Nr. 24/2011 vom 16.06.2011

«Wenn es heiss ist, dann ist es richtig heiss»

Die mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez gilt als Welthauptstadt des Verbrechens. Hier herrscht nicht nur ein Krieg zwischen Drogenkartellen und Sicherheitskräften. Sondern eine Ordnung, in der das Recht des Stärkeren brutal und schrankenlos durchgesetzt wird.

Von Toni Keppeler, Ciudad Juárez

Ciudad Juárez ist eine Stadt, die es nicht geben sollte. Zumindest nicht so, als Welthauptstadt des Verbrechens. 2008 gab es hier rund 1000 Morde, 2009 waren es gut 2000 und im vergangenen Jahr über 3000. Und das in einer Stadt mit gerade 1,3 Millionen EinwohnerInnen. Statistisch gesehen sind Bagdad oder Kabul im Vergleich dazu sichere Orte. Und nichts deutet darauf hin, dass es 2011 besser werden könnte. Wer geht da schon gerne hin?

«Niemand», sagt die junge Frau im Tourismusbüro gleich hinter der Autobahnbrücke, die nach Texas hinüberführt. Es ist eine von Licht durchflutete Halle, die Klimaanlage hat die Temperatur auf Kühlschrankniveau heruntergedrückt, an den Wänden stehen Regale mit Prospekten. Draussen auf dem Mittelstreifen der Grenzautobahn haben HändlerInnen ihre fliegenden Büros aufgebaut, mit Minischreibtisch, Laptop und Drucker, betrieben von einer Autobatterie. Sie verkaufen Autoversicherungen für die USA. In Mexiko sind Haftpflichtversicherungen für Autos nicht obligatorisch, nur 25 Prozent der AutobesitzerInnen haben eine.

BesucherInnen des Tourismusbüros müssen sich in ein dickes Buch eintragen, mit Datum, Name, Herkunftsland und dem Grund ihres Besuchs in Ciudad Juárez. Der letzte Besucher kam vor vier Tagen – ein Mexikaner, der auf der Suche nach dem US-Konsulat ins Büro gekommen war. Er hat denselben Grund angegeben wie alle auf dieser Seite und auf den Seiten davor: Visaangelegenheiten. Nach einigem Blättern erst stösst man auf den ersten Ausländer. Ein US-Amerikaner, der als Grund seines Aufenthalts angegeben hat: «Der einzige Tourist in Ciudad Juárez.»

Die Presse übertreibt

«Es kommen keine Touristen mehr», sagt die Angestellte. Das sei schon so, seit sie hier arbeite. Vor drei Jahren sei sie gekommen, aus der Hauptstadt, wegen des Jobs. Ob sie denn keine Angst habe? «Nein», sagt sie. «Die Presse übertreibt. Mir ist noch nichts passiert.» Ihren Namen will sie nicht nennen. Also doch Angst? «Nein», sagt sie und lacht. Es sei einfach so, dass nur der Chef Auskünfte geben dürfe, die über touristische Informationen hinausgehen würden.

Und was lohnt sich, rein touristisch gesehen, in Ciudad Juárez? «Das historische Zentrum ist ganz nett», sagt sie. Und auch sicher? «Aber ja. Da ist es ruhig, da können Sie am Tag ohne Sorge spazieren gehen. Nachts müssen Sie ein bisschen aufpassen. Aber wo muss man heutzutage nachts nicht aufpassen?» Sie geht ins Lager hinter dem Besucherraum und kommt mit einer Broschüre zurück: «Downtown historic walkingtour». «Haben wir leider nur auf Englisch.» Das Heft ist aus dem Jahr 2001. Vom Drogenkrieg steht kein Wort drin. Auch nicht von den Hunderten von Frauenmorden, die es damals schon gab und die Ciudad Juárez über Mexiko hinaus bekannt gemacht haben.

