Graphic Novel: Soft Space aus Hardware
Zärtlichkeit mit Schaltkreisen? In Lina Ehrentrauts Graphic Novel «Toys» berühren sich Kummer und Lust mit dem Wunsch, sich selbst neu zu erfinden.
Tony liegt auf dem Sofa und raucht. Lover Patrice antwortet auffällig selten. Die Beziehung zum eigenen Körper: wegen prämenstruellen Syndroms von starkem Unwohlsein geprägt. Die selbst aufgebaute Sextoyfirma: vor kurzem verkauft.
An diesem Wendepunkt gesellen sich unter Tränen Zukunftsängste und Selbstzweifel hinzu: «Traurige Tage bestehen daraus, Details unendlich in die Länge zu ziehen.» In diese Tristesse fällt ein Paket der alten Firma. Als Tony es öffnet, liegt darin ein Sexroboter, der sich nach allen Vorlieben einstellen lässt und unverhofft Zuversicht in einer zerbrechlichen Phase schenken wird.
Für «Melek + ich» (2021) wurde Lina Ehrentraut mit dem renommierten Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comicdebüt ausgezeichnet. In «Toys» nun erzählt Ehrentraut mit flirrendem Rhythmus vom Alleinsein und Begehren einer jungen nonbinären Person. Auf Partys findet Tony nicht die ersehnte Nähe. Die Fernbeziehung läuft gerade alles andere als gut, und beim «SpongeBob»-Schauen im Bett fühlt sich Tony ziemlich einsam. Und dann kreist durch den Körper auch noch eine scheinbar endlose Lust – eingefangen in schnell atmenden, schwitzenden Zeichnungen. Fantasie und Realität verfliessen zunehmend durch die Seiten. Mit der unerfüllten Lust wachsen auch Zweifel – am Verlangen und an sich selbst.
Erstaunlich unproblematisch
In Schwarz-Weiss gehalten, ist «Toys» durchzogen von Linien, die beim Lesen fast ein wenig zu zittern beginnen, mal vor Lust, mal vor Weichheit, mal vor Angst. Die Erzählung bleibt auch im Zeichnungsstil elastisch: «Toys» steht nie still. Ehrentrauts Graphic Novel zieht nach vorne, mal stärker, mal schwächer und ab und zu in grossen, doppelseitigen Panels mit Raum zum Durchatmen. Hechelnde Pausen, die beim Lesen Ruhe geben, werden zur intensivsten Leseerfahrung. Bilder mit wenigen Worten sprechen auf diesen Seiten eine sinnliche Sprache: unter Sternenhimmeln, auf Discoparkplätzen oder in Badezimmern – da, wo die Sehnsucht am lautesten schreit.
«Sandy Cheeks», wie Tony den Sexroboter tauft, ist in «Toys» eine Reibungsfläche in alle Richtungen. Einerseits verkörpert er eine Möglichkeit, die eigenen Fantasien auszuleben und herauszufinden, was Tony eigentlich sexy findet. Andererseits kommen schnell innere Widerstände gegen den Roboter auf. Zwar bietet Sandy «sinnliche Erfahrungen» an, dabei sehnt sich Tony nur nach menschlicher Nähe. So bleibt Sandy eher Überforderung als genüsslicher Eskapismus – zumindest in der Funktion als Sextoy. Denn als Tony den Wunsch äussert, den eigenen Körper auch so umformen zu können, wie der Roboter das kann, bietet Sandy genau das an – im Tausch gegen die Erlaubnis, Emotionen haben zu dürfen.
Wie bereits in «Melek + ich» nutzt Lina Ehrentraut Elemente der Science-Fiction, um eine queere Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Begehren zu erzählen. Es fällt jedoch auf, wie erstaunlich unproblematisch dieses Verhältnis bleibt: «Toys» zeichnet künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung oder fragwürdiges Werkzeug, sondern fast ausschliesslich als empathisches Gegenüber. Das wirkt zunächst überraschend glatt. Gleichzeitig erweitert gerade diese Sanftheit den Raum für Fantasien und macht eine Facette sichtbar, die im Umgang mit KI selten erzählt wird: ein Verhältnis, das nicht auf Angst oder Kontrolle gründet, sondern auf Fürsorge. Es ist eine utopisch anmutende Setzung, die wohltuend wirkt und dennoch manches ausgeblendet lässt. Vielleicht lädt aber gerade diese bewusste Leerstelle dazu ein, die Ambivalenzen gegenüber KI weiter zu reflektieren.
Tony lernt mit der Zeit mehr über sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Der Körper wird zu einem Zuhause. Und anstatt auf Lover Patrice zu warten, findet Tony Platz für neue Erlebnisse, sei es der Sex mit Freund:innen oder ein spontaner Flirt zwischen tanzenden Körpern. Beziehungsmuster bleiben dabei stets fluide. «Toys» entwickelt sich in vorsichtigen Schritten vom tröstlichen Gefühlsbad zum Erlebnisraum für ein lustvolles Ausprobieren der eigenen Geschlechtsidentität und Sexualität – einem Raum, in dem es möglich ist, einfach da zu sein, ohne Ablehnung zu erfahren.
Zusammen aufatmen
«Toys» umkreist die Frage, was Lust, Nähe und Identität alles sein können. In diesem Orbit entwirft Lina Ehrentraut eine alternative Zukunft, in der das Menschliche im Dialog mit der KI nicht seine Grenzen verliert, sondern an Tiefe gewinnt. Die Leser:innen erwartet in «Toys» kein gesellschaftlicher Befund, sondern vielmehr eine fragile Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, die KI bietet, um uns selbst zu erweitern.
Wenn sich Tony und Sandy solidarisch zueinander zeigen, ist das denn auch nicht so sehr die Auflösung einer komplexen Thematik als ein Moment des Aufatmens: Technologie, die nicht Entfremdung bedeutet, sondern Ergänzung. Zwischen Schmerz und Begehren entsteht etwas Drittes – ein Raum, der kompromisslos zärtlich bleibt, auch wenn er zur Hälfte aus Schaltkreisen gebaut ist.