Comic : Freundlichkeit als evolutionärer Vorteil

Nr. 12 –

In «Die Frau als Mensch» wirft Ulli Lust die gängigen Vorstellungen unserer Vergangenheit über den Haufen. Dafür erhielt die österreichische Illustratorin den Deutschen Sachbuchpreis.

Ausschnitt aus dem Comic: mehrere Frauen sitzten nackt beisamen
Von Geburten, von Schamaninnen geführt, bis zur Grosswildjagd: Was in Ulli Lusts Comic heraussticht, ist Nähe und ein Leben, das nur in Gemeinschaft funktioniert. Zeichnung: Ulli Lust

Der Stärkere gewinnt? Von wegen! Wie Frühgeschichte helfen kann, unsere Gegenwart besser einzuordnen, zeigt die Comiczeichnerin Ulli Lust in «Die Frau als Mensch».

«Dass man sich gut fühlt, wenn man ein freundlicher Mensch ist», antwortet Ulli Lust mit schallendem Lachen auf die Frage, was ihre Leser:innen mitnehmen sollen aus der Lektüre von «Die Frau als Mensch». Bestimmt fährt sie fort: «Und Frauen sollen sich in ihrem Körper gut fühlen. Viele der Erzählungen über uns Frauen sind von Mythen verstellt. Dabei gibt es in unserer Vergangenheit viele Spuren und Indizien, die in andere Richtungen weisen.»

Wenn die österreichische Illustratorin von «unserer Vergangenheit» spricht, meint sie: Tausende von Jahren. «Die Frau als Mensch», ihr Sachcomic über die Jungsteinzeit, wurde 2025 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet – als erster Comic überhaupt. Im zweiten Band beschäftigt sie sich nun weiter mit Gesellschaften der Eiszeit und der Rolle der Frau in der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte. Es geht um die Anfänge der Kunst in Europa oder die Bedeutung von Empathie, archäologische Befunde stehen neben spekulativen Szenen. Eine Frau zieht durch den Winter, presst ein Neugeborenes an sich, eine andere steigt als Schamanin in die Welt der Toten hinab. Dazwischen Hände, die aus Stein kleine Körper formen, die gebären, die erzählen.

Gegenbilder zum Jetzt

In beiden Bänden bricht Ulli Lust bewusst mit tradierten Erzählungen und bringt damit Gewissheiten ins Wanken. So waren beispielsweise «Heldenreisen» keineswegs nur Männern vorbehalten, und frühe Kunst enthielt keine Gewaltdarstellungen von Menschen gegen Menschen. Immer wieder wirft «Die Frau als Mensch» subtile Gegenbilder zu gängigen, patriarchal geprägten Geschichtsvorstellungen auf – zum Beispiel, wenn in den Panels gezeigt wird, dass der Umgang in und zwischen Gemeinschaften mehrheitlich friedlich war. «Fürs Neolithikum gibt es nur selten Hinweise darauf, dass es in Siedlungen eine Verteidigungsstruktur gab», erklärt die Autorin im Gespräch. «Daraus lässt sich schliessen, dass die Gesellschaft nicht auf Aggression ausgerichtet war.» Der Mythos des kriegerischen Helden sei bis zur Bronzezeit einige Tausend Jahre später kein Thema gewesen, führt sie weiter aus: «Frühgeschichtlich betrachtet, hatte Freundlichkeit definitiv einen Vorteil. Es waren offenbar die freundlichen Männer, die sich fortgepflanzt haben, nicht die aggressiven.»

Schon früher nutzte die Illustratorin den Comic zur Auseinandersetzung mit feministischen Themen – etwa in «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» (2009) oder in «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» (2017), beides autobiografische Erzählungen über das Aufwachsen als junge Frau im Kontext von freier Liebe und sexueller Selbstbestimmung. Für «Die Frau als Mensch» nutzt Ulli Lust nun den Comic, um ihre frühgeschichtliche Recherche atmosphärisch darzustellen: «Ich kann so ein Europa ohne Städte, ohne Strassen, ohne Landesgrenzen in meinen Zeichnungen aufleben lassen.» Dabei zeichnet sie kein fernes Damals, sondern eine Gegenwart, die sich anfassen und deren Rauch, deren Wind, deren Erde sich riechen lassen.

Leben in Gemeinschaft

So werden die Frühgeschichte und das Zusammenleben eiszeitlicher Gemeinschaften lebendig: von Geburten, von Schamaninnen geführt, bis zur Grosswildjagd in den Weiten der Mammutsteppe. Auf den üppig illustrierten Seiten zeigt sich, wie wichtig das Zusammenleben war. Wer in den Bildern nach dem einsamen, egoistischen Kämpfer sucht, findet ihn nicht. Was heraussticht, ist Nähe und ein Leben, das nur in Gemeinschaft funktioniert.

«Schaut man sich frühgeschichtliche Gemeinschaften an, fällt auf: Die waren meistens egalitär aufgebaut», sagt Ulli Lust. «In der Moderne brauchten unsere späteren Vorfahren andere Organisationssysteme, als sich grössere soziale Gebilde entwickelt haben – aber der Blick in die Vergangenheit ist lohnenswert, um zu schauen, wie sich alternative Gesellschaftsformen imaginieren lassen.» Stellvertretend dafür können zwei doppelseitige Panels gegen Ende des zweiten Bandes gelesen werden: Beide zeigen denselben Landstrich, einmal die leere Weite mit Tieren vor 30 000 Jahren, einmal heute mit surrenden Stromleitungen und brummender Fernstrasse. Nach der Lektüre wirkt dieses Jetzt weniger alternativlos, viel eher wie eine sehr junge Realität.

«Den homozentrischen Blick, den die heutige Gesellschaft einnimmt», so Lust, «würde ich gerne gegen einen pluralistischen austauschen.» Das falle einem leichter, wenn man, wie Jägerinnen und Sammler, in der Natur und mit den Tieren lebt. Diese Blickverschiebung wirkt erstaunlich naheliegend, vor allem in einer Gegenwart, in der sich weltpolitische Aggressionen häufen und politische Diskussionen verschärfen. Freundlichkeit als produktive Antreiberin für Gemeinschaften? Das scheint erst eine zu einfache Antwort, vielleicht gar ein wenig naiv – aber nur, wenn man gängigen Erzählmustern verhaftet bleibt. In der Frühgeschichte erscheint sie nicht als Ausnahme, sondern als funktionierende Konstellation, an der sich festhalten lässt.

Vielleicht steht am Ende nicht die Natur des Menschen zur Debatte. Sondern die Geschichten, die wir über sie so oft erzählt haben, bis sie wie Natur klangen.

«Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte» (2025) und «Die Frau als Mensch. Schamaninnen» (2026) sind im Reprodukt-Verlag erschienen.