Das Zentrum ist nicht so, wie man es sich von einer boomenden Millionenstadt erwartet. Eine dem Kolonialstil nachempfundene Kathedrale, der Platz davor mit einem kleinen Park. Drum herum heruntergekommene Häuser mit Arkadengängen, aus den Läden plärrt die populäre Mariachi-Musik. Sie verkaufen billige Klamotten und Haushaltswaren. Um die Mittagszeit füllt sich der Park. Die Männer tragen Cowboyhüte oder Baseballkappen. Viele haben einen Schnurrbart, manche sogar Schlangenlederstiefeletten. Sie setzen sich auf die Bänke und Mäuerchen im Schatten und essen die von fliegenden HändlerInnen gebrachten Hotdogs und Tacos. In Mexiko sehen die Zentren der Provinzstädtchen fast alle so aus.

Nur ein paar fotokopierte Blätter, an die Säule einer Arkade geklebt, erinnern an Mord und Totschlag. Sie zeigen Fotos und Beschreibungen von jungen Frauen, die spurlos verschwunden sind. Die älteste aus dieser makabren Galerie ist bereits 1998 verschwunden, dem Jahr, in dem die jüngste geboren wurde. Wegen der vielen anderen Toten hat man die Frauenmorde schon fast vergessen.

Für die wahnsinnige Kriminalität gibt es eine einfache Erklärung: Sie ist das Ergebnis des Kampfes zweier Drogenkartelle gegeneinander und beider gegen Polizei und Militär. Das ist durchaus richtig, kann aber nicht die ganze Wahrheit sein. Die schnelle Antwort blendet die Frage aus: Warum gerade Ciudad Juárez? Es gibt auch andere Grenzstädte, in denen Drogenkartelle um die Vorherrschaft streiten: Tijuana oder Mexicali, Nuevo Laredo, Reynosa, Matamoros.

Ja, warum eigentlich Ciudad Juárez, diese Stadt, die scheinbar sinnlos mitten in die Wüste von Chihuahua gebaut wurde? Mit einem provinziellen Zentrum, langweiligen Wohngegenden, Geschäftsvierteln und Industriegebieten, einfach so hingeschüttet in der breiten Ebene des Juáreztals, die Stadtteile verbunden durch vielspurige Strassen, scheinbar ohne jeden Plan. Im Sommer herrschen hier über 40 Grad Hitze, im Winter bis zu 20 Grad Kälte. Die Stadt hat noch endlos viel Platz zum Weiterwachsen und -wuchern. Nur der Río Grande im Norden zieht eine Grenze – dahinter beginnen die USA.

Pionierin des Liberalismus

Wäre diese Grenze nicht, dann wäre Ciudad Juárez noch immer das verschlafene Provinznest, das es lange war. Gegründet wurde es am 8. Dezember 1659 unter dem Namen Presidio Paso del Norte, als Zwischenstation an einem alten indianischen Pfad durch die Wüste. Hier konnte man die Pferde tränken. Als der Flecken 1848 nach dem Krieg zwischen Mexiko und den USA entlang des Río Grande geteilt wurde, hatte er gerade einmal knapp 2000 EinwohnerInnen. Der nördlich gelegene Teil heisst bis heute El Paso und liegt in Texas, das mexikanisch gebliebene Paso del Norte wurde 1888 in Ciudad Juárez umbenannt. Man wollte damit Präsident Benito Juárez (1861 bis 1872) ein Denkmal setzen. Er war im Oktober 1864 vor französischen Interventionstruppen in das Wüstenkaff geflohen und hatte ein Jahr lang dort residiert.

Benito Juárez war ein durch und durch liberaler Politiker, der unter anderem das indianische Gemeindeland abschaffen wollte. Fortschritt, glaubte er, gibt es nur mit Privateigentum und Kapitalismus. Die Entwicklung, die Ciudad Juárez Ende des 20. Jahrhunderts genommen hat, hätte ihm gefallen: Innerhalb weniger Jahre wurde aus der langweiligen Wüstenstadt ein Zentrum der Fertigungsindustrie. Vor allem Textil- und Elektrofirmen haben sich hier niedergelassen. Maquiladoras nennt man diese Schwitzbuden. Im Tourismusprospekt rühmt sich die Stadt, Pionierin auf diesem Gebiet gewesen zu sein.

Die erste zollfreie Produktionszone wurde bereits 1967 auf der 333 Hektar grossen Halbinsel Chamizal im Río Grande eingerichtet. Mexiko stellte das Land und die billigen Arbeitskräfte, die Firmen aus dem Norden nahmen die Gewinne mit. So funktioniert das bis heute.

