Mexiko und die Zölle: Wenn «die Amis» niesen …

Nr. 4 –

Das Ungleichgewicht zwischen den USA und Mexiko hat sich seit Donald Trumps aggressiver Politik verschärft. Die Folgen für die Menschen zeigen sich in der Grenzstadt Ciudad Juárez.

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eine Person bei der Arbeit in der Fabrik von TDJ Machining
Höhere US-Zölle auf Stahl- und Aluimporte führten in Thor Salayandías Fabrik für Präzisionsteile zu einem Auftragseinbruch. Aber auch wegen KI und Robotisierung gingen Jobs verloren, sagt der Unternehmer.

Es ist Samstagmorgen, neun Uhr, und Violet, die eigentlich anders heisst, hat nach einer langen Nachtschicht Feierabend. «Klar wirkt sich die US-Politik auch auf mein Leben aus», sagt sie. Sie sitzt im stilvollen Eingangsbereich eines kleinen Bordells im Zentrum von Ciudad Juárez, einer Stadt an der Grenze zu den USA, und isst einen Donut. «Bis Mai arbeitete ich in der Küche einer Kantine für eine Maquila.»

Rund 330 Maquilas, Montagebetriebe mit je bis zu tausend Beschäftigten, die aus Einzelteilen Produkte für den Export fertigen, gibt es in der Grenzstadt. Seit dem Freihandelsabkommen Nafta zwischen Kanada, den USA und Mexiko wird hier für den Weltmarkt produziert: ein eng verstricktes Zusammenspiel von mexikanischen und US-Firmen, das, so hört man allenthalben, durch Donald Trumps Zölle aus dem Gleichgewicht gebracht worden ist.

«Die Maquila wurde wegen Trump geschlossen. So auch unsere Kantine», sagt Violet. Sie ist 26 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern. «Ich war eigentlich schon draussen aus diesem Business hier, aber diese Situation – ich brauchte dringend Geld.» Die Sexarbeit ist kein leichter Job in Ciudad Juárez. Die Stadt weist seit Jahren mexikoweit die höchste Rate an Femiziden auf. Erst vor wenigen Tagen war Violet auf der Beerdigung einer ermordeten Kollegin. Sie steckt den Rest des Donuts in ihre Tasche: «Es ist das schnellste Geld der Welt, aber auch das härteste.»

Migration wird immer gefährlicher

Einst galt Ciudad Juárez als die Chance für alleinstehende Frauen. In den neunziger Jahren wurden in den Maquilas fast ausschliesslich Frauen eingestellt. Wegen ihrer Fingerfertigkeit, sagen bis heute einige Unternehmer. «Weil man von uns weniger Widerstand erwartete», kontert Violet. Obwohl mittlerweile auch Männer am Fliessband gefragt sind, wirken sich die jüngsten Veränderungen im Alltag der Stadt überproportional auf die Frauen und ihre Familien in den strukturell unterversorgten und von Kriminalität durchzogenen Vororten der Stadt aus.

Was für die einen Arbeitslosigkeit bedeutet, zeigt sich als Gewinneinbusse in der Chefetage. Thor Salayandía betreibt seit Jahren eine Fabrik für industrielle Präzisionsteile aus Metall. Er setze stets auf Qualität statt Quantität, sagt der 48-Jährige. Seine Sonderanfertigungen gehen überwiegend in die Automobilindustrie. Doch als im Juni 2025 die US-Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte auf fünfzig Prozent angehoben wurden, folgte ein schmerzhafter Auftragseinbruch. Salayandía musste zwei Drittel seines Personals entlassen. Seit 2023 hat die Stadt 66 000 Arbeitsplätze in der Fertigungsbranche verloren. «Es ist paradox», so Salayandía. «Wir verlieren Jobs bei steigenden Exporten.» Der Einsatz von KI und Robotisierung sei ein Grund für diese Tendenz, der gerne übersehen werde.

Portraitfoto von Thor Salayandía
Thor Salayandía, Unternehmer

Von den US-Zöllen sind tatsächlich nur wenige Branchen betroffen. Zollfrei bleiben Waren, die unter das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA fallen, den Nafta-Nachfolger aus Trumps erster Amtszeit. Das betrifft rund 85 Prozent aller mexikanischen Exporte in die USA. Das Abkommen soll dieses Jahr neu verhandelt werden, doch bereits jetzt herrscht grosse Unsicherheit. «Wer investiert da schon?», fragt Salayandía. Die Maquila-Industrie stehe seit Monaten auf Stand-by.

