist derweil noch wie in meiner Jugend: Die Teenagerinnen, die gut fahren, sind auf dem Eis grundsätzlich geschminkt, die Buben versuchen, sie mit ihren Schlittschuhskills zu beeindrucken. Anders als auf dem Pausenplatz sehen auch diese Jungs dabei sehr elegant aus. Man könnte sagen: Sie wirken queer wider Willen.

Eishockey ist dagegen auf den ersten Blick der Sport der Raubeine: fehlende Zähne, in jedem Spiel mindestens eine Schlägerei, harte Checks gegen die Bande, gefährliche Schüsse. Aber das ist alles nur der Schein auf der Oberfläche.

Der talentierteste Spieler meiner Jugendmannschaft im Eishockey-Club Olten in den frühen achtziger Jahren liess sich durch fast nichts aus der Ruhe bringen. Niemand beherrschte bereits mit zehn, elf Jahren den Slapshot wie er, bei dem man mit dem Stock weit nach hinten ausholt und die Scheibe hart trifft, sie aber nicht weiter auf dem Eis mitführt, weil sie in hohem Tempo und über dem Boden wegfliegt. Bevor er zum Abschluss kam, zog er provozierend langsam an zwei Spielern vorbei. Er hiess André Rötheli und wurde einer der besten Schweizer Spieler seines Jahrgangs (1970), ach, seiner Generation mit über 900 Spielen in der obersten Liga sowie in der Nati.

Ich schaute als Goalie zu, mit welcher lässigen Eleganz André auf der anderen Seite Tore schoss. Und wenn kein Training war und kein Spiel, versuchten Nachwuchsspieler, an den freien Schulnachmittagen beim öffentlichen Eislaufen besser Schlittschuh fahren zu lernen, wie es uns die Trainer nahelegten. Die Musik aus den Lautsprechern in der Halle wie auf der Aussenfläche: Hitparade, viel Disco. Das Eis war ein Dancefloor.

Eisläuferinnen auf dem Natureisfeld in St. Moritz, 1925
Choreografie wie von unsichtbarer Hand: ­Eisläuferinnen in St. Moritz, 1925. Foto: Ullstein

Die tänzerische Alternative

Heute ist das Eishockey schneller. Deshalb ist der protzige Slapshot weniger oft zu sehen, denn wer so lange mit dem Stock ausholen muss, kann besser gestört werden. Ein überraschender Schuss aus dem Handgelenk, mit viel Druck auf dem Stock vor der Abgabe, ist fast so schnell, lässt sich besser kontrollieren und wirkt feiner. Deutlich erkennt man die Eleganz des Eishockeys erst bei den Verteidigern, wenn sie rückwärts fahren, übersetzen, sich blitzschnell um 180 Grad drehen und dabei kaum an Tempo verlieren. Und wie die Oberkörper und die Arme nach links und rechts schwenken, den Stock in einer Hand, der vor und zurück schwingt: Was soll das sein, wenn nicht ein Ballett?

Was wir von Kirchners Bildern und denen der Brueghels und vom erst auf den zweiten Blick queeren Eishockey lernen können: Es sind Erscheinungen, die eine Alternative anbieten zu dem, was wir als Standard wahrnehmen. Die Dorfbewohner:innen auf dem Eis trotzen mit spielerischer Lebensfreude dem harten Leben, Kirchners Eisläufer:innen der zwanziger Jahre suchen in der öffentlichen eleganten Bewegung einen Ausgleich zu ihren inneren Stürmen, und die künstlerischen Eishockeyaner setzen das Tänzerische der reinen Kraft entgegen.

Man sieht diese Alternativen selbst beim Fussball, der heute die Kraft der Eleganz in der Regel vorzieht. Aber man sieht die Alternative nur bei den Allerbesten. Lionel Messi (38) und Luka Modrić (40), beide eigentlich zu klein für den modernen Fussball, verblüfften bereits als kaum Zwanzigjährige mit krasser Technik und Pässen, die niemand so voraussehen konnte. Auch sie sind Tänzer, die ihre Karrieren nun zu Ende spielen. Lamine Yamal, mittlerweile achtzehn Jahre alt, hat es ihnen schon mit knapp siebzehn bei Barcelona nachgemacht: mit wie beiläufigen Pässen mit dem Aussenrist, mit gelupften Bällen in den Sechzehner rein, mit verrückten Dribblings von aussen ins Zentrum. Oder Jamal Musiala (22) bei den Bayern, der bald von seiner schweren Verletzung zurückkehrt. Wann hat ein Profi letztmals so verspielt gedribbelt wie ein Zwölfjähriger?