Damals war Ciudad Juárez so, wie sein Zentrum heute noch ist. Immer wieder hatte die Stadt von der Grenze profitiert, vor allem während der Prohibition in den USA. Alkoholschmuggler aus dem Norden konnten den Schnaps in Hektolitern gleich hinter der Grenzbrücke in der Avenida Benito Juárez einkaufen. In einer Bar soll dort damals das Tequila-Mixgetränk Margarita erfunden worden sein. Der Schmuggel brachte zwar auch die eine oder andere Schiesserei mit sich, aber alles in erträglichem Rahmen. Ein bisschen Wilder Westen eben.

Auch als Krankenstation der USA war die Stadt bis vor kurzem beliebt. Behandlungen und Medikamente kosten hier nur einen Bruchteil dessen, was ÄrztInnen jenseits der Grenze auf die Rechnung schreiben. In den Aussenvierteln von Ciudad Juárez entstanden ganze Stadtteile voller Arztpraxen und Privatkliniken. In El Paso boten Tourismusunternehmen Tagesausflüge mit historischen Bimmelbahnen über die Grenze an, mit Halt an den paar Sehenswürdigkeiten, an einer Lederfabrik für Cowboy-Accessoires und an der billigsten und grössten Apotheke. In besseren Restaurants hängen noch heute Schilder in englischer Sprache: «Das Tragen von Schuhen und Hemden ist erwünscht!» Man kann sich vorstellen, wie sich manche Gringos in der Wüstenhitze benahmen.

Alles billig

Zur Boomtown aber wurde Ciudad Juárez erst 1994, mit dem Nordamerikanischen Freihandelsvertrag. Draussen in der Wüste entstanden innerhalb weniger Jahre riesige neue Maquiladora-Zonen und noch weiter draussen Wohnviertel für die ArbeiterInnen. Die Häuschen waren billige Massenware, oft nicht einmal dreissig Quadratmeter gross, eines ans andere geklebt. Und weil der Wohnungsbau mit der Entwicklung der Industrie nicht mithalten konnte, entstanden um diese Arbeiterviertel herum Slums mit Hütten aus Holz, Wellblech und Pappe. Kein Park wurde in diesen sozialen Wüsten geplant, kein Fussballplatz, nicht einmal ein Einkaufszentrum. Die einzige Anbindung der neuen Stadtteile war oft nur der Bus ins Industriegebiet.

Arbeitskräfte gab es genug. Die kamen aus dem Süden Mexikos. Seit mit dem Freihandelsvertrag die Zollschranken gefallen waren, wurde die kleinbäuerliche Landwirtschaft Opfer billiger Maisimporte aus den USA. Die EinwohnerInnenzahl von Ciudad Juárez hat sich seither verdoppelt.

In den Fabriken von Ciudad Juárez war weibliche Arbeitskraft weitaus mehr gefragt als männliche. Frauen gelten als zuverlässiger, fleissiger und geschickter für die einfachen Näh- und Montagearbeiten. Die Männer der einwandernden Familien blieben oft ohne Job.

In diesen Jahren begann die Serie von Frauenmorden. Was nicht heissen soll, dass es frustrierte arbeitslose Machos waren, die junge Fabrikarbeiterinnen entführten, vergewaltigten, folterten und zerstückelten. Die Morde sind bis heute nicht aufgeklärt und gehen weiter.

In vielen dieser Industrieparks ist es heute still. Neue, meist strahlend weiss gestrichene Hallen, breite Strassen, menschenleer. Allenfalls ein einsamer privater Wachmann mit Hund. Seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise hat Ciudad Juárez über 160 000 Arbeitsplätze verloren. In den USA brach der Markt für die hier hergestellten Produkte ein, die Unternehmen gingen genauso schnell weg, wie sie einst gekommen waren. Und jetzt, da sich die Wirtschaft im Norden langsam erholt, kommen sie trotzdem nicht zurück. Sie fürchten die hohen Kosten für die Sicherheit, und vor allem fürchten sie Entführungen und Erpressung. «Das ist ein grosses Problem», sagt Alejandro Seade, der Vorsitzende der Handelskammer von Ciudad Juárez. «Viele haben geschlossen, und wer das noch nicht getan hat, traut sich nicht zu werben.» Es trifft nicht nur die Grossen, es trifft auch die ganz Kleinen: Neunzig Prozent der kleinen Geschäfte haben in den vergangenen drei Jahren wegen der Bürde der Schutzgelderpressung geschlossen.