Donald Trump koppelt die Handelspolitik an Forderungen nach Migrationsabwehr, Unterbindung des Drogenschmuggels und Zerschlagung der mexikanischen Kartelle. Mit der De-facto-Abschaffung jeglicher Asylmöglichkeiten ist die Einwanderung in die USA weitestgehend unsichtbar gemacht. Doch der medialen Darstellung, Trump habe die Migration gestoppt, widerspricht Ciela Ávila vom in Juárez ansässigen Menschenrechtszentrum DHIA. «Die Prozesse der Migration ändern sich ständig», sagt sie. Während Menschen weiterhin fliehen, werden die Migrationsrouten immer gefährlicher. Tausende Migrant:innen sind in den letzten Jahren verschwunden, und in einer 2020 von Ärzte ohne Grenzen veröffentlichten Studie gaben 68 Prozent an, auf mexikanischem Boden Opfer von Gewaltverbrechen geworden zu sein. 30 Prozent waren bereits einmal entführt worden.

Menschen- und Drogenschmuggel, seit einigen Jahren ergänzt durch Entführung und Erpressung der Migrant:innen und ihrer Familien, bilden das Kerngeschäft des organisierten Verbrechens in Ciudad Juárez. Die Bewohner:innen der Grenzstadt erleben, wie die hier agierenden kriminellen Gruppen ihre Geschäftsmodelle an die neuen Begebenheiten anpassen: Während in den vergangenen Jahren ausschliesslich Migrant:innen gekidnappt wurden, betrafen 2025 laut Staatsanwaltschaft 41 von 135 registrierten Entführungen Einheimische. Sie kamen alle aus der lokalen Unternehmerschicht: Weil Migrant:innen wegen Trumps Grenzpolitik inzwischen andere Wege in die USA suchen, hat sich die organisierte Kriminalität eine neue Geldquelle erschlossen.

Fentanyl und billige Waffen

Eine ähnliche Verschiebung zeigt sich im Drogengeschäft. Drogen, die ehemals für den US-Markt bestimmt waren, werden nun in Ciudad Juárez feilgeboten – mit schwerwiegenden gesundheitlichen und sicherheitspolitischen Folgen. «Fentanyl ist eigentlich zu teuer für den mexikanischen Markt», weiss Maria Elena Ramos, Leiterin der NGO Programa Compañero, die sozial und politisch zu den Themen Sucht und Gewalt arbeitet. In den Räumlichkeiten der Organisation gibt es kostenlose Gesundheitsuntersuchungen, saubere Spritzen und Kondome. Auch Violet kommt hier ab und an vorbei.

Seit diesem Jahr können Konsument:innen ihre Drogen hier testen lassen. Neuerdings ist Fentanyl immer öfter billigeren Drogen beigemischt. «Es verstärkt Wirkung und Abhängigkeit und bindet die Konsument:innen an die Verkaufsstruktur», sagt Ramos. In Ciudad Juárez hat der Kampf um den Absatzmarkt und um Konsument:innen zu neuen gewaltvollen Konflikten zwischen lokalen Gruppen des organisierten Verbrechens geführt. Verschärft wird diese Dynamik durch den ungehinderten Zustrom billiger Waffen, die aus den USA über die Grenze geschmuggelt werden.

Portraitfoto von Maria Elena Ramos
Maria Elena Ramos, Programa Compañero

Sie wolle die Verantwortung der eigenen Stadtverwaltung nicht leugnen, doch es gebe ein Sprichwort hier, erklärt Ramos: «Wenn die Amis niesen, dann bedeutet das für unsere Stadt gleich eine ganze Pandemie.» Die sich durch Arbeitslosigkeit und Unsicherheit zuspitzende soziale Lage, besonders in den Randbezirken der Stadt, spielt dem organisierten Verbrechen in die Hände. Die Perspektivlosigkeit, insbesondere der Jugendlichen, fördert bei den einen den Konsum. Andere erkennen eine mögliche Einnahmequelle, beginnen für kriminelle Strukturen zu arbeiten und werden dann leicht zwangsrekrutiert, um schwerere Straftaten zu begehen.