Bei diesen Extremtalenten, von denen es alle zehn Jahre nur eine Handvoll gibt, hat der aktuelle Fussball das Kriegerische hinter sich gelassen. Spieler wie Messi, Modrić, Yamal und Musiala sind immer sofort die Publikumslieblinge.

Solche Gegenstücke zu den dominanten Formen der Zeit sind lebenswichtig. Sie bringen den Gedanken ins Spiel, dass alles auch anders sein könnte. Verspielte Fussballstars, balletöse Eishockeyspieler, Eleganz beim öffentlichen Eislaufen auch für jene, die sonst über queere Personen eher schimpfen: Sie sind eine Öffnung in einer Gegenwart, die zu oft vom Gleichen handelt – von Kraft, von Leistung, vom Liefern. Sport bildet in diesen Fällen gerade nicht die Realität ab, sondern erfindet eine neue, oft interessantere. In diesem Sinn ist Sport den Künsten zumindest verwandt, besonders der Literatur. Zwei Bücher illustrieren dieses Muster zum Schluss.

Mitten in der strengen viktorianischen Zeit erscheint das erste Kinderbuch, das auch Erwachsenen gefällt, alles anders macht und bis heute ein weltweiter Klassiker ist: «Alice’s Adventures in Wonderland» von Lewis Carroll erschien 1865, die Fortsetzung «Through the Looking-Glass» sechs Jahre später (auf Deutsch «Alice im Wunderland» und «Alice hinter den Spiegeln»). Das Mädchen Alice betritt jeweils durch ein Portal eine Fantasiewelt, wo Tiere wie Menschen sprechen, Schachfiguren lebendig sind und groteske Gestalten Nonsensgedichte aufsagen. Im ersten Roman fällt sie durch ein «rabbit hole» in die andere Welt, durch einen Kaninchenbau. Im zweiten geht sie durch einen Spiegel hindurch, der auf dem Kaminsims steht. Wichtig ist, dass die Traumwelten keine direkten Abbilder der Welt zeigen, sondern Möglichkeiten der Fantasie, auch der dunklen, und dabei keiner konventionellen Logik folgen.

Was passiert, wenn die Portale kollabieren und beide Welten eins werden, zeigte 1998 «Glamorama» vom «American Psycho»-Autor Bret Easton Ellis, der sich damit auf Lewis Carroll bezog. Der promigeile Victor, so weit der aus Ellis-Romanen bekannte Typ Geldschnösel in New York, findet sich plötzlich in zwei verschiedenen Realitäten wieder. Doch die sehen so gut wie identisch aus. Das ist der dunkel grundierte, letztlich moralisch-kritische Witz von «Glamorama»: Es gibt keine Alternative mehr zum im Roman parodierten Konsumkapitalismus, jede «andere Seite» führt zu mehr vom Gleichen, zu Spiegelbildern, bei Ellis: zum Terror der Oberflächen.

Kann es Zufall sein, dass in «Glamorama» jeweils scheinbar ohne Grund Eiseskälte eintritt? Und dass Lewis Carroll die Geschichte erstmals auf einer Bootsfahrt auf dem Fluss drei Töchtern eines Freundes erzählt, während sie, wie der Prolog in Versen sagt, heiter auf dem Wasser gleiten – «full leisurely we glide»? Das frisch gemachte Eis in den öffentlichen Hallen reflektiert noch kurz die Körper, wir könnten uns mit etwas Fantasie darin erkennen. Doch schon bald ist die Eisbahn zerfurcht, denn wir ritzen rein, wie es uns gefällt, und gleiten weiter. Und zwar als Kollektiv, nicht allein vorm Spiegel.

US-Eiskunstläuferin Catherine Machado auf dem Eis
Geschmeidige Eleganz: US-Eiskunstläuferin Catherine Machado, 1956. Foto: Mauritius Images
Eiskunstläufer Stéphane Lambiel im Scheinwerferlicht
Balletöser Spitzensport: Eiskunstläufer Stéphane Lambiel im Scheinwerferlicht. Foto: Basile Barbey, Getty