Vielfältiges Verbrechen

Wer da im Einzelnen genau erpresst und entführt, ist längst nicht mehr klar. Eine ganze Reihe von Drogenkartellen stehen da zur Auswahl: das von Juárez, das von Sinaloa, das des Pazifiks oder das der Gebrüder Leyva Beltrán. Dazu kommen kriminelle Jugendbanden und korrupte Bedienstete der kommunalen, der staatlichen und der Bundespolizei. Und nicht zu vergessen: TrittbrettfahrerInnen, die die allgemeine Kriminalität nutzen, um in ihrem Windschatten eigene krumme Dinge zu drehen.

Bis Anfang 2008 war die Lage noch übersichtlich. In der Stadt herrschte das Kartell von Juárez. Sein Chef Vicente Carrillo Fuentes, genannt «El Viceroy» («der Vizekönig»), hatte mit der Hilfe seines Geschäftsführers «El JL» oder auch «El Dos Letras» («der mit den zwei Buchstaben») die Stadt im Griff. Wie der Mann mit bürgerlichem Namen heisst, darüber gibt es verschiedene Vermutungen. Jedenfalls kam er 2004 nach Ciudad Juárez und hat als Erstes Polizei und Staatsanwaltschaft korrumpiert. Nach einer bekannt gewordenen Gehaltsliste bekamen einfache PolizistInnen monatlich 2000, KommandantInnen von Polizeieinheiten 5000 und hohe FunktionärInnen 20 000 US-Dollar für ihre Dienste. Mit diesen korrupten BeamtInnen baute «El JL» die Organisation La Linea (die Linie) auf: eine Schutztruppe für Drogentransporte hinüber nach Texas.

In den Jahren davor schon war das Sinaloa-Kartell unter der Führung von Joaquín Guzmán alias «El Chapo» («der Kleine») zur führenden Drogenfirma im Nordwesten Mexikos aufgestiegen. «El Chapo» ist ein kleiner Mann, der unter seiner Statur von 1,65 Metern leidet. Er soll kultiviert sein, charmant und ein sehr guter Schachspieler. 2004 kam es zu ersten Scharmützeln zwischen dem Sinaloa- und dem Juárez-Kartell. In ihrem Verlauf wurden Rodolfo Carrillo Fuentes alias «El Niño de Oro» («das Goldkind») und Arturo «El Pollo» («das Huhn») Guzmán erschossen. Beides waren jüngere Brüder der beiden Kartell-Kapos. Es drohte ein Krieg, doch «El Chapo» überzeugte seinen Gegner «El Viceroy», dass es besser sei, Verträge abzuschliessen: Er greift das Juárez-Kartell nicht an. Im Gegenzug kann das Sinaloa-Kartell seine Ware ungehindert durch das Gebiet von «El Viceroy» transportieren.

Der Vertrag hielt bis 2008. Ein gutes Jahr zuvor hatte Mexikos konservativer Präsident Felipe Calderón seinen «Krieg gegen die Drogen» ausgerufen, das Militär in den Kampf gegen die Kartelle geworfen und damit das labile Gleichgewicht im Norden des Landes durcheinandergebracht. Jeder suchte sich zu stärken. Das Juárez-Kartell schloss sich mit dem der Brüder Beltrán Leyva zusammen, ehemaligen Verbündeten des Sinaloa-Kartells. Dieses wiederum machte gemeinsame Sache mit dem Pazifik-Kartell, einer Abspaltung des Juárez-Kartells. Die Spannung zwischen den Vertragspartnern stieg.

Als im Januar 2008 Alfredo Beltrán Leyva alias «El Osito Bimbo» («das Bimbo-Bärchen») verhaftet wurde, glaubte dessen Bruder, «El Chapo» habe ihn an die Polizei verpfiffen. Als Rache wurde am 9. Mai Edgar Guzmán, der Sohn von «El Chapo», bei einer Schiesserei in Culiacán im Bundesstaat Sinaloa niedergestreckt. In derselben Stadt fand man am 29. Oktober die verbrannte Leiche von José Cruz Carrillo Fuentes. Er war der jüngste Bruder von «El Viceroy».