Das Menschenrechtszentrum DHIA arbeitet seit Jahren mit Kindern dieser Stadtteile direkt an der Grenze. Die Kartelle rekrutieren Jugendliche, die noch nicht strafmündig sind, um Migrant:innen in der Wüste über die Grenze zu bringen. «Koyoten» werden die Schleuser umgangssprachlich genannt. «Wir nutzen diesen Begriff nicht, er bestialisiert die Kinder. Es sind Kinder. Grenzkinder», betont Ciela Ávila. DHIA bietet den Kindern die Chance, einen Schulabschluss zu machen, damit sie einen Weg mit einer Perspektive einschlagen können. «Wir wollen ihnen das Recht auf eine Kindheit zurückgeben», sagt Ávila, und sie arbeiten dafür mit Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen zusammen. Doch in den Stadtteilen selbst können sie aus Sicherheitsgründen nicht offen aussprechen, dass es darum gehe, die Kinder aus der Kriminalität zu holen. «Es ist eine strukturelle Gewalt, die die Kinder immer wieder dazu zwingt, mitzumachen.»

Die jüngsten Drohungen Trumps, in Mexiko Jagd auf «Kriminelle» machen zu wollen, werden somit gerade in Ciudad Juárez besonders wahrgenommen. Die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum habe bisher nicht genug unternommen, um die Macht der Kartelle zu brechen, behauptet der US-Präsident. Und droht mit einer Militäroperation gegen die Kartelle auf mexikanischem Boden. Schützenhilfe bekommt er dafür von rechtskonservativen Stimmen der Politik und der Unternehmerschaft aus Mexiko selbst.

Rechter Brückenschlag

Zum Beispiel von Manuel Sotelo, 68 Jahre alt und erfolgreicher Transportunternehmer aus Ciudad Juárez. Seine Flotte von 200 Lastwagen bewegt täglich über tausend Tonnen Waren über die Grenze. Die aktuelle Politik Sheinbaums kritisiert er: höhere Mindestlöhne, eine bis 2030 gestaffelte Kürzung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, verschärfte Wirtschaftsprüfungen – die Regierung wolle, dass Mexiko «wie Venezuela» werde, sagt der Unternehmer. An Aufträgen mangelt es ihm derzeit nicht, die Zölle betreffen ihn nicht, und dennoch spürt er die Unsicherheit der Unternehmer:innen in der Stadt. Mexiko müsse daher Trumps Forderungen erfüllen oder Hilfe in Form einer Militärintervention annehmen. Im Gespräch imitiert Sotelo Raketen, Explosionen und Schüsse: «Bum. Bum. Peng», so einfach sei es, dem organisierten Verbrechen das Handwerk zu legen. Seiner Meinung nach haben Kriminelle keine Menschenrechte, auch die Jugendlichen in deren Diensten seien längst verloren.

Die mexikanische Rechte hat, seit die als links geltende Bewegungspartei Morena die Regierung stellt, viele Einflussmöglichkeiten verloren. Mit Blick auf die Wahlen 2027 in 17 von 31 Bundesstaaten versucht sie, Brücken zu den neuen rechten Regierungen auf dem amerikanischen Kontinent zu bauen. Doch ihre Argumente erregen das Unverständnis vieler Mexikaner:innen; trotz schwerer Kritikpunkte in Menschenrechtsfragen steht eine grosse Mehrheit weiterhin hinter Präsidentin Sheinbaum. Gleichzeitig hat sich das Machtungleichgewicht zwischen den USA und Mexiko seit der aggressiven Politik Trumps verschärft. In Ciudad Juárez zeigt sich, dass schon allein der Ton aus den USA gravierende Auswirkungen auf das Handeln und das Zusammenspiel lokaler Akteur:innen hat.

Für Mexiko werden die kommenden Monate ein gewagter Drahtseilakt um die eigene Souveränität und um die Ressourcen, aber auch um den Erhalt mühsam erkämpfter Rechte zum Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung und einem patriarchalen Backlash.

Violet will daran vorerst nicht denken. Sie muss jetzt nach Hause, die Kinder warten. Allen politischen Krisen zum Trotz wurden in den Maquilas vor allem zum Jahresanfang wieder Arbeiter:innen eingestellt. Violet hat sich dieses Jahr erneut beworben.

Dieser Artikel wurde finanziell durch den Medienfonds «real21 – die Welt verstehen» unterstützt.