Das Auftauchen der Paramilitärs

Das Gemetzel zwischen den beiden Familien hatte Folgen. «El Chapo» blies zum Grossangriff auf Ciudad Juárez. Dort hatte der damalige Bürgermeister José Reyes Ferréz im September gut 500 PolizistInnen wegen Korruption entlassen. Die Hilfstruppe La Linea und damit auch das Kartell von Juárez waren empfindlich geschwächt worden.

«El Chapo» hatte auf eine solche Chance nur gewartet. Und er war vorbereitet. Er rückte nicht – wie bei Kartellen vorher üblich – mit schiesswütigen Pistoleros an, die man unter Arbeitslosen und Kleinkriminellen rekrutiert hatte. Er kam mit einer disziplinierten Truppe von 500 Paramilitärs, die von korrupten Soldaten einer Eliteeinheit der Armee ausgebildet worden waren. Vor Ort schloss er sich mit kriminellen Jugendbanden zusammen, die ohnehin einen starken Schutzpatron suchten. Denn das Juárez-Kartell hatte nur mit der Gang Los Aztecas zusammengearbeitet und dieser den lokalen Drogenmarkt mit seinen 6000 Verkaufsstellen überlassen. Die anderen grossen Jugendbanden – Los Mexicles, Artistas Asesinos (die künstlerischen Mörder) und La Gente Nueva (die neuen Leute) – fühlten sich übergangen. Sie liessen sich gerne von «El Chapo» unter die Arme greifen.

Der Kampf um Ciudad Juárez weitete sich so von den Kartellen auf die rund 80 000 Mitglieder von Jugendbanden aus. Und er diversifizierte sich: Es geht nicht mehr nur um die Kontrolle von Transportwegen in die USA und auch nicht nur um den lokalen Drogenmarkt. Es geht um Entführung, um Schutzgelderpressung, um Autodiebstahl.

Pro Tag werden im Durchschnitt 54 Autos gestohlen, zum Teil von fünfzehnjährigen Jungs. Banken werden bisweilen von den eigenen Bediensteten überfallen. Ein staatliches Kreditprogramm für KleinunternehmerInnen brach zusammen, weil KreditnehmerInnen, kaum dass sie das Geld in Anspruch genommen hatten, erpresst wurden – mutmasslich von Angestellten der am Programm beteiligten Finanzinstitute. AnwältInnen sehen sich einen Fall drei Mal an, bevor sie ihn übernehmen, selbst bei Zivilangelegenheiten. «Wenn man für einen Klienten eine Scheidung einreicht, kann man plötzlich entdecken, dass auf der Seite der Gegner ein Verwandter zum organisierten Verbrechen gehört», erzählt Oscar Luis Acosta, Vorsitzender der örtlichen Anwaltskammer. Dann wird es gefährlich. «Es wird immer schwieriger, den Leuten zu ihrem Recht zu verhelfen. Viele von uns werden erpresst oder entführt.» 38 KollegInnen von Acosta sind in den vergangenen drei Jahren ermordet worden.

Der Friedhof San Rafael liegt gut fünfzehn Kilometer vor der Stadt. Den Weg dorthin säumen Schrottplätze, auf denen gestohlene Autos zerlegt und in Einzelteilen verkauft werden. Mehr als umgerechnet hundert Franken bekomme man nur selten für einen abgelieferten Wagen, wissen Kenner der Szene. Ein Geschäft für kleine Fische.

Der Friedhof ist so traurig, wie ein Friedhof mitten in der Wüste nur sein kann. Graubraune trockene Erde, blattlose Gerippe von Büschen, vom Wind zerstreute Plastikblumen. Die Totengräber warten nicht, bis eine Beerdigung anberaumt wird, sie arbeiten auf Vorrat. Zehn, zwölf ausgehobene Gräber sind immer bereit, selbst in der riesigen Kinderabteilung gleich hinter dem Feld für nicht identifizierte Leichen. «Betreten verboten», steht auf einem Schild vor diesem Massengrab. In den Boden gesteckte Stahlrohre markieren, wo ein unbekannter Toter liegt. Manche dieser Rohre sind mit einer Plastikrose geschmückt.

An Waffen mangelt es nie

Rund zwei Dutzend Menschen werden in San Rafael täglich unter den Boden gebracht. Durchschnittlich zehn von ihnen sind erschossen worden – die mit Abstand häufigste Todesursache. Trotzdem stirbt die Stadt nicht aus. Täglich werden von den US-Behörden mehrere Busse und Flugzeuge voller Latinos aus allen Gegenden der USA nach El Paso gebracht und dort über die Fussgängerbrücke nach Ciudad Juárez geschickt. Manche von ihnen wurden einfach nur ohne Papiere geschnappt. Andere sind straffällig geworden und kommen direkt aus dem Gefängnis. Da stehen sie dann, mitten im Zentrum und ohne Geld. Wenn es für sie einen Job gibt, hat der meist mit kriminellen Machenschaften zu tun.

Auch an Waffen mangelt es nie. In den USA gibt es entlang der 3500 Kilometer langen Grenze zu Mexiko 12 700 legale Waffengeschäfte. KriminalistInnen schätzen, dass täglich 2000 Schusswaffen über den Río Grande geschmuggelt werden. In den vergangenen zwei Jahren haben die GrenzerInnen gerade mal 386 beschlagnahmt.

Die Bundespolizei tut so, als könne sie die allgegenwärtige Kriminalität zurückdrängen. Durch die besseren Wohn- und Einkaufsviertel patrouillieren Hunderte ihrer Pick-ups. Auf die Ladefläche sind Gerüste geschweisst, sie dienen den schwarz gekleideten Männer als Halt. Sie tragen schusssichere Westen, Stahlhelme, Gesichtsmasken. Das Sturmgewehr haben sie immer im Anschlag, den Finger am Abzug. Nur sie kommen ungehindert durch die Strassensperren ihrer Kollegen, die den Verkehr alle 300 oder 400 Meter aufhalten und waffenstrotzend das Innere der langsam passierenden Wagen beäugen. Im Hintergrund lauert Verstärkung in einem gepanzerten Transporter.

Entfesselter Raubtierkapitalismus

Eine beklemmende Atmosphäre: Die meisten Läden und Arztpraxen sind geschlossen, die riesigen Parkplätze an den Shoppingmalls so gut wie leer. Ausser den Bundespolizisten ist so gut wie niemand auf der Strasse. Hilft das tatsächlich? «Ach was, alles Theater», sagt eine Krankenschwester, die im Eingang einer der wenigen noch geöffneten Privatkliniken steht und raucht. «Viele von denen gehören doch selbst dazu.»

Denkt man da nicht ans Wegziehen? «Mir ist noch nichts passiert», sagt die einsam rauchende Frau. «Ich stehe früh auf und gehe zur Arbeit und bin vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause. So machen das alle.» Und kaum einer verlässt die Stadt. Nach der Statistik der Stadtverwaltung wächst Ciudad Juárez weiter, wenn auch nicht mehr so schnell wie in den Jahren des Maquiladora-Booms.

Mit diesem Boom hat alles angefangen. Die Öffnung der Grenze für Waren, nicht aber für Menschen, hat einen Raubtierkapitalismus entfesselt, in dem das Recht des Stärkeren gilt und der Schwächere gnadenlos ausgepresst wird. Alte Sozialstrukturen brachen zusammen, eine neue Ordnung ist entstanden. Die vielen Spielarten der Kriminalität, vom Diebstahl über Korruption bis hin zum Massaker, setzen diese Ordnung nun brutal und schrankenlos durch.

Die Unbeteiligten nehmen es mit Fatalismus hin. Da könne man nichts machen, sagt die Krankenschwester. Ciudad Juárez sei nun einmal eine extreme Stadt. «Wenn es heiss ist, dann ist es richtig heiss. Und wenn es kalt ist, dann ist es richtig kalt. Wenn es Wind gibt, dann ist es ein richtiger Wind und nicht nur eine Brise. Und jetzt gibt es eben Gewalt